Challenge League
FC Wohlen: Sead Hajrovic ist endlich mehr als nur ein Mitspieler

Vor kurzem setzte Wohlen-Trainer Francesco Gabriele Führungsspieler Sead Hajrovic auf die Bank. Die Pause hat ihm sichtlich gut getan. Nun spielt der Verteidiger für Wohlen so stark wie noch nie zuvor.

Calvin Stettler
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Der Verteidiger des FC Wohlen, Sead Hajrovic, spielt so überzeugend wie noch nie.

Der Verteidiger des FC Wohlen, Sead Hajrovic, spielt so überzeugend wie noch nie.

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Eigentlich sollte dieses Bild nicht ungewöhnlich sein: Sead Hajrovics Gang zum Kabinentrakt ist aufrecht, ja voller Stolz. Vor allem aber versprüht er an diesem kalten Abend in Chiasso jene Lässigkeit, die man sich im Freiamt bei der Unterzeichnung seines Vertrags im Sommer eigentlich in grösserer Regelmässigkeit erhofft hatte.

Richtig überzeugend war der Verteidiger im ersten Saisondrittel nämlich selten, zu oft war der einstige U17-Weltmeister mit sich selber statt mit der Führung seiner jungen Mitspieler beschäftigt, zu gross schien die Verunsicherung, die sich immer wieder in seiner Körpersprache offenbarte. Darum eben wirkt dieses stilsichere Antlitz nach der Realisierung des Auswärtserfolges in Chiasso so ungewöhnlich.

Dass er und seine Kollegen defensiv solide und vor allem solidarisch gearbeitet hätten, sei an diesem Abend entscheidend gewesen, sagt Hajrovic im Rückblick. Neben ihm spielten Florian Stahel, der routinierte Verteidigungsminister, und Noah Loosli, ein aufstrebender Abräumer. Zusammen wirkten sie wie drei Musketiere: Unerschrocken, kampflustig, erfolgreich.
Obwohl Chiassos Offensivmaschinerie unerschrocken Chancen produzierte, blieben die Freiämter standfest. 2:0 gewannen sie letztlich. Hajrovic spricht von einer neuen Stabilität im Team. Das neue System, das Trainer Francesco Gabriele in Wohlen implementiert habe, sei ein Grund dafür. Weil diese 3-4-2-1-Formation vorsieht, in der Rückwärtsbewegung die Drei-Mann-Abwehr um zwei weitere Aussenläufer zu ergänzen, sind die zu kittenden Löcher in der Freiämter Verteidigung weniger geworden. «Zudem stimmt die Abstimmung zwischen uns Verteidigern je länger, je mehr», sagt Hajrovic.

An diesem Abend ist die Welt für den 23-Jährigen, der im Sommer als Vize-Captain Winterthurs ins Freiamt wechselte, in Ordnung. Es ist aber noch nicht lange her, da war Hajrovic vor allem eines: bedient. Es war in Neuenburg, wo der FC Wohlen diese magische Performance gegen Xamax ablieferte, als Hajrovic erstmals in dieser Saison nicht in der Startformation stand. Ohne ihn, der den Anspruch an sich hat, eine Führungsrolle innezuhaben, gewinnt Wohlen 4:1. Mit einer sattelfesten Defensive.

Viele im Klubumfeld konfrontierten Trainer Gabriele nach diesem Spiel mit der Frage: «Wie viel Mut hast du gebraucht, um Hajrovic auf die Bank zu setzen?» Die Tatsache, alles und jeden zu hinterfragen, das sei mutig, entgegnete der 39-Jährige dann jeweils. Er sagte nach diesem Xamax-Spiel auch: «Sead ist ein Führungsspieler, aber für mich zählt der gegenwärtige Formstand und nicht das Geleistete in der Vergangenheit.»

Die Enttäuschung vonseiten Hajrovics war zwar gross. Mit etwas Abstand sagt er in Chiasso aber: «Diese Pause hat mir wohl gutgetan.» Seit der 85. Minute in Neuenburg, als der 23-Jährige ohne Aufwärmen den verletzten Davide Giampà ersetzen musste, verteidigt Hajrovic wieder so, wie er das von sich erwartet: mit grosser Zuverlässigkeit. Auch darum bleibt Wohlen im Tessin ohne Gegentor. Zum vierten Mal erst in dieser Saison.

Hajrovics neue Geduld

Solch einen komplizierten Saisonstart hat Hajrovic nicht erwartet: «Dass wir zwischenzeitlich Letzter der Challenge League sein sollten, damit habe ich nicht gerechnet.» Schwierig seien die letzten Wochen gewesen. Diese sieben Niederlagen in Serie, diese 27 Gegentreffer, sie schlugen auf die Moral. Resigniert habe er aber nie, «weil ich weiss, dass man sich nicht von heute auf morgen verbessert, sondern es sich um einen längeren Prozess handelt». Eine Besinnung, die zuletzt auch ihm zusätzliche Geduld mit seiner persönlichen Entwicklung einräumte. Als Hajrovic im Sommer nach Wohlen kam, sagte er, er wolle mehr als ein Mitspieler sein. Mit etwas Verspätung ist er es endlich.