Ein Raum irgendwo in Zürich. Es ist Mitte April 2016. Am Tisch sitzen FCZ-Präsident Ancillo Canepa und sein ehemaliger Angestellter – und heutiger Stürmer des FC Aarau – Patrick Rossini.

Die beiden sind in Begleitung ihrer Rechtsanwälte gekommen. Ebenfalls vor Ort ist ein Vertreter der Swiss Football League (SFL).

Die Liga soll als Mediator dabei helfen, eine aussergerichtliche Einigung zwischen Canepa und Rossini zu finden.

Doch eine Einigung wofür? Die zugrunde liegende Geschichte sorgte im Sommer und Herbst des vergangenen Jahres unter der Bezeichnung «Fremdprämien-Skandal» für Schlagzeilen: Es läuft die heisse Phase im Aufstiegskampf in der Challenge League. Nur Servette kann den FC Lugano noch abfangen.

Aufgrund der finanziellen Probleme der Genfer ist Luganos Aufstieg eigentlich bereits besiegelt.

Trotzdem sollen die beiden Luganesi Patrick Rossini und Igor Djuric den Spielern des FC Schaffhausen 20 000 Franken für einen Sieg oder ein Unentschieden im Spiel gegen Servette angeboten haben.

Nach dem 2:1-Sieg des Underdogs trifft tatsächlich ein Couvert mit dem Geld in Schaffhausen ein, das Klubpräsident Aniello Fontana konfisziert und der Liga schickt. Diese sperrt Rossini und Djuric im Sommer 2015 für je zwölf Spiele und auferlegt ihnen eine Busse von 8000 Franken.

SMS mit ungeahnten Folgen

Das Rekursgericht der Liga bewertet das Vergehen der beiden einen Monat später als massiv weniger schlimm und reduziert die Sperren auf je zwei Partien. Es handle sich nicht um eine Verfälschung, sondern nur um einen Ansporn – mit allerdings unzulässigen Mitteln und von unbefugter Seite, wie es in der Urteilsbegründung heisst. Rossini bestreitet, irgendetwas mit dem besagten Geld zu tun gehabt zu haben. Er gibt aber einen Fehler zu: «Ich habe meinen früheren Teamkollegen in Schaffhausen tatsächlich ein SMS geschrieben. Das war aber scherzhaft gemeint», sagt der 27-jährige Tessiner.

«Vor einem Jahr haben wir für Rossini eine beträchtliche Ablöse an Schaffhausen bezahlt. Durch seine grenzenlose Dummheit haben wir einen völlig unnötigen Transferverlust erlitten.»

Ancillo Canepa:

«Vor einem Jahr haben wir für Rossini eine beträchtliche Ablöse an Schaffhausen bezahlt. Durch seine grenzenlose Dummheit haben wir einen völlig unnötigen Transferverlust erlitten.»

Doch genau dieses SMS sollte für Rossini Folgen haben. Denn nachdem der «Fremdprämien-Skandal» öffentlich bekannt geworden war, hatte FCZ-Präsident Ancillo Canepa den Vertrag mit Rossini sofort aufgelöst. Der Stürmer stand damals noch bei den Zürchern unter Vertrag, spielte aber leihweise beim FC Lugano. Durch die Vertragsauflösung konnte Rossini ablösefrei zu Lugano wechseln. Canepa verklagte in der Folge Rossini. Die Forderung soll sich auf 250 000 Franken belaufen, also 150 000 weniger, als die Ablösesumme von 400 000 Franken, die der FCZ im Sommer 2014 dem FC Schaffhausen für Rossini bezahlt hatte. «Vor einem Jahr haben wir für Rossini eine beträchtliche Ablöse an Schaffhausen bezahlt. Durch seine grenzenlose Dummheit haben wir einen völlig unnötigen Transferverlust erlitten», begründete Canepa sein Vorgehen im Sommer 2015 gegenüber dem «Blick».

Keine aussergerichtliche Einigung

Doch Rossini wehrt sich. Bestärkt durch die Reduktion seines Strafmasses, weigert er sich, die von Canepa in Rechnung gestellten 250 000 Franken zu bezahlen. Stattdessen schickt er selber seinem ehemaligen Chef eine Rechnung. Rossini will damit noch ausstehende Prämienzahlungen einfordern. Im Gegensatz zu Canepa hat Rossini seine Rechte aber noch nicht gerichtlich eingefordert, weil er hoffte, dass er sich vorher mit dem FCZ-Präsident würde einigen können.

«Herr Canepas Kompromissvorschlag sah so aus, dass wir einfach beide auf unsere Forderungen verzichten und das Ganze damit erledigt ist. Doch das reicht mir nicht. Ich will Gerechtigkeit.»

Patrick Rossini:

«Herr Canepas Kompromissvorschlag sah so aus, dass wir einfach beide auf unsere Forderungen verzichten und das Ganze damit erledigt ist. Doch das reicht mir nicht. Ich will Gerechtigkeit.»

Bis zu diesem Termin Mitte April. Denn zu einer Einigung kam es bei der eingangs erwähnten inoffiziellen Schlichtungsverhandlung nicht. «Herr Canepas Kompromissvorschlag sah so aus, dass wir einfach beide auf unsere Forderungen verzichten und das Ganze damit erledigt ist», sagt Rossini. «Doch das reicht mir nicht. Ich will Gerechtigkeit.» Die sieht für Canepa allerdings anders aus: «Es ist richtig, dass das Schlichtungsverfahren im Fall Rossini gescheitert ist. Begründung: Der FC Zürich hält an seiner Position fest. Weitere Details werden nicht bekannt gegeben», lässt der FCZ-Präsident via E-Mail ausrichten.

Von ganz unten hochgearbeitet

Rossini kreidet seinem ehemaligen Arbeitgeber vor allem die durch die fristlose Kündigung erfolgte Vorverurteilung an. «Er hat mich nicht einmal zur Sache angehört. Ich habe aus den Medien von meiner Entlassung erfahren.» Rossini ging es danach schlecht. Er litt tagelang unter Appetitlosigkeit, verlor vier Kilogramm Körpergewicht. «Ich habe mir Sorgen um meine Familie gemacht. Auch meiner Frau ging es sehr nahe», sagt der zweifache Familienvater.

«Ich habe mich von ganz unten hochgearbeitet. Dafür habe ich mir viel Respekt verschafft. Deshalb liegt mir viel daran, dass die Sache in meinem Sinne geregelt wird.»

Patrick Rossini:

«Ich habe mich von ganz unten hochgearbeitet. Dafür habe ich mir viel Respekt verschafft. Deshalb liegt mir viel daran, dass die Sache in meinem Sinne geregelt wird.»

Deshalb geht es Rossini nun auch nicht in erster Linie um Geld, sondern vielmehr um seine persönliche Ehre. «Ich habe mich von ganz unten hochgearbeitet. Dafür habe ich mir viel Respekt verschafft. Deshalb liegt mir viel daran, dass die Sache in meinem Sinne geregelt wird», sagt er. Dafür ist er auch bereit, hinzunehmen, dass sich das Verfahren hinziehen könnte. Seine Rechtsanwälte loten nun aus, welche Forderungen Rossini selber vor Gericht stellen kann. Der «Fremdprämien-Skandal» dürfte Rossini und Canepa noch eine ganze Weile beschäftigen.