Challenge League
FC Aarau und FC Wohlen: der Neustart nach schwierigen Zeiten

Für den FC Aarau war die letzte Saison eine zum Vergessen. Für den FC Wohlen war sie aus sportlicher Sicht gut, doch prägten Lizenzstreitigkeiten mit dem Verband die letzte Phase der Saison. Eine Analyse vor dem Saisonstart der Aargauer Profiklubs FC Aarau und FC Wohlen.

Sebastian Wendel
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Die beiden Captains im Duell Aaraus Sandro Burki (l.) und Wohlens Alain Schultz werden auch in der neuen Saison aufeinandertreffen.

Die beiden Captains im Duell Aaraus Sandro Burki (l.) und Wohlens Alain Schultz werden auch in der neuen Saison aufeinandertreffen.

Freshfocus

Der 22. April 2017 war ein geschichtsträchtiger Tag: Zum ersten Mal hiess der Sieger des Aargauer Derbys FC Wohlen und nicht FC Aarau. Der Sieg der Wohler im Brügglifeld nach zuvor 15 gescheiterten Anläufen war alles andere als gestohlen.

An diesem milden Samstagabend wurden die Aarauer im eigenen Wohnzimmer von euphorischen Freiämtern derart überrollt, dass nach dem 3:0 sogar die Frage umherging: Kommt es bald zur Wachablösung im Aargauer Profifussball?

Nein, vorerst nicht. Im Anschluss an die erste Derbyniederlage konnte Aarau immerhin den Super-GAU abwenden, nach 36 Spieltagen in der Tabelle hinter Wohlen zu liegen. Der Vergleich der Budgets von sechs Millionen (Aarau) versus zwei Millionen (Wohlen) besagt, dass dies in der kommenden Saison so bleibt.

Auch der Blick auf die Kaderlisten zeigt: Auf dem Papier hat Aarau mehr Qualität. Und so unterscheidet sich die Zielsetzung frappant: Aarau will in die Top 3 der Challenge League. Wohlen peilt den sportlichen Ligaerhalt an und hofft, auch im nächsten Frühling die Lizenz für den Profifussball zu erhalten.

Die Bilder zum ersten Derbysieg des FC Wohlen:

FC Aarau - FC Wohlen, 22.04.2017
11 Bilder
Janko Pacar (Nr. 20, Wohlen) traf zur zwischenzeitlichen 1:0-Führung.
Der FC Wohlen nutzte die Fehler des FCA gnadenlos aus.
Der Torschütze Pacar jubelt.
Die Freiämter jubeln über den 2:0-Führungstreffer durch Janko Pacar (dritter v. l.).
Wohlen-Trainer Francesco Gabriele konnte mit seiner Mannschaft zufrieden sein.
Wohlen-Goalie Kiassumbua krönte seine Leistung mit einer weissen Weste.
Der FC Wohlen gewinnt das Aargauer Derby zum ersten Mal.
Die Fans des FCA verliessen frühzeitig das Stadion.
Das letzte Aargauer Derby im Brügglifeld fand am 04. Dezember 2016 statt.
Damals konnte sich der FC Aarau knapp mit 1:0 durchsetzen.

FC Aarau - FC Wohlen, 22.04.2017

Marc Schumacher/freshfocus

Doch eines verbindet die beiden Vereine: Sowohl in Aarau als auch in Wohlen stand die Saisonvorbereitung unter dem Motto «Neustart». Die Art und Weise, wie dieser gelingt, könnte die Antwort beeinflussen auf die Frage: Kommt es im Duell zur Wachablösung im Aargauer Fussball?

Der FC Aarau muss Fehler eingestehen und Goodwill schaffen

Beim FC Aarau agiert nach dem sportlichen Sturzflug im Frühling ein komplett neuer Trainerstab. Der 39-jährige Marinko Jurendic und seine Mitarbeiter, die alle jünger sind als der Chef, haben primär einen Auftrag: Sie müssen positive Resultate liefern. Möglichst mit frischem Offensivfussball. Doch aufgepasst: Dass mit gutem Fussball allein auch sonst alles gut wird im und um den FC Aarau, ist ein frommer Wunsch.

Zu glauben, die Hardcore-Fans seien beim letzten Heimspiel der vergangenen Saison nur wegen der Resultatkrise ferngeblieben, ist naiv. Sie und der Rest des sonst so treuen Aarauer Publikums finden, der Klub habe sich in den vergangenen Monaten entfremdet.

Fragwürdige Personalentscheide, Zickzack-Kurs in der Kommunikation, mangelnde Leidenschaft auf dem Platz, fehlendes Fingerspitzengefühl im Umgang mit der Frauenabteilung, die Aussendarstellung einer Schar von Einzelkämpfern statt einer verschworenen Einheit: Der FCA hat in der vergangenen Saison über die Kantonsgrenzen hinaus viel Sympathie und Ansehen verloren.

Challenge League

1. Runde

- Xamax - Aarau, Freitag 20.00 Uhr

- Servette - Chiasso, Samstag 19.00 Uhr

- Winterthur - Wohlen, Samstag 19.00 Uhr

- Wil - Vaduz, Sonntag 16.00 Uhr

- Schaffhausen - Rapperswil, Sonntag 16.00 Uhr

Dies einzugestehen und beim Publikum wieder Goodwill zu schaffen, ist die grosse Aufgabe der Mannschaft sowie der Klubverantwortlichen. Letztere verweisen stets auf die Notwendigkeit des neuen Stadions: Das ist verständlich. Andererseits hat die Vergangenheit bewiesen, dass eine Identität auch im Brügglifeld gedeihen kann. Und dass die urchigen Rahmenbedingungen ebenso ein Vorteil sind, wenn man sie richtig einsetzt.

Auf den ersten Blick ist mit der Wahl des neuen Cheftrainers Marinko Jurendic ein erfreulicher Anfang gemacht. Nun gilt es, mit guten Resultaten eine Euphorie zu entfachen. Den FC Aarau wieder attraktiv zu machen, ist genauso wichtig für die Beziehung mit dem Publikum wie für die Kaderplanung: Von den Verträgen der Profis, die schon in der vergangenen Saison für Aarau gespielt haben, sind nur jene von Nganga, Peralta, Hunn und Corradi länger gültig als bis 2018. Dass es nicht mehr sind, liegt mitunter daran, dass einige Teamstützen die Vertragsverlängerung mangels Perspektiven ablehnen.

Der FC Wohlen als gallisches Dorf in der Challenge League

Vertragsverlängerung. 18 Kilometer südöstlich von Aarau, in Wohlen, kommt dieser Begriff selten vor. Der FC Wohlen hat es sich auf die Fahne geschrieben, ein Sprungbrett zu sein. Für Spieler und für Trainer. Das hat sich herumgesprochen und mittlerweile ist der FCW ein beliebter Halt auf dem (Um-)Weg nach oben: Roman Buess (St. Gallen), Simone Rapp, Joël Geissmann (Thun) oder Simon Grether (Luzern) sind nur einige Beispiele. Sommer für Sommer geben sich im Stadion Niedermatten bisherige und neue Akteure die Klinke in die Hand.

Das erste Training der Freiämter unter dem neuen Trainerstab:

Ranko Jakovljevic leitete am Dienstag zum ersten Mal das Training des FC Wohlen.
15 Bilder
FC Wohlen, Trainingsauftakt 20.06.2017
Zuberbühler konnte als Goalie-Trainer ins Freiamt geholt werden.
«Zubi» kommt auf 51 Einsätze in der Schweizer Nationalmannschaft.
Der FC Wohlen startete am 20. Juni die Saisonvorbereitung.
Spieler und Trainer treffen am Trainingsgelände ein.
Zuberbühler zusammen mit Trainer Jakovljevic.
Das Trainer-Team berät sich.
Zuberbühler beim seinem ersten Training in Wohlen.
«Zubi» gibt Anweisungen.
Igor Tadić (l.) zusammen mit Captain Alain Schultz.
Gibt Anweisungen: Wohlen-Trainer Ranko Jakovljevic.
Wohlen-Rückkehrer Daniele Romano. Er konnte sich beim FC Aarau nicht durchsetzen.
Dylan Stadelmann, ein weiterer Rückkehrer. Er kam vom FC Wil.
Der 1,97 m grosse Zuberbühler beim Training in Wohlen.

Ranko Jakovljevic leitete am Dienstag zum ersten Mal das Training des FC Wohlen.

Mario Heller

Heuer fällt die traditionelle Personalrochade besonders krass aus: Komplett neuer Trainerstab und ein Kader, in dem mehr als die Hälfte der Spieler Neuzugänge sind. Dazu kommt: Nach der erstinstanzlichen Lizenzverweigerung mussten Ehrenpräsident René Meier und Präsident Lucien Tschachtli sogar damit rechnen, dass der FC Wohlen aus dem Profifussball verbannt wird. Für den Verein muss sich der 31. Mai, als aus Bern doch das «Go» eintraf, wie der Startschuss in ein neues Leben angefühlt haben.

Der grosse Überlebenswille des Wohler Führungsduos wurde belohnt mit der Verpflichtung von Pascal Zuberbühler. Der Goalietrainer bringt ein bisschen Glamour, viel Know-how und ein grosses Netzwerk ins Freiamt. Die sportlichen Gesetze kann aber auch ein Strahlemann wie «Zubi» nicht ändern: Mit einem der kleinsten Budgets und mit einer der jüngsten Mannschaften der Liga gibt es für Wohlen nur ein Ziel: Klassenerhalt. Mehr zu erwarten, wäre vermessen.

Das Stadion Niedermatten in Wohlen genügt den Anforderungen der Liga nicht mehr – nun werden dem Klub Konsequenzen angedroht.

Das Stadion Niedermatten in Wohlen genügt den Anforderungen der Liga nicht mehr – nun werden dem Klub Konsequenzen angedroht.

Alex Spichale

Deutlich mehr Brisanz liegt im Clinch mit der Swiss Football League: Dem FC Wohlen droht ein Disziplinarverfahren, wenn beim Saisonstart die neue, 500 Lux starke Flutlichtanlage nicht steht. Dass dies nicht möglich ist, weiss man in Bern. Aus bürokratischen Gründen
habe man die Drohung trotzdem aussprechen müssen. Noch haben Meier und Tschachtli Energie und Lust, mit unzähligen Stunden Freiwilligenarbeit den Profifussball in Wohlen am Leben zu halten. Doch nach der jüngsten Posse stellt sich die Frage: Wie lange noch?

Der FC Wohlen ist auch in der neuen Saison das gallische Dorf, das sich gegen die Übermächte rundherum zu wehren versucht. Eine solche Ausgangslage kann ein enormes Zusammengehörigkeitsgefühl bewirken und zu Höhenflügen führen. Gar bis zur Wachablösung im Kanton Aargau? Das wird sich zeigen.