Gratulation, Sie haben das erhalten, was viele Ihrer Vorgänger auch wollten und nie bekamen:
ein Trainingslager.

Francesco Gabriele: Ein Trainingslager war bereits vor meiner Ankunft im Budget vorgesehen, ich habe es einfach geerbt. Ich kam aber insofern zum richtigen Zeitpunkt, als dass ich noch bei der Planung mitwirken und mitbestimmen konnte.

Als Sie im Herbst trotz Horrorstart nach Spanien reisten, um potenzielle Hotels zu begutachten, akzentuierten Sie damit auch Ihren Glauben in das Projekt Wohlen. Das machte Eindruck.

Es ging nicht darum, ein Zeichen zu setzen. Wenn ich nicht überzeugt gewesen wäre, hätte ich den Job in Wohlen nie angenommen. Nur will ich an dieser Stelle gleich erwähnen, dass wir noch gar nichts erreicht haben. Wir haben neun Punkte Vorsprung auf den Abstiegsplatz. Nicht mehr und nicht weniger. Ich störe mich an dieser Euphorie. Am Anfang waren wir totgesagt und nun soll plötzlich alles vergessen sein? Nein, nein, wir wissen, woher wir kommen. Ich wiege mich nicht in Sicherheit.

Ein wichtiger Schritt ist aber gemacht.

Wir haben uns momentan aus einer schwierigen Situation befreit, ja. Der Ligaerhalt ist aber noch in weiter Ferne. Ich sehe uns noch lange nicht am Ende unserer Aufbauarbeit. Es ist wie so oft im Leben: Die erste grosse Veränderung bringt man schnell mal hin, wenn es dann aber um die Details geht, dann braucht das sehr viel Zeit – und vor allem sind die Fortschritte nicht mehr so eklatant.

Francesco Gabriele übernahm den FC Wohlen im September des letzten Jahres.

Francesco Gabriele übernahm den FC Wohlen im September des letzten Jahres.

Sind die vergangenen Monate das Verrückteste, was Sie bisher in Ihrer Karriere erlebt haben?

Es ist schwer, die Erfahrungen aus den Intrigen in Lausanne und Wil sowie den Konkurs in Bellinzona zu übertreffen. Von dem her ist Wohlen das Beste, was mir passieren konnte. Ich hatte vom ersten Tag an das Gefühl, zu Hause zu sein. Aber klar, der mediale Gegenwind am Anfang war untypisch und inhaltslos.

Ihre Kritiker haben Sie zum Schweigen gebracht. Das muss eine Genugtuung sein.

Schlussendlich weiss ich wie die Mechanismen in diesem Geschäft laufen: Wenn man Erfolg hat, ist alles gut. Wobei zum Liebling der Medien werde ich wohl nie, weil anscheinend meine zurückhaltende Art vielleicht nicht so gerne gesehen wird. Ich bin einfach nicht der, der sagt, was andere gerne hören möchten. Ich sage das, was ich denke, und für das stehe ich auch ein. Dass das an gewissen Orten nicht gut ankommt, muss ich respektieren. Aber das ist mir nicht wichtig. Wichtig ist mir die Beziehung zu meiner Mannschaft und zu meinem Umfeld. Was zählt, ist die Beurteilung meines Arbeitgebers – und das ist der FC Wohlen. Schlussendlich kann ich die Meinung der Medien nur bedingt beeinflussen. Diese Beurteilungen sind sehr oft nur oberflächlich und von Leuten, die mich nicht einmal kennen. Für mich kann das deshalb nicht massgebend sein – auch in Zeiten des Erfolgs nicht. Wenn man mich im in der Lokalpresse als «Meister» betitelt, dann muss ich sagen, dass das übertrieben ist.

Mit der Verpflichtung von Stürmer Tadic verschärft sich der Konkurrenzkampf im Team weiter. Es wird Unzufriedene geben.

Ich sehe da kein Problem. Das Niveau im Training wird besser und die Gefahr, selbstzufrieden zu werden, wird minimiert. Spieler, die sich aufdrängen und alles für den Erfolg tun, finden in meinem Team immer Platz. Zudem ist mir eine solche Herausforderung lieber als jene im Dezember, als ich wegen Personalnot beim Derby überlegen musste, wer denn noch Innenverteidiger spielen könnte. Wir haben jetzt jede Position doppelt besetzt, und das ist gut so.

Ihr Vertrag läuft im Sommer aus. Soll Ihr Engagement etwas Langfristiges werden?

Mit dieser Ambition bin ich hierhergekommen. Ich arbeite sehr gerne in Wohlen. Ich denke, wenn wir den Ligaerhalt realisieren und es für beide Parteien stimmt, wird die Fortführung nur eine Formalität sein. Aber im Moment geht es nicht um meine Zukunft, sondern um jene des Vereins. Gespräche gab es deshalb noch keine.

Sollte es für Sie weitergehen, müssten Sie damit leben, dass es im Freiamt Sommer für Sommer zum Umbruch kommt.

Es würde mir natürlich wehtun, wichtige Spieler zu verlieren. Auf der anderen Seite zeigt das Interesse anderer Klubs auch, dass wir in Wohlen gut arbeiten. Für mich als Trainer wäre es frustrierend, wenn ich eine Saison lang mit den Jungs arbeiten würde und keiner in seiner Entwicklung den nächsten Schritt machen würde. Ich erhoffe mir aber, dass wir unsere Achse zusammenhalten können. Zudem sind wir mit vielen Vereinen im ständigen Austausch.

Zum Beispiel mit dem FC Zürich, der gleich drei Talente in Wohlen parkiert hat.

Das liegt wohl daran, dass der FCZ gewillt ist, mit uns zu kooperieren. Anscheinend wird unsere Arbeit ausserkantonal anders wahrgenommen als in der kantonalen Partnerschaft. Ein Beispiel: Ich habe mein Interesse an einigen Talenten aus dem Team Aargau bereits im Herbst 2016 deponiert. Was nun mit Mats Hammerich passiert ist, ist für mich nur schwer nachzuvollziehen.

Er wurde Mitte Januar vom FC Aarau zum SC Cham ausgeliehen.

Hierbei ging es nicht mehr um die Nachwuchsförderung, sondern um persönliche Interessen. Wenn einzelne Personen ihre Interessen über ein ganzes Ausbildungskonzept und die Bedürfnisse eines Talentes stellen können, dann muss der Sinn dieser Partnerschaft tatsächlich infrage gestellt werden. Jährlich schicken wir einige Junioren des FC Wohlen ins Team Aargau. Mit der Erwartung, diese so zu fördern, damit sie den Ansprüchen für eine Karriere als Profi dereinst gerecht werden. Der Output in der jüngsten Vergangenheit ist aber sehr bescheiden. Die letzten Talente, die den Sprung ins Profiteam des FC Wohlen geschafft haben, lassen sich an einer Hand abzählen. Da stellt sich berechtigterweise die Frage, ob die 30 000 bis 50 000 Franken, die der FC Wohlen jährlich in die Partnerschaft investiert, nicht lieber für Leihgebühren ausgegeben werden sollen und der FC Wohlen langfristig die Juniorenabteilung halt wieder selber führen will. Ich meine von den Talentmanagern aus Zürich, Bern oder Luzern höre ich monatlich mindestens einmal etwas. Jener vom Team Aargau hält einen Austausch bis heute nicht für nötig.