Challegen League
FCA-Verteidiger Marco Thaler über seine ungeklärte Zukunft: «Ich habe einen Plan vermisst»

Aarau-Verteidiger Marco Thaler (23) über die Entscheidung zwischen Komfortzone und Abenteuerlust.

Sebastian Wendel
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Ein «Digital Native» ohne Social-Media-Präsenz: Aarau-Verteidiger Marco Thaler.

Ein «Digital Native» ohne Social-Media-Präsenz: Aarau-Verteidiger Marco Thaler.

Marc Schumacher/freshfocus

Im Sommer läuft Ihr Vertrag aus. Es gibt dann zwei Szenarien: Entweder Sie verlassen die Komfortzone. Oder Sie bekennen sich zum FC Aarau und riskieren, den Ruf des Nesthockers nie ganz loszuwerden.

Marco Thaler: Etwas zugespitzt läuft es darauf hinaus. Klar ist der FC Aarau ein Stück weit Komfortzone, weil mein Stellenwert in der Mannschaft hoch ist und ich, solange ich gesund bin, gute Chancen auf einen Stammplatz habe. Gleichzeitig bin ich mein strengster Kritiker und messe mich nicht am Challenge-League-Durchschnitt, sondern an unseren besten Spielern – und die haben Super-League-Format.

Es gibt Spieler, die haben den Absprung aus der Komfortzone verpasst und ihr Potenzial nie entfaltet.

Ist Aarau nur Komfortzone? Ohne das negativ zu meinen: Für mich ist der FC Winterthur ein typischer Challenge-League-Klub, er gehört einfach in diese Liga, niemand erwartet den Aufstieg. Das ist in Aarau anders, die Ambitionen sind gross, langfristig wird der Aufstieg erwartet. Im «Chill-Modus» sind diese Ziele nicht zu erreichen.

Ist der FC Aarau nur Komfortzone?

Ist der FC Aarau nur Komfortzone?

Steffen Schmidt/freshfocus

Der FC Aarau versucht seit über einem Jahr, Ihren Vertrag zu verlängern. Vergeblich. Warum?

Ich habe einen Plan vermisst. Das Denken war zu kurzfristig. Einen Aufstieg kann man nicht in einer Transferperiode aufgleisen. Ebenfalls irritiert hat mich, dass vor allem dann auf eine Vertragsverlängerung gedrängt wurde, als ich verletzt war. Also im für den Verein günstigsten Moment.

Ohne jemandem böse Absicht zu unterstellen, aber das war kein Zeichen von besonderer Wertschätzung. Ich habe mich unverstanden gefühlt, aber klar ist auch: Die Entscheidungsmacht liegt bei anderen Personen. Auf Aufforderung des Vereins habe ich meine Gedanken in einem langen Mailverkehr offen und ehrlich mitgeteilt und erklärt, warum eine Vertragsverlängerung für mich nicht infrage kam. Und noch was...

Ja?

Ich war auch gefrustet, weil generell aus dem vorhandenen Potenzial einfach zu wenig gemacht wurde. Als ich gehört habe, wie viel Sponsorengelder der FCA generiert, bin ich fast vom Stuhl gefallen. Gigantisch. Jetzt aber habe ich das Gefühl, der Verein erwacht aus dem Dornröschenschlaf.

Woran merken Sie das?

Mit Sandro Burki hat jetzt eine Klublegende den Lead. Diese Ausstrahlung ist im sportlichen Bereich, aber genauso gegenüber Fans und Sponsoren unbezahlbar. Der FC Aarau ist die beste Adresse in der Challenge League, auch wenn Servette und Xamax dem Aufstieg zurzeit sind näher als wir.

FCA-Innenverteidiger Marco Thaler führt den Ball mit viel Ruhe und Übersicht.

FCA-Innenverteidiger Marco Thaler führt den Ball mit viel Ruhe und Übersicht.

freshfocus

Aber Aarau ist nie Konkurs gegangen, diese Gefahr sehe ich unter der aktuellen Führung und dank der breiten Abstützung in der Gesellschaft nicht. Dass Spieler wie Yapi, Frontino oder Peyretti kommen, beweist die Attraktivität der Marke FC Aarau.

Ist es wieder realistisch, dass Sie Ihren Vertrag verlängern?

In seiner ersten Woche als Sportchef hat mich Sandro Burki in sein Büro zitiert und mir klargemacht, dass ich in seinen Plänen ein zentraler Spieler bin. Das ist Wertschätzung. Mehr als diese zwei, drei Sätze brauche ich nicht. Es gibt Stimmen, die behaupten, ich hätte aus finanziellen Gründen bisher nicht verlängert. Das ist Quatsch. Sonst würde ich nicht seit vier Jahren für den gleichen Lohn hier spielen.

Wie weit ist die Entscheidung «Gehen oder Bleiben» fortgeschritten?

Ich spüre, dass ich bleiben kann, wenn ich das möchte. Das gibt mir Sicherheit. Am Ende ist es ein Abwägen zwischen dem vielen, das ich in Aarau habe und dem Abenteuer, das ein Klubwechsel wäre.

Kassenwart, Herr über das FCA-Bier und Identifikationsfigur

Man muss vorsichtig sein mit dem Begriff «Identifikationsfigur» – oft wird er inflationär gebraucht. Doch auf den Wohler Marco Thaler (23) trifft er zu: Er ist ein Paradebeispiel für gelungene Talentförderung im Kanton Aargau: erste Fussballschritte beim FC Wohlen; 2009 die Aufnahme in die U16 des Team Aargau; nach der U18 zwei Jahre lang Herantasten an den Männerfussball beim Erstligisten FC Baden; im Sommer 2014 die Beförderung zum Profi beim FC Aarau.

Im Brügglifeld kommt Thalers aufgeweckte und integre Art gut an, er trägt für einen jungen Spieler viel Verantwortung: nicht nur als Vize-Captain, genauso als Verwalter der Mannschaftskasse. In dieser lagern phasenweise bis zu 30 000 Franken – viel Geld für Challenge-League-Verhältnisse.

Zudem hat Thaler nach Sandro Burkis Karriereende von diesem den Job des «Biermanagers» übernommen. Aufgaben sind die Bestellung, Zwischenlagerung und Verteilung des beliebten FC-Aarau-Biers. Die Flaschen mit den Konterfeis der FCA-Profis werden jeweils von einem Spieler beim Kunden abgeliefert. (wen)

Bis wann wollen Sie sich entscheiden?

Gut möglich, dass das erst spät im Frühling passiert. Ich bin der Typ, der in der Meinung anderer eher zu viel als zu wenig überlegt: Als mir der FC Aarau im Frühling 2014 meinen ersten Profivertrag vorgelegt hat, habe ich zum grossen Erstaunen des damaligen Sportchefs und meines Beraters nicht sofort unterschrieben, sondern um Bedenkzeit gebeten.

Plötzlich Berufsfussballer zu sein, in diese Welt einzutauchen, mich vier Jahre an den FCA zu binden – all das wollte ich mir nochmals durch den Kopf gehen lassen.

Fühlen Sie sich zu Höherem berufen als Challenge League?

Ja. Ich weiss, dass ich auf diesem Niveau genüge. Einen Wechsel in der Challenge League schliesse ich aus.

Gibt es Angebote von anderen Klubs?
Nein, es gibt nichts Konkretes.

Was, wenn das so bleibt?

Dann hat der FC Aarau Glück gehabt (lacht). Im Ernst: Es ist mein Anspruch, mich mit guten Leistungen in den Fokus anderer Klubs zu spielen. Andererseits ist der Verbleib in Aarau mehr als eine Alternative. Sondern eine Option, die für mich genauso infrage kommt wie ein Wechsel.

Für Thaler ist der FC Aarau eine Option, die genauso infrage kommt wie ein Wechsel.

Für Thaler ist der FC Aarau eine Option, die genauso infrage kommt wie ein Wechsel.

Urs Lindt/freshfocus

Spielt bei Ihrer Entscheidung die ungeklärte Stadionfrage eine Rolle?

Wenn auch ungern – diese Gedanken mache ich mir. Ich liebe das Brügglifeld, aber seine Zeit läuft ab. Kommt kein neues Stadion, hat der FC Aarau gemäss den aktuellen Reglementen keine Zukunft in der Super League. In diese möchte ich langfristig.

Ausser dass Sie überdurchschnittlich gut Fussball spielen können, entsprechen Sie nicht dem Stereotypen des Profifussballers. Fühlen Sie sich eigentlich wohl in diesem Geschäft, dem so viel Verwerfliches nachgesagt wird?

Ach – der Fussball kommt zu schlecht weg. Der Ruf kommt aus den Sphären, in denen Millionen hin- und hergeschoben werden. Ich wurde mal gefragt: Wie hältst du es inmitten so vieler dummer Menschen aus?

Ich antwortete: Was für dumme Menschen? Beim FC Aarau arbeiten so viele lustige, intelligente und spannende Menschen. Die Klischees sucht man bei uns vergebens. Vielleicht wäre das bei einem anderen Verein nicht so... Wieder etwas, über das ich mir Gedanken machen muss (lacht).

Sie sind ein «Digital Native», aber nicht präsent auf Social Media.

Ich bin kein Sergio Ramos, für den sich 20 Millionen Fans auf der ganzen Welt interessieren. Ich bin nahbar und in der Stadt anzutreffen, mit mir kann sich jeder offen und ehrlich unterhalten – das ist momentan genug öffentliche Präsenz.

Marinko Jurendic ist nach Christ, Ponte, Bordoli und Schällibaum bereits Ihr fünfter Trainer beim FC Aarau. Verrückt, oder?

Das zeigt die grosse Unruhe im Fussballgeschäft. Der Trainer ist das schwächste Glied, so ist das halt. Als Spieler habe ich jeden Trainerwechsel auch als Kritik an meiner Person empfunden, schliesslich stehe ich auf dem Platz und verschulde Niederlagen mit. Andererseits war ich bei jedem Trainer, wenn ich gesund war, Stammspieler. Mit meinen Qualitäten kann ich jedem Trainertyp etwas geben.

Sven Christ war für Marco Thaler der prägnanteste Coach beim FC Aarau.

Sven Christ war für Marco Thaler der prägnanteste Coach beim FC Aarau.

key

Welcher Coach war am prägendsten?

Sven Christ und ich sind 2014 zusammen vom FC Baden nach Aarau gekommen. Obwohl ich die halbe Vorbereitung verpasste, hat er mich gebracht. Als ehemaliger Innenverteidiger konnte ich sportlich viel von ihm lernen. Er sorgte dafür, dass ich nicht abhebe und hat mir stets hart, aber anständig meine Fehler aufgezeigt.