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FCA-Captain Zverotic tritt zurück: Unter welchem Trainer er sich wie Ware gefühlt hat und warum er die Fussballschuhe an den Nagel hängt

Im Sommer endet nach 17 Jahren die Profikarriere von FCA-Captain Elsad Zverotic. 61 Länderspiele für Montenegro, zahlreiche Erinnerungen an die Stationen Wil, Luzern, YB, Fulham, Sion und Aarau - der 34-Jährige plaudert aus dem Nähkästchen und sagt, warum er künftig für den FC Aarau auf Talentsuche geht.

Sebastian Wendel
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FCA-Captain Elsad Zverotic.

FCA-Captain Elsad Zverotic.

Marc Schumacher / freshfocus

Er hat es wegen Corona vermieden, wie sonst die Festtage mit der Familie im warmen Dubai zu verbringen – und dann fällt vor dem ersten Training im neuen Jahr 2021 positiv aus. Elsad Zverotic hat die Ansteckung symptomfrei überstanden, nun freut sich der Captain des FC Aarau auf den Wiederbeginn der Meisterschaft in einer Woche. Der 34-Jährige steht vor dem letzten Halbjahr einer langen Profikarriere, wie bei allen Vereinen hat er auch den FCA-Fans mit seinem Kämpferherzen imponiert. Ewig in Verbindung wird sein Namen auch mit dem 2. Juni 2019 stehen, dem Tag, an dem Zverotic in der Barrage gegen Xamax als einziger Aarauer vom Penaltypunkt gescheitert ist.

Angenommen, der FC Aarau qualifiziert sich in diesem Frühling wieder für die Barrage: Würden Sie im Penaltyschiessen antreten?

Elsad Zverotic: Ja klar – warum nicht?

Seit ihrem Fehlschuss gegen Xamax sind Sie nie mehr vom Punkt angetreten...

Roberto Baggio, Bastian Schweinsteiger, Andrea Pirlo – viele grosse Spieler haben wichtige Penaltys verschossen (lacht).

Haben Sie sich jemals Vorwürfe gemacht, schliesslich haben am
2. Juni 2019 alle anderen Aarauer ihre Penaltys verwandelt?

Ich werfe mir nur vor, dass ich in die linke Ecke statt wie vorher immer nach rechts geschossen habe. Ein schlechtes Gewissen? Nein, wir haben den Aufstieg nicht im Penaltyschiessen vergeben. Aber es war neben der verlorenen EM-Barrage mit Montenegro im November 2011 gegen Tschechien die grösste Enttäuschung meiner Karriere.

02.06.2019: Elsad Zverotic muss nach dem verlorenen Penaltyschiessen gegen Xamax getröstet werden

02.06.2019: Elsad Zverotic muss nach dem verlorenen Penaltyschiessen gegen Xamax getröstet werden

Marc Schumacher / freshfocus

Sie hatten einen Weinkrampf und mussten gestützt werden. So traurig die Bilder – haben Sie auch gezeigt, dass Ihnen Aarau ans Herz gewachsen ist?

Das mit mir und Aarau ist seit dem ersten Tag speziell: Wie mich die Menschen hier, erst die Spieler, dann das Umfeld und die Fans, aufgenommen haben, war aussergewöhnlich, die Verbindung ist jeden Tag stärker geworden. Dazu kam das emotionale Auf und Ab, drei Tage vor dem besagten 2. Juni waren wir gefühlt aufgestiegen, nach einer Saison, in der wir nach sechs Spielen als Absteiger ausgelacht wurden. Und es war das erste Jahr, in dem mein Sohn verstanden hat, dass der Papa da unten auf dem Platz steht. Er ist ein riesiger FCA-Fan geworden, auf Youtube schaut er sich ständig ein Video vom Aufstieg 2013 an und singt «Aufsteigerjungs, Aufsteigerjungs».

Wer weiss, vielleicht wird das Lied Ende dieser Saison wieder Wirklichkeit. Ist der Aufstieg das Ziel zum Karriereende im Sommer?

2018 bin ich nach Aarau gekommen, um so schnell wie möglich aufzusteigen. Bislang hat das leider nicht geklappt, aber eine Chance habe ich noch. Nach unseren bisherigen Leistungen liegt der Aufstieg in dieser Saison drin und wäre wunderschön. Doch man muss sich immer bewusst sein, dass wir im vergangenen Sommer einen grossen Umbruch hatten und mit einer extrem jungen Mannschaft spielen. Das Saisonziel ist und bleibt die obere Tabellenhälfte. Auch ohne Aufstieg bin ich stolz auf meine Karriere, was bis im Sommer noch kommt, ist Zugabe.

Ich behaupte: Ihr Ehrgeiz ist echt, im Unterschied zu anderen Spielern mit klingenden Namen, die gegen Ende der Karriere in die Challenge League gehen, um noch ein bisschen Geld zu verdienen und die Gedanken über die Zeit nach hinten zu verschieben.

Über die Beweggründe anderer will ich nicht spekulieren. Fakt ist: 2018 hatte ich finanziell bessere Angebote und hätte seither in jedem Sommer wechseln können. Aber das kam nicht infrage, weil wir uns als Familie in der Region Aarau wohlfühlen und hier ein Haus gekauft haben. Hätte ich keinen Spass und keinen Ehrgeiz mehr, würde ich schon lange nur noch mit meinem Sohn im Garten kicken.

Sie hören also auf, weil Sie merken, dass Spass und Ehrgeiz langsam abnehmen?

Ich wollte unbedingt selber über das Karriereende entscheiden und nicht zum Aufhören gezwungen werden, weil mich kein Verein mehr will. Mein Vertrag läuft eigentlich bis 2022 – aber was wäre nächste Saison? Altershalbe Verletzungen? Werde ich die Ansprüche des Trainers und die an mich selber noch erfüllen können? Ich bin mir seit vergangenem Sommer bewusst, dass 2021 Schluss sein könnte.

Welche Rolle hat gespielt, dass Sie nach dem dritten Spieltag vier Partien auf der Bank begonnen haben und seither nicht mehr im Zentrum, sondern auf der scheinbar unwichtigeren Position hinten links spielen?

Ich habe vor Saisonbeginn alles einberechnet – auch, dass ich nicht mehr jedes Spiel von Anfang an bestreite. Ob hinten links oder im Zentrum? Das ist mir egal, zum Ende der Karriere geht es mir nur noch darum, wo ich der Mannschaft am meisten helfen kann und nicht darum, mich ins beste Licht zu stellen. Abgesehen davon spüre ich in der Kabine und auf dem Platz, dass ich für meine Teamkollegen immer noch sehr wichtig bin.

Entscheidend ist aber, ob das auch der Trainer so sieht...

Am Anfang hat mir die Ersatzbank wehgetan und mich im Stolz getroffen, vor allem, weil es völlig unerwartet kam. Ich habe einige Tage für mich gebraucht und bin dem Trainer aus dem Weg gegangen, danach hatten Stephan Keller und ich ein offenes und gutes Gespräch. Er erwartet zurecht bessere Leistungen von mir als in den ersten drei Spielen. Rückblickend hat mir die Pause gutgetan, mental und körperlich. Und jetzt, wo ich weiss, wie es im Sommer weitergeht, bin ich total befreit.

Alles wieder gut zwischen Elsad Zverotic und FCA-Trainer Stephan Keller.

Alles wieder gut zwischen Elsad Zverotic und FCA-Trainer Stephan Keller.

Marc Schumacher / freshfocus

Nochmals die Frage: Wie fest hat Ihre temporäre Ersatzrolle den Entscheid beeinflusst, im nächsten Sommer aufzuhören?

Man darf solche Situationen nicht überbewerten, schon gar nicht dürfen sie eine so grosse Entscheidung wie das Karriereende beeinflussen. Ich hatte mal einen Trainer, der sagte mir in der Sommervorbereitung, dass ich in seinen Planungen keinen Platz hätte. Zwei Monate später war ich einer seiner wichtigsten Spieler. Damit will ich sagen: Fussball ist immer eine Momentaufnahme.

Stephan Keller ist der 24. und wohl letzte Trainer Ihrer Karriere. In der Liste finden sich Promis wie Felix Magath, Christian Gross und auch Sion-Präsident Christian Constantin, der sich 2016 für zwei Spiele zum Trainer machte. Erzählen Sie aus Ihren Memoiren!

Den Wechsel zu YB habe ich im Frühjahr 2011 mit Gross’ Vorgänger Vladimir Petkovic ausgehandelt, ehe dieser entlassen wurde. Vor einem Länderspiel im darauffolgenden Sommer in Montenegro hat mich plötzlich Christian Gross angerufen, er wolle nach Podgorica kommen, ob ich ihm ein Ticket besorgen könne. Zu allem Übel spielte ich sehr schlecht und hatte Bammel vor dem anschliessenden Nachtessen. Aber Gross sagte mir, er sei gekommen, um sich vorzustellen und mir persönlich mitzuteilen, dass ich in Bern ein wichtiger Spieler für ihn sein werde. Das hat mich schwer beeindruckt, Gross war damals DER Schweizer Trainer. Wir haben heute noch regelmässig Kontakt.

Und wie war es unter Felix Magath in London beim FC Fulham?

Knallhart! In dieser Zeit habe ich mich nicht als Mensch, sondern als Ware behandelt gefühlt. Unter seinem Vorgänger Martin Jol habe ich gespielt, ehe Magath auftauchte und mir sagte, er wolle den Abstieg aus der Premier League mit Spielern verhindern, die er kenne und dazu gehöre ich nicht. Als wir im Sommer abgestiegen sind und ich danach um einen Wechsel bat, hat er verweigert – ohne Begründung! Ich musste mit vier anderen Spielern alleine trainieren, ehe wir aus dem Nichts wieder eingesetzt wurden. Als dieses Spiel dann auch verloren ging, musste Magath gehen. Und dann kam im Januar 2015 das Angebot von GC...

GC? Sie sind damals nach Sion gewechselt!

Stimmt, aber alles deutete auf GC hin. Ich war schon in Zürich auf dem Weg zu den Verhandlungen. Christian Constantin hatte Wind davon bekommen, meinen Berater angerufen und gesagt, wir sollen umdrehen, er lasse mich mit dem Privatjet in Kloten abholen. Noch am gleichen Tag haben wir uns in Sion geeinigt. Einziges Problem: Ich musste zurück nach London, wo meine Frau kurz vor der Geburt unseres ersten Kindes stand. Constantin war einverstanden mit der Verzögerung des Wechsels bis nach der Geburt. In diesem Moment war er ein Gentleman. Drei Jahre später machte er nach einem 1:1 gegen den FCZ zum Sündenbock, aus heiterem Himmel musste ich in die U21 und dort bis zum Wechsel nach Aarau bleiben – auch das ist CC.

Mit Sion wurde Zverotic im Juni 2015 Cupsieger

Mit Sion wurde Zverotic im Juni 2015 Cupsieger

Urs Lindt/Freshfocus / freshfocus

Und nun werden Sie im Sommer vom Spieler zum Scout. Warum gerade Scout?

Es war schon länger angedacht, dass ich nach der Aktivkarriere in anderer Funktion beim FC Aarau bleibe. Der Präsident und der Sportchef haben mir angeboten, im nächsten Sommer das Scouting zu übernehmen, über diese einmalige Chance bin ich sehr dankbar und ich muss sie packen. Ich habe in meiner Karriere etliche Kontakte in die ganze Welt geknüpft, diese sollen in Zukunft dem FCA bei der Suche nach Talenten zugute kommen.

Ein talentierter junger Spieler wird wohl immer auch bessere Angebote bekommen als jenes vom FC Aarau. Wie wollen Sie den Spieler von Aarau überzeugen?

Indem ich ihm aus eigener Erfahrung versichere, dass die Schweiz das ideale Sprungbrett für den Sprung in eine Topliga ist. In Aarau ist ein Spieler nicht nur eine Nummer, hier wird man gut behandelt, bekommt Vertrauen und Spielminuten. Das bringt dem jungen Spieler auf Dauer viel mehr als das schnelle Geld.