FC Aarau

FCA-Coach Schällibaum: «Ich brauche mehr Spieler mit Eigeninitiative»

Marco Schällibaum: «Ich habe sechsmal in Folge nicht gewonnen. Es ist also nachvollziehbar, dass Sie mich kritisieren.»

Marco Schällibaum: «Ich habe sechsmal in Folge nicht gewonnen. Es ist also nachvollziehbar, dass Sie mich kritisieren.»

Im Auswärtsspiel am Montagabend gegen Schlusslicht Schaffhausen (Anpfiff 19.45 Uhr) will der FC Aarau nach nur zwei Punkten aus den letzten sechs Spielen endlich wieder einen Sieg einfahren. Trainer Marco Schällibaum spricht vor der Partie über eine Premiere im negativen Sinn und Kritikfähigkeit.

Marco Schällibaum, haben Sie ein gutes Gedächtnis?

Marco Schällibaum: Ja.

Das ist erfreulich, weil Sie sich dann vielleicht noch an den letzten Sieg des FC Aarau in der Meisterschaft erinnern.

Das war Ende September beim 4:1-Sieg im Derby in Wohlen. Dann kam der Oktober. Und in diesem Monat lief fast alles schlecht für den FC Aarau.

Sehr schlecht sogar: Nach dem Erfolg in Wohlen gab es für Aarau in sechs Spielen gerade mal zwei Punkte. Haben Sie eine Erklärung?

Nach dem Erfolg im Derby spielten wir im Brügglifeld gegen den FC Zürich und führten bis zur 94. Minute 1:0. Dann kassierten wir durch ein blödes Eigentor in letzter Sekunde den Ausgleich. Dieser späte Gegentreffer tat weh. Sehr weh! Im emotionalen und mentalen Bereich! Es war ein Rückschlag, der viel Energie gekostet hat. Und es war so etwas wie der Knackpunkt. Vor diesem Gegentreffer lief fast alles für uns. Danach lief plötzlich alles gegen uns. Aber so ist der Fussball. Völlig unberechenbar!

Nervt Sie diese Negativserie?

Natürlich nervt diese Serie. Es wirkt sichnegativ auf meine Gemütsverfassung aus. Schliesslich habe ich während meiner 20-jährigen Tätigkeit als Trainer noch nie sechs sieglose Spiele in Folge erlebt. Manchmal gab es drei, vielleicht vier Partien ohne Erfolg. Dann habe ich aber wieder gewonnen.

Der Derby-Sieg war der letzte Match, aus dem der FCA als Sieger herausging.

Der Derby-Sieg war der letzte Match, aus dem der FCA als Sieger herausging.

Es ist also eine Premiere.

Ja. Es ist allerdings eine Premiere, in der es nichts zu feiern gibt.

Wie kommt der FC Aarau aus dieser Negativspirale hinaus?

Wir tun alles, um den Turnaround zu schaffen. Es ist nun mal so, dass mit Ausnahme der Überflieger des FC Zürichjede Mannschaft in der Challenge League eine schlechte Phase durchmacht. Wir hatten diese schlechte Phase im Oktober. Aber jetzt ist sie vorbei. Ich habe den Spielern klargemacht, dass wir mit dem Rücken zur Wand stehen. Weiter nach hinten geht es nicht mehr. Wir werden uns zur Wehr setzen. Mit allem, was wir haben. Das Ziel ist klar: In den vier verbleibenden Spielen vor der Winterpause gegen Schaffhausen, Xamax, Wohlen und Le Mont will ich vier Siege.

Vier Siege in vier Spielen: Das glauben Sie ja selbst nicht.

Natürlich glaube ich das. Es ist ein hohes Ziel. Aber ich bleibe dabei: Ich will das Punktemaximum.

Haben Sie in den vergangenen Wochen Fehler gemacht?

Vielleicht habe ich unterschätzt, dass in der Mannschaft nach dem guten Start in die Vorrunde eine gewisse Zufriedenheit eingekehrt ist. Zufriedenheit ist schlecht. Zufriedenheit ist gleichbedeutend mit Stillstand. Wenn es einem Berufsfussballer rund läuft, bringt er oft nur noch achtzig statt hundert Prozent Leistung. Gut möglich, dass ich diese Zufriedenheit zu spät bemerkt oder sogar falsch eingeschätzt habe. Vielleicht war ich in dieser Phase etwas zu nett. Ich hätte strenger sein sollen.

Sie haben bei den Spielern also eine gewisse Genügsamkeit festgestellt. Neigen Sie als Trainer in Zeiten des Erfolgs auch zur Genügsamkeit?

Nein.

Warum nicht?

Weil ich nach einem privaten Schicksalsschlag schwere Zeiten durchgemacht habe. Ich war am Boden zerstört. Dieses bittere Erlebnis hat mir gezeigt, dass man sich jeden Tag motivieren und wehren muss. Ich habe gelernt, zu kämpfen. Geht es einem gut, muss man noch mehr geben, noch besser werden. Das Leben ist eine Gratwanderung. Es kann schnell nach unten gehen.

Fehlen dem FC Aarau solche Kämpfertypen wie Sie? Fehlt dem FC Aarau ein Aggressiv-Leader?

Das ist momentan wohl tatsächlich so. Ich brauche mehr Spieler, die so denken wie ich. Spieler mit Eigeninitiative! Ich brauche jetzt Typen, die bereit sind, den Finger raus zu nehmen. Ich brauche Typen, die bereit sind, an die Schmerzgrenze zu gehen. Nur so ist es möglich, dass wir uns nach den verbleibenden Spielen in die Augen sehen können und mit einem guten Gefühl in die Winterpause gehen. Ich will einen sauberen Abgang. Das habe ich der Mannschaft in dieser Woche klargemacht.

Marco Schällibaum sucht nach Leadertypen.

Marco Schällibaum sucht nach Leadertypen.

Das klingt schön und gut. Aber jetzt steht erst einmal das Spiel beim Tabellenletzten FC Schaffhausen an. Vor knapp einem Monat gastierte der FC Aarau beim Tabellenletzten Chiasso und verlor 1:3. Haben Sie Angst vor der Partie in Schaffhausen?

Nein. Angst ist kein guter Begleiter. Wer Angst hat, der hat schon verloren. Wir haben Respekt vor dem FC Schaffhausen, der allerdings noch tiefer im Elend steckt als wir. Wir werden diese Herausforderung annehmen und sie bestehen.

Sind Sie ein kritikfähiger Trainer?

Ja.

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Ich nehme Kritik ernst. Mehr noch. Kritik stachelt mich an. Ich habe sechsmal in Folge nicht gewonnen. Es ist also nachvollziehbar, dass Sie mich kritisieren. Aber man darf bei aller Kritik nicht vergessen, dass die Spieler, alle Mitarbeiterund ich den FC Aarau in der Rückrunde der vergangenen Saison vom Tabellenende in die Spitzengruppe der Challenge League geführt haben. Für mich ist entscheidend, dass ich Tag für Tag alles für den FC Aarau gebe.

Täuscht der Eindruck oder sind Sie in den vergangenen Wochen zumindest während der Spiele ruhiger geworden?

Bei Gesprächen mit den Spielern bin ich nach wie vor sehr fordernd. Dann spreche ich Klartext. Aber während der Spiele versuche ich, eine gewisse Ruhe auszustrahlen. Es nützt nichts, wenn ich meine Energie fürs Herumtoben verbrauche. Im Gegenteil. Ich will die Spieler nicht nervöser machen, als sie sonst schon sind.

Nehmen Sie in schwierigen Zeiten fremde Hilfe in Anspruch? Haben Sie einen Mentaltrainer?

Nein. Ich habe als Trainer viel Erfahrunggesammelt und gehe konsequent meinen Weg. Gibt es Probleme, löse ich sie selbst. Ich bin stark genug, um eine Krise zu bewältigen.

Interessiert Sie der mentale Bereich?

Der mentale Bereich interessiert mich sehr. Ich informiere mich und lese viel darüber. Ich hielt vor kurzer Zeit in Aarau ein Referat zum Thema Motivation und zielgerichtete Führung einer Mannschaft. Ich sprach vor Chefs von kleineren und mittleren Unternehmen. Es war eine tolle Sache. Es hätte mir allerdings noch mehr Spass gemacht, wenn dieses Referat im September und nicht im Oktober über die Bühne gegangen wäre.

Autor

Ruedi Kuhn

Ruedi Kuhn

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