Wenn ein Fussballer gleichzeitig ein Angebot des FC Zürich und des FC Aarau vorliegen hat, scheint klar: Er geht zum FCZ. Super statt Challenge League, modernere Infrastruktur, mehr Lohn – die Zürcher sind den Aarauern in vielen Belangen überlegen.

Dessen ist sich auch Petar Misic bewusst. Doch als kurz vor der Unterschrift im Brügglifeld die Zürcher ihr Interesse beim Berater des Kroaten deponieren, lehnt Misic ab.

Mit der Begründung: «Von Kroatien aus ist der Schritt in die Super League zu gross. In Aarau habe ich weniger Druck und bessere Perspektiven auf Spielpraxis. Eine wichtige Rolle hat auch Trainer Marinko Jurendic gespielt: Nicht nur, weil er auch Kroate ist. Er hat mir in einem persönlichen Gespräch versichert, dass er mich unbedingt haben möchte und ich der Mannschaft helfen könne.»

Hilfe einer Trainerlegende

Ende Juli gab der FCA die Verpflichtung von Linksfuss Misic bekannt. Der Unterschrift gingen, so Sportchef Raimondo Ponte, zweimonatige Abklärungen voraus. Die Einladung zu einigen Probetagen in Aarau habe Misics Berater abgelehnt.

Ein Spieler mit Vergangenheit beim kroatischen Spitzenklub Dinamo Zagreb habe dies nicht nötig. «Das war ein kleines Problem. Bevor wir ausländische Spieler verpflichten, möchten wir sie gerne persönlich kennen lernen», so Ponte. Doch Misic bleibt der Wunschspieler. Was tun?

Ponte erinnert sich an Miroslav Blazevic. Die bosnische Trainerlegende, die in den 70er- und 80er-Jahren mehrere Schweizer Klubs und für ein Jahr sogar die Nationalmannschaft coachte. Ponte war bei GC Spieler unter Blazevic, bis heute ist der Kontakt nicht abgebrochen. Also bittet Ponte Blazevic, sich vor Ort ein Bild von Misic zu machen. «Miroslav vertraue ich blind. Als er schwärmte, war klar: Wir holen Misic.»

Keine Chance bei Zagreb

Kurios: Als wir Misic auf die Rolle von Blazevic bei seinem Transfer ansprechen, schaut er uns mit grossen Augen an. «Wirklich? Das wusste ich nicht! Eine grosse Ehre!» Vom Interesse aus Aarau habe er auf anderen Kanälen erfahren und dann nur noch ein Ziel gehabt: ab ins Brügglifeld.

Schnell, trickreich, schussstark – das sind die Stärken, die man Petar Misic nachsagt.

Schnell, trickreich, schussstark – das sind die Stärken, die man Petar Misic nachsagt.

«Ich hatte einen Vertrag bei Dinamo Zagreb, bekam aber keine Chance und wurde ständig ausgeliehen. Ich bin 23, ich brauche den Neustart im Ausland. Als Verwandte aus St. Gallen mir sagten, Aarau sei eine schöne Stadt, wollte ich nur noch hierhin.» Vom FC Aarau selber habe er schon viel gehört.

Aha! Was denn? «Der Klub galt lange als unabsteigbar, oder?» Korrekt! «Und er wurde drei Mal Schweizer Meister?» Korrekt! Test bestanden! Nur von seinem berühmten Vorgänger und Namensvetter, von Petar Aleksandrov, hat Misic noch nie etwas gehört. «Aber gut, weiss ich das jetzt auch.»

Hilfe vom Konkurrenten

Mit wem auch immer man sich im Brügglifeld über Misic unterhält, man hört nur Gutes. «Er ist eine Rakete. Im ersten Training hat er mich zwei Mal getunnelt», sagt Teamkollege Miguel Peralta. Und Zoran Josipovic schwärmt: «Ein toller Junge, bescheiden und sympathisch. Er wird hier für viel Furore sorgen.» Das sagt ausgerechnet Josipovic, dem mit Misic ein Konkurrent am linken Flügel vor die Nase gestellt wurde.

Doch statt dem Neuen aus dem Weg zu gehen, nimmt ihn Landsmann Josipovic mit ins Training und hilft bei der Integration. Auch bei unserem Gespräch ist Josipovic zum Übersetzen dabei. Hochdeutsch versteht Misic, aber er spricht nur gebrochen Englisch. «Ohne Zoran wäre ich aufgeschmissen. Hier in der Schweiz gibt es für alles Regeln, das ist in Kroatien anders», sagt Misic und grinst.

Am Montag beim 1:1 in Winterthur lieferte Misic eine erste, vielversprechende Kostprobe seines Könnens ab, indem er den FCA per Freistoss in Führung schoss und mit einem feinen Pass am Ursprung der anderen Aarauer Torchance stand, die Rossini vergab.

Challenge League, 2017/18, 3. Runde, FC Winterthur – FC Aarau, 1:0 Petar Misic

Petar Misic trifft per Freistoss zum 1:0 gegen Winterthur.

«Er ist ein Spieler, der den Unterschied ausmacht. Dazu ist er schnell und hat einen guten Schuss», so Sportchef Ponte über sein neustes Juwel. Ablöse hat Misic keine gekostet und beim FCA einen Vertrag bis 2019 unterschrieben. Vorerst.

Langfristige Ziele in kleinen Schritten

Schlägt er wie erhofft ein, dürfte bald die Vertragsverlängerung erfolgen. Denn in Aarau wissen sie: Wird Misic den Vorschusslorbeeren gerecht, wird er nicht lange in der Challenge League spielen. Und dann soll dank eines langfristigen Vertrags, aus dem er herausgekauft werden müsste, die Kasse klingeln.

Misic sagt: «Erst will ich mich weiter eingewöhnen und mit dem FC Aarau Erfolg haben. Vielleicht sogar aufsteigen. Wir brauchen noch etwas Zeit, aber es kommen bessere Spiele und Resultate, versprochen.»

Aber, daraus macht er kein Geheimnis, Misic hat sich auch langfristige Ziele gesetzt. Und die sind genauso gross, wie die einzelnen Schritte in seiner Karriere klein sind. «Ein Vertrag beim FC Basel oder bei YB, das ist mein Ziel. Dass ich es draufhabe, weiss ich. Jetzt liegt es an mir.»