Roger Geissberger, schwimmt der FC Aarau im Geld?

Roger Geissberger: Nein. Der FC Aarau schwimmt definitiv nicht im Geld. Aber immerhin haben wir seit fünf Jahren ein ausgeglichenes Budget. Das Aktienkapital beträgt 1,72 Millionen Franken. Das Eigenkapital liegt sogar leicht darüber.

Ist es nicht verwunderlich, dass Sie der Mannschaft nach dem 3:0-Sieg gegen Winterthur eine Prämie für das Verlassen der Abstiegszone in der Challenge League bezahlt haben? Sind Ihre Ansprüche so gering?

Nein. Die Ansprüche sind nicht gering. Die Führungscrew des FC Aarau war schon zu Beginn dieser Saison der Meinung, dass diese Mannschaft mit dem Abstieg nichts zu tun haben darf. Ich sage es deshalb klipp und klar: Wir haben in der Vorrunde versagt. Und zwar alle! Dank dem neuen Trainer Marco Schällibaum, der neuen sportlichen Führung und dank Transfers wie jenen von Stéphane Besle, Patrick Rossini und Zoran Josipovic und der Rückkehr von Miguel Peralta konnten wir eine Aufholjagd starten. Die Spieler haben sich diese Prämie verdient. Ich wollte damit ein Zeichen setzen.

Wie hoch ist die Prämie? Im Umfeld des FC Aarau spricht man von 10 000 Franken.

Wer sagt das? Aber es stimmt: Es sind tatsächlich 10 000 Franken.

Nach der schwachen Vorrunde hat der FC Aarau den Turnaround geschafft. Was ist der Grund für den aktuellen Höhenflug?

Im Fussball ist nicht immer alles zu hundert Prozent planbar. Die Fälle mit den zwischenzeitlichen Abstürzen von Borussia Dortmund und Borussia Mönchengladbach zeigen das in aller Deutlichkeit. Dank Schällibaum, seinen Assistenten Andy Ladner und Ercüment Sahin und dank Sportchef Raimondo Ponte ist ein frischer Wind eingekehrt. Nicht nur sie, auch Torhüter-Trainer Swen König und die medizinische Abteilung unter der Leitung von Reto Jäggi leisten hervorragende Arbeit.

Was ist anders seit dem Trainerwechsel von Livio Bordoli zu Marco Schällibaum?

Das Konzept und die Stabilität innerhalb der Mannschaft haben sich verändert. Auf dem Platz herrscht Ordnung. Es gibt einen klaren Plan. Die Handschrift des Trainers ist spürbar. Jeder kämpft für den andern. Trotz harzigem Start in die Rückrunde haben wir Punkte geholt. Der Knackpunkt war sicherlich der 2:1-Sieg in Chiasso. Nach diesem Spiel ging es aufwärts. Die Mannschaft wurde immer stilsicherer. Und plötzlich hatten wir auch wieder das nötige Quäntchen Glück.

Wie wichtig war der Sportchef-Wechsel von Urs Bachmann zu Raimondo Ponte?

Ponte hat mehr Zeit für die Mannschaft. Er war selber Spitzenfussballer und verfügt über einen hohen Sachverstand. Die Zusammenarbeit zwischen ihm und mir als Sportlicher Leiter funktioniert ausgezeichnet. Er hat bei uns zwar nur einen 50-Prozent-Job, ist aber praktisch während 24 Stunden für den Fussball und den FC Aarau tätig.

Hat Ponte tatsächlich nur einen 50-Prozent-Job?

Was den Lohn betrifft ja. Von der Arbeitszeit her betrachtet, arbeitet er aber zu hundert Prozent. Wir werden das in der neuen Saison auf moderate Art anpassen.

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit zwischen Ponte und Schällibaum?

Die Zusammenarbeit ist gut. Im Tagesgeschäft wünsche ich mir einen etwas stärkeren Austausch.

Bleibt Schällibaum in der nächsten Saison Trainer?

Schällibaum ist ein guter und ein erfolgreicher Trainer. Schafft der FC Aarau Ende Saison einen Rang in den Top 3, verlängert sich sein Vertrag automatisch. Das ist aber nur eine Randnotiz. Schällibaum soll Trainer des FC Aarau bleiben. Wir möchten den Vertrag mit ihm vorzeitig verlängern.

Was heisst vorzeitig?

Wir werden in den nächsten Tagen mit Schällibaum zusammensitzen.

Wie weit sind Sie mit den Planungen der Mannschaft für die nächste Saison?

Es ist unser Wunsch, dass die Mannschaft mehrheitlich zusammenbleibt. Trotzdem werden wir drei bis vier Änderungen realisieren. Das Kader bleibt bei 19 Spielern und 3 Torhütern. Um das erklärte Ziel Aufstieg zu erreichen, müssen wir uns in der Offensive und im zentralen Mittelfeld verstärken.

Apropos Stürmer, momentan sorgt vor allem der Fall Mart Lieder mit der aufgelösten Option einer Vertragsverlängerung für Wirbel: Was sagen Sie dazu?

Ich muss eines vorausschicken: Der FC Aarau ist und bleibt eine Familie mit sehr hoher Sozialkompetenz. Wir helfen Spielern in Notlagen, betreuen sie und schauen, wenn nötig, für Wohnungen. Zum Fall Mart Lieder: Der Holländer wurde vor dieser Saison als Stürmer mit einem für Aarauer Verhältnisse überdurchschnittlichen Salär ausgestattet. In der Vorrunde ist Lieder nicht auf Touren gekommen. In der Rückrunde hat er sich stark verbessert. Fakt ist aber, dass Lieder in 22 Spielen nur zwei Tore erzielt hat. Er hatte tatsächlich die Option, dass sich sein Vertrag nach 25 Einsätzen verlängert. Die Option beinhaltete zudem, dass er ein höheres Gehalt bekommt. Das kann der FC Aarau wirtschaftlich nicht verantworten. Wir haben eine für beide Seite zufriedenstellende Situation gesucht, in welcher der Spieler trotzdem weiterspielen kann. Lieder kann sich in den verbleibenden neun Spielen für einen neuen Vertrag empfehlen. Die Akte ist noch nicht geschlossen.

Was darf die Mannschaft in der Saison 2016/17 kosten?

Das Gesamtbudget des Klubs beträgt 5,8 Millionen Franken. Die erste Mannschaft darf uns in der nächsten Saison mit allem Drum und Dran 3,8 Millionen Franken kosten. Das ist exakt der gleiche Betrag wie in dieser Saison.

Apropos Geld: Warum dauert die Suche nach einem neuen Hauptsponsor so lange?

Die Suche nach einem Hauptsponsor gestaltet sich schwieriger als geplant. Wegen der sportlichen Erfolge der vergangenen Wochen und Monate sind wir aber überzeugt, dass wir bis im Sommer einen Nachfolger von Zehnder Group finden werden. Der Hauptsponsor macht bei uns fünf Prozent des Budgets aus. Erfreulich ist die Tatsache, dass wir bezüglich Sponsoring breit aufgestellt sind. Wir haben 13 Premiumsponsoren, die in der Super League jeweils 100 000 und in der Challenge League jeweils 60 000 Franken zahlen. Hinzu kommen steigende Mitglieder-Zahlen bei den «White socks» und der wichtigsten Donatoren-Gruppe «Club 100».