Moderator Rolf Cavalli: Herr Geissberger, wenn Ihnen jemand bei der Vertragsverlängerung mit Marco Schällibaum vor zwei Monaten vorausgesagt hätte, dass Sie am 7. Juni bereits wieder einen neuen Trainer präsentieren, was hätten Sie ihm dann gesagt?

Roger Geissberger: "Das war definitiv nicht das Ziel. Ich habe 100 Prozent an Marco Schällibaum geglaubt. Wir hofften, dass die Spieler kein Alibi mehr haben, um sich hinter dem Trainer zu verstecken. Im Nachhinein war die Vertragsverlängerung sicherlich ein Fehler."

Am Anfang habe auch die Sportredaktion der az geglaubt, Marco Schällibaum werde "den FC Aarau rocken". Ob auch er sich geirrt habe, wollte Rolf Cavalli von François Schmid-Bechtel wissen.

Schmid: "Nein, aber leider war es nur ein halbes Jahr, in dem er gerockt hat. Danach passte die Konstellation mit Sportchef Raimondo Ponte nicht, die konnten nicht zusammen."

Von links nach rechts: Roger Geissberger, FC-Aarau-Verwaltungsrat, François Schmid-Bechtel, Sportredaktor Aargauer Zeitung und Moderator Rolf Cavalli.

Talk Täglich mit FCA-Verwaltungsrat Roger Geissberger

Von links nach rechts: Roger Geissberger, FC-Aarau-Verwaltungsrat, François Schmid-Bechtel, Sportredaktor Aargauer Zeitung und Moderator Rolf Cavalli.

Der FCA hat mit anderen Trainern verhandelt, bevor er mit Schällibaum verlängerte. War er eine Notlösung?

Geissberger: "Nein, das ist nicht so. Man darf nicht blauäugig sein aus der Ferne: Trainer und Spieler sind permanent in Verhandlungen mit anderen Clubs, weil sie sich verbessern wollen. Auch der FC Aarau hat eine Liste von 10 bis 12 Trainern, die wir dauernd bearbeiten. Für Marco Schällibaum war das auch kein Problem, das sind die Gesetzmässigkeiten im Fussball."

Schmid: Schällibaums Selbstbewusstsein ist sicherlich nicht stärker geworden, mit dem Wissen über die anderen Trainerverhandlungen des FC Aarau. Das ist unbestritten." 

Was kostet den Klub der Fehler der Vertragsverlängerung mit Schällibaum?

Geissberger: "Kommt darauf an, Schällibaum ist gerade in Südfrankreich. Wir werden noch mit ihm reden. Grundsätzlich haben wir 1-Jahres-Verträge und selbstverständlich hält der FCA alle Verträge ein. Er hat also Anrecht auf einen Jahreslohn. Oft wollen Trainer aber auch frei sein und eine neue Anstellung annehmen können. Dann können wir eine Auflösungsvereinbarung machen. Den Lohn kommunizieren wir selbstverständlich nicht."

Schmid: "Ich schätze etwa 140-150‘000 Franken im Jahr. Dazu kommt aber auch noch der Lohn des Assitenztrainers, der sicherlich gewechselt wird. Denn wenn man dem neuen einen guten Start ermöglichen will, dann sollte er auch seinen eigenen Assistenztrainer mitbringen dürfen."

«Uns ist auch das Lachen vergangen»: FC-Aarau-Präsident Alfred Schmid über den neuen Trainer und die vergangenen zwei Monate

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Auf einer Skala von 1 (miserabel) bis 10 (grandios): Wo stufen Sie die Saison des FCA ein?

Geissberger: "Wir sind nicht abgestiegen, wie die Presse quasi schreibt. Es ist Platz 5, zwei hinter unserem Ziel. Ich würde ein 5 oder 6 geben, definitiv ungenügend."

Schmid: "Ich weiss nicht, welche Zeitungen Herr Geissberger liest, von Abstieg stand nirgends etwas. Ich gebe dem FC Aarau eine 4 von 10."

Die Fans sind noch kritischer. Die Szene Aarau hat aus Protest zur Leistung der Spieler das letzte Spiel boykottiert. Verstehen Sie das?

Geissberger: "Es ist die normale Reaktion, wir müssen das nichts schön reden, wir haben die Ziele nicht erreicht. Der FCA hat als gut geführter Verein mit guten Finanzen und Sponsoren definitiv mehr Ambitionen. Wir sind zu Ambitionen verpflichtet."

«Ich hatte mit Marco kein so schlechtes Verhältnis, wie die Leute meinen»

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Sportchef Raimondo Ponte blickt nach dem Trainerwechsel in die Zukunft des FC Aarau und analysiert die letzten, schwierigen Monate.

Die Klubführung wird grundsätzlich kritisiert von aussen. François Schmid, was macht Roger Geissberger denn falsch?

Schmid: "Mein Eindruck: Bis anhin hatte der Sporchef Raimondo Ponte relativ wenig Kompetenzen. Das korrigiert man jetzt. Sein Problem war, dass er dem Trainer nicht überstellt war. Dazu kommt das Problem, dass Roger Geissberger zu wenig delegiert hat. Ich unterstelle nicht fehlendes Herzblut für den FC Aarau. Ich glaube aber, dass der FCA profitieren würde, wenn Geissberger sich in gewissen Bereichen etwas würde zurücknehmen."

Geissberger: "Der Sportausschuss besteht aus sechs kompetenten Leuten, drei davon mit UEFA-Pro-Lizenz. Im Sport ist extrem wichtig, dass diskutiert wird über Spieler, das kann ein Sportchef oder Trainer nicht allein. Der FC Aarau hat in den letzten zwei Jahren keinen einzigen Fehltransfer gelandet, alle konnten tschutten, keiner war ein Ausfall."

Schmid (schüttelt den Kopf): "Bin ich nicht einverstanden. Der Spieler Perrier hat nicht viel gebracht, Markaj geht jetzt schon wieder, da können wir noch ein paar andere aufzählen. Aber wichtiger: Wenn man mit Contini oder Saibene verhandelt, warum ist dann der Sportchef nicht dabei? Wir haben gesehen, das der Trainer und der Sportchef nicht zusammen können, wieso verhandelt man dann mit einem potenziellen neuen Trainer ohne den Vorgesetzten?"

Geissberger: "Im Verwaltungsrat bin ich verantwortlich für die Strategie. Zudem mache ich Vertragsverhandlungen und bei den Spielern diskutieren wir mit. Ich habe mich dreimal wöchentlich mit dem Sportchef getroffen. An dem wird sich gar nichts ändern. Es stand klar im Organigramm: Der Chef des Trainers ist der Sportchef. Raimondo Ponte konnte sich gegenüber Marco Schällibaum nicht durchsetzen."

Neuer FC Aarau Trainer

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Nach Schällibaum-Entlassung soll es der neue FC Aarau Trainer Marinko Jurendic richten – sehen Sie hier die Sendung «TalkTäglich» vom Mittwochabend in voller Länge.

Was muss sich beim FCA ändern?

Schmid: "Ich finde, der Vizepräsident macht zu viel Frontarbeit. Beispielsweise die Verhandlungen mit dem Trainer."

Geissberger: " Ich finde diese Kritik absolut nicht richtig. Trainerverhandlungen sind immer Sache des Sportschefs, dem Präsidenten und dem Vize-Präsi. Wir müssen ja die Verträge machen und haben sehr gute gemacht. Im Sportalltag ist es in der Tat nicht richtig, dass ich dabei wäre. Dafür habe ich schlicht auch gar nicht die Zeit."

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Was sind die Ziele des FCA?

Geissberger: "Wir haben ein gesichertes Budget von rund 6 Millionen und haben damit den Anspruch, zu den 12 bis 13 besten Mannschaften in der Schweiz zu gehören. Zudem wollen wir natürlich wieder aufsteigen. Das ist unser Ziel."

Wo steht der FCA in zwei Jahren?

Schmid: "Wenn die Super League nicht aufgestockt wird, dann steht der FCA immer noch irgendwo zwischen Spitze und Mitte der Challenge League. Dort wo er jetzt auch steht."

Roger Geissberger, denken Sie manchmal darüber nach, sich irgendwann in ihr Chalet im Wallis zurückzuziehen und die Geschicke des FCA aus der Ferne zu verfolgen?

Geissberger: "Wir sind keine Sesselkleber. Wir wollen, dass der FCA auch fürs Stadion gut aufgestellt ist.  Wir sind überzeugt, dass wir mit der neuen sportlichen Führung Ponte und Jurendic höhere Ambitionen haben können und auch besser sind, als François Schmid sagt. Ich biete dir ein Nachtessen an, wenn ich recht bekomme." (edi/roc)