FC Aarau
FC Aarau-Präsi Schmid: Deshalb beisse ich manchmal in die Tischkante

Der FC Aarau ist der Verlierer des Jahres 2010. Wie ging der Präsident damit um? Und wie geht es weiter? Das grosse Interview.

Rainer Sommerhalderund Ruedi Kuhn
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Alfred Schmid erlebte als Präsident des FC Aarau im Jahr 2010 bittere Stunden. Chris Iseli Alfred Schmid erlebte als Präsident des FC Aarau im Jahr 2010 bittere Stunden. Chris Iseli

Alfred Schmid erlebte als Präsident des FC Aarau im Jahr 2010 bittere Stunden. Chris Iseli Alfred Schmid erlebte als Präsident des FC Aarau im Jahr 2010 bittere Stunden. Chris Iseli

Sie galten als die «Unabsteigbaren», die Fussballer des FC Aarau. Doch im Mai 2010 war es so weit, das Aushängeschild des Aargauer Fussballs verlor seinen Platz in der höchsten Spielklasse. Mehr noch: Präsident Alfred Schmid musste im Herbst mit ansehen, wie seine Mannschaft selbst in der Challenge League immer mehr nach hinten durchgereicht wird.

Welches war für Sie 2010 der schlimmste Augenblick?

Alfred Schmid: Sportlich war es zweifellos der Moment, als der Abstieg des FC Aarau in die Challenge League nach 29 Jahren in der höchsten Spielklasse definitiv feststand.

Und was hat Sie in diesem Jahr gefreut?

Es gibt für mich nicht nur den Sport, sondern natürlich auch die Familie und die Firma, welche ich führe. Hier habe ich schöne Momente erlebt, respektive Erfolge feiern können. Wenn wir auf den Sport zu sprechen kommen, dann haben mich die Erfolge unserer Juniorenabteilung und der vermeintliche Aufstieg unseres U21-Teams in die 1.Liga gefreut. Ebenfalls Freude bereitet hat die Integration mehrerer Spieler aus diesem U21Team in der ersten Mannschaft. Hier müssen wir unsere Arbeit weiter verbessern, denn dieser Weg ist die Zukunft des FC Aarau. Und zu guter Letzt, dass es uns vor wenigen Tagen gelungen ist, mit der Zehnder Group AG eine namhafte Firma als neuen Hauptsponsor zu gewinnen.

Was bedeutet dies finanziell für den Verein?

Es ist bereits nicht selbstverständlich, dass wir unser Budget in der Challenge League halten konnten. Viele Fixkosten sind trotz des Abstiegs geblieben. Die Vereinbarung mit dem neuen Hauptsponsor ist leistungsabhängig. Spielen wir erfolgreich, dann können wir aus dem Vertrag noch mehr profitieren.

Sie wirken gegen aussen stets gefasst und sachlich – selbst im Moment eines Misserfolgs. Können Sie auch emotional werden?

Ich glaube schon. Gegenüber der Öffentlichkeit bin ich bewusst ruhig und gefasst. Wenn sich aber die Türen hinter mir schliessen, kann ich durchaus emotional sein. Personen, die mir nahestehen, wissen dies.

Es gab 2010 viele schwierige Momente: Der Abstieg, die Trennung von Sportchef Fritz Hächler, der Aufstand der Fans nach dem Delémont-Spiel. Wie verarbeiten Sie solche Dinge?

Die negativen Eindrücke, die man in einer solch schwierigen Zeit erhält, muss man mit anderen Personen austauschen. Hier ist meine Familie ein grosser Rückhalt, aber auch Freunde, die mich in diesen Momenten unterstützen. Auf Dauer kann natürlich niemand solche Negativmeldungen einfach aushalten. Auch ich brauche wieder einmal erfolgreiche Zeiten im Sport. Daran arbeiten wir und daran orientiere ich mich in meiner täglichen Arbeit für den FC Aarau. Wenn man sich stets nur an den negativen Punkten orientiert, geht man kaputt.

Wie äussert sich bei Ihnen Frust?

Gegen aussen wird man mich nie schimpfend oder fluchend erleben. Da stehe ich darüber.

Aber hier im Büro beissen Sie heimlich in die Tischkante?

So was kommt eher mal vor. Wenn ich intern deutlich sage, wenn etwas nicht sein darf, fallen auch mal Ausdrücke, die man gegen aussen vermeidet.

Betrachten Sie den Abstieg auch als persönlichen Prestigeverlust?

Nein. Ich betrachte die Sache so, dass sich viele Rahmenbedingungen für den FC Aarau stetig verschlechtert haben, etwa die Ligareduktion auf zehn Teams, Auflagen der Swiss Football League und ein rund 90-prozentiger Kostenanstieg im Sicherheitsbereich. Die Ausgaben wurden in den letzten Jahren immer grösser, die Einnahmen blieben limitiert, auch wegen der Stadionsituation. Punkto Stadion kämpften wir gegen die Konkurrenz mit ungleich kürzeren Spiessen. Da war vorbestimmt, dass wir auch sportlich immer mehr Mühe bekommen werden. Auch für die Zukunft gilt: Ohne neues Stadion hat der FC Aarau im Profifussball keine Zukunft.

Würden Sie heute das Präsidentenamt des FC Aarau nochmals übernehmen?

Damals ging es um die finanzielle Rettung des FC Aarau. Wir konnten den Konkurs glücklicherweise abwenden und erlebten zwei schöne Saisons mit dem 5. Platz. Das gab auch mir Kraft. Es war also nicht alles schlecht, was wir gemacht haben. Ein Wermutstropfen ist vor allem das Stadion. Unsere ursprüngliche Planung, dass wir die Saison 2012/13 im neuen Stadion in Angriff nehmen können, ist wegen Einsprachen und Verzögerungen leider nicht mehr möglich.

Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet.

Wenn ich heute entscheiden müsste, würde ich es nochmals machen. Und zwar wegen des FC Aarau, der damals in einer wirklich schwierigen Situation steckte.

Aber dass das Amt derart schwer auf den Schultern lastet, haben Sie nicht erwartet?

Natürlich hat man auch viel zu verlieren. Im Nachhinein muss ich schon eingestehen, dass ich dauerhaft sehr viel mehr Zeit investieren musste, als dass ich es angenommen hatte. Jeder von uns in der Führung arbeitet ehrenamtlich. Da gibt es natürlich Momente, in denen man das Ganze überdenkt und sich fragt: «Kann es das sein, dass ich so viel Zeit investiere und es doch manchen nicht recht machen kann?» Das stört mich. Fussball ist so einfach, dass jeder ein Experte ist. So hat man von links und rechts ständig gut gemeinte Ratschläge. Aber wir können uns nicht auf alle Seiten bücken, sondern müssen unseren Weg gehen, solange dies möglich ist. Wenn eines Tages die Barrieren, die wir überwinden müssen, nicht mehr aufgehen, dann muss auch ich meine Konsequenzen ziehen.

Sie haben nicht nur viel Zeit investiert, sondern auch viel Geld. Wie viel hat Sie das Engagement beim FC Aarau gekostet?

Über Zahlen rede ich selbstverständlich nicht. Für mich ist primär die Zeit Mangelware. Die derzeitige Situation erfordert ein noch höheres Engagement, und das wird manchmal problematisch.

Wenn morgen jemand käme und das Präsidentenamt übernehmen möchte: Wären Sie froh?

Ich würde ihn sofort unterstützen und sicher nicht einfach die Schlüssel übergeben und selber untertauchen. Ich würde gerne mit ihm zusammenarbeiten. So eine Person suche ich übrigens schon lange, denn ich will ja nicht auf Lebzeiten Präsident des FC Aarau bleiben.

Aber Sie stehen im nächsten Frühling nochmals zur Wahl?

Ich habe immer gesagt, solange das Umfeld das, was wir machen, goutiert und wir in Ruhe unsere Arbeit tun können, werde ich den FC Aarau nicht hängen lassen. Aber wie gesagt, wenn jemand meine Arbeit übernehmen will oder jemand sich zutraut, es besser zu machen, dann stehe ich nicht im Weg. Überall passieren Fehler und wir haben zweifellos auch Fehler gemacht.

Aber handgreiflich ist noch nie jemand gegen Sie geworden?

Nein, noch nie. Auch verbal gab es keine Entgleisungen. Unsere Fankultur beim FC Aarau ist derart vernünftig, dass man trotz grossen Emotionen weiss, wo die Grenzen sind.

Sie sind ein Ehrenmann. Sind Sie fürs Fussball-Business zu lieb?

Das sagt man mir ab und zu nach. Ich kann aber durchaus harte Gespräche mit Spielern führen und habe dies mehr als einmal getan. Aber ständig mit der Geissel «klöpfen» muss ich deswegen nicht. Mein Führungsstil ist der Gleiche wie in der Firma und ich will und kann ihn nicht ändern.

Was machen Sie an den Festtagen?

Ich bin traditionell an der Wärme, gehe mit meiner Familie nach Südafrika in die Ferien.

Im Februar folgt Ihnen der FC Aarau dorthin nach. Hätte es in der Challenge League nicht auch ein weniger exotischer und teurer Trainingsort getan?

Diese Kritik höre ich nicht zum ersten Mal. Die Idee war aber bereits seit längerer Zeit in den Köpfen der Spieler und sie bezahlen entsprechend rund die Hälfte der Kosten aus dem eigenen Sack. Den Klub kostet das Trainingslager in Südafrika keinen Franken mehr, als wir für die Türkei oder Spanien bezahlt hätten.

Was fehlt im Aargau als Basis für eine Rückkehr in die Super League?

Ganz klar das Stadion. Wenn dieses nicht kommen sollte, dann gibt es für den FC Aarau keine Zukunft in der Super League.

2011 kann nur besser werden. Was wünschen Sie dem FC Aarau?

Wir haben die Weichen gestellt und einen Hauptsponsor gefunden...

...dieser allein schiesst keine Tore!

Aber er ermöglicht uns den einen oder anderen Transfer ohne schlechtes Gewissen. Wir wollen nichts anbrennen lassen und werden die für den Sommer vorgesehenen Verstärkungen etwas vorziehen. Ich wünsche mir und erwarte eine gute Rückrunde.

Und was wünschen Sie sich selber?

Eine gute Gesundheit und eine intakte Familie, die weiterhin mein Reservoir bilden wird, aus dem ich auftanken kann.