Das geschulte Auge von Startrichter Kurt Frei erkennt es sofort: «Das ist ein Läufer, das nicht, das schon.» Der Laufstil unterscheidet den Leichtathleten fast immer vom Allroundturner. Und im Pendelstafetten-Wettkampf am Eidgenössischen Turnfest in Aarau starten Sportlerinnen und Sportler aus beiden Sparten.

Die Frauen und Männer aus Beinwil im Freiamt sind einfach zuzuordnen. Athletischer Stil, flüssige Bewegungen – da sind Profis am Werk. Dominik Brun, Technischer Leiter des Vereins, bestätigt den Eindruck: «Normalerweise sind wir auf der Leichtathletikbahn unterwegs.» Über 100, 200, 400 und mehr Meter.

Am Eidgenössischen Turnfest sind die 80 Meter von A nach B auf Gras zu bewältigen. Die Pendelstafette bestreiten mindestens sechs Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Die eine Hälfte rennt hin, die andere Hälfte zurück. Der Start des einen ist also das Ziel des anderen. Dabei darf der Starter die Start-/Ziellinie nicht überqueren, ehe sein Vorläufer diese passiert hat. Sonst gibt es zwei Sekunden Zeitstrafe.

Barfuss oder nicht?

Gelaufen wird in einem riesigen Zelt. Und mit jedem Verein wird die Spur im Gras etwas tiefer. Und doch sind die Leichathleten mit der ungewohnten Unterlage zufrieden. Matthew Schweiger vom TV Wohlen sagt: «Wir liefen in der Vergangenheit an einem Turnfest auch schon auf einem Acker mit Löchern. Da ging es nur darum, dass sich niemand verletzt.»

In Aarau ist die Gefahr, abzuknicken, klein. Die Nägel unter den Laufschuhen finden Halt. Es ist noch so ein Unterschied: Der Amateur unter den Läufern hat im besten Fall Fussballschuhe im Schrank. Viele starten aber ganz ohne Extragrip, andere sogar barfuss. Dominik Brun sagt: «Die Laufschuhe haben sich bewährt.»

Anders als die Kollegen aus Wohlen trainieren die Läuferinnen und Läufer des STV Beinwil/Freiamt gelegentlich die Pendelstafette. Und sie waren über 40 m mit Stab schon Schweizer Meister im Mixed. Die Maximalnote 10.00 war also budgetiert für das Eidgenössische und Brun und seine sieben Kolleginnen und sechs Kollegen haben geliefert.

Ein bisschen leiden mussten sie aber schon. Und nicht nur sie. 80 Meter mit maximalem Tempo sorgen für Gesichter in den verschiedensten Varianten: mal verbissen, mal überzeugt, mal leidend, mal lächelnd. Für Schauspielschulen und Theatergruppen wäre es perfektes Anschauungsmaterial.

Beinwils schnelle Wechsel

Die Stafette ist aber auch Wissenschaft. Die Anlauflänge messen die Vereine genau ab. Ein Hütchen an einem ebenfalls ausgemessenen Punkt auf dem Boden der Rennbahn dient zudem als Signal. Passiert der aktive Läufer diese Stelle und startet der nächste genau dann vom Anlaufpunkt aus, sollten sie sich zum richtigen Zeitpunkt kreuzen. Nicht zu früh, sodass ein Wechselfehler bestraft wird, und nicht zu spät, damit nicht zu viele Meter zusätzlich gestoppt werden.

Die Athletinnen und Athleten aus Beinwil wählen eine lange Anlaufstrecke, fast doppelt so lang wie die Konkurrenz. Dominik Brun sagt: «Wir haben damit beim Wechsel bereits eine hohe Geschwindigkeit. So wirkt es sich weniger negativ aus, wenn wir nicht exakt vor der Startlinie kreuzen.» Weil die Extrazentimeter bereits mit Vollgas absolviert werden.

Beim TV Wohlen, der mit neun Frauen und elf Männern die Pendelstafette bestreitet, hat man die Disziplin seit dem letzten Turnfest nie mehr geübt. Matthew Schweiger und seine Kolleginnen und Kollegen konzentrieren sich während der regulären Wettkampfsaison ganz auf die klassischen Disziplinen der Leichtathletik. «Ein Turnfest ist für uns aber immer die Chance, einmal gemeinsam mit den anderen Sparten des Vereins zu starten.» Und das gestern in der Pendelstafette sogar zweimal. Weil die Zeitmessung nicht funktionierte, mussten die Wohler noch mal ran.

Reicht es zum Sieg?

Vor sechs Jahren am Eidgenössichen Turnfest in Biel hat der TV Wohlen den dreiteiligen Vereinswettkampf in der 2.  Stärkeklasse vor Beinwil/Freiamt gewonnen. In diesem Jahr startet Wohlen in der 1. Stärkeklasse. «Natürlich träumen wir darum ein wenig vom Sieg», sagt Brun. Die gestern in Aarau erreichten 28.94 Punkte hätten Beinwil/Freiamt in Biel zum Sieg gereicht. Ob es aber in diesem Jahr wirklich klappt, wird erst am Samstagabend feststehen, wenn alle Vereine ihren Wettkampf hinter sich haben.

Bis dahin werden die Startrichter in der Pendelstafetten-Halle in Aarau noch ein paar Mal denken: Zeig mir, wie du läufst, und ich sag dir, wie schnell du bist.