Während den letzten acht Jahren pfiff der Aarauer Daniel Wermelinger Spiele in der Schweizer Super League, aber auch im Ausland. Angefangen hat alles vor 25 Jahren, als Wermelinger seine Karriere bei den Junioren startete. Nun blickt er auf die Zeit als Schiedsrichter zurück, erzählt Lustiges, Eindrückliches aber auch Trauriges:

Episode 1: Spassvögel

«Alljährlich gingen wir ins Trainingslager nach Gran Canaria. Schiedsrichterkollege Martin Salm und ich spielten dabei gerne die Spassvögel. Ich erinnere mich an ein Lager vor zirka zehn Jahren. Mitten in der Nacht stürmten Salm und ich die Zimmer der anderen Schiedsrichter, um diese aus dem Schlaf zu rütteln. Aber auch auf dem Trainingsplatz liessen wir es uns nicht nehmen, Spässchen zu machen. Die Trainer hatten es wohl nicht einfach mit uns. Auf einer Joggingrunde rannte der Trainer voraus. An einer Kreuzung bog er links ab, wir alle aber rechts. Erst später hat er gemerkt, dass keine Schiedsrichter mehr hinter ihm rennen.»

Episode 2: Pfeifkonzert

«Den ersten Einsatz auf internationaler Ebene hatte ich 2006 beim Spiel von Osasuna gegen den Hamburger SV. Ich war neben Massimo Busacca und den beiden Assistenten der vierte Offizielle. Das Stadion war mit 20000 Zuschauern ausverkauft. Das Spezielle war, dass die Osasuna-Fans während des ganzen Spiels bei jeder Ballberührung eines Hamburgers pfiffen. Technisch war das Spiel auf höchstem Niveau und sehr temporeich. Ich hoffte, dass sich Busacca nicht verletzen würde. Dieses Spiel wollte ich auf keinen Fall leiten.»

Episode 3: Island

«Etwas Einmaliges erlebte ich bei einem Länderspiel in Island. Damals war ich mit Carlo Bertolini unterwegs. Es war Sommer und daher wurde es in Island auch nachts nie dunkel. Nach dem Spiel gingen wir essen, nachher tranken wir ein, zwei Biere und plötzlich war es schon wieder Morgen und wir mussten direkt an den Flughafen, um unser Flugzeug nicht zu verpassen.»

Episode 4: Lionel Messi

«2007 durfte ich zum ersten Mal als vierter Offizieller an einem Spiel des grossen FC Barcelona im Camp Nou dabei sein. Vor dem Spiel gingen wir in die Kabinen der Teams um die Spielerkontrollen durchzuführen. Alleine der Anblick der riesigen Kabinen war atemberaubend. Hinzu kam, dass ich Stars wie Lionel Messi gegenüberstand und mit ihnen ein paar Worte wechseln konnte. Messi fragte mich, woher ich sei. Als ich sagte, ich sei Schweizer, meinte er, er möge unsere Schokolade sehr. Selbstverständlich habe ich ihm aber keine geschenkt!»

Episode 5: Udo Jürgens

«Aber auch nationale Spiele boten immer wieder unvergessliche Geschichten. Es war ein Cupspiel im Tessin zwischen Locarno und Xamax. Um – trotz des Gotthard-Staus – rechtzeitig da zu sein, fuhren wir extra früh ab. Mit meinem handgeschalteten Auto kamen wir ohne Probleme vorwärts, bis plötzlich das Getriebe kaputt ging. Sofort rief ich den TCS an und sie brachten uns ein Ersatzauto, einen VW Polo. Zu dritt mit drei grossen Sporttaschen zwängten wir uns in das kleine Auto und kamen schliesslich doch noch rechtzeitig in Locarno an. Leider konnten wir aus meinem Auto nur eine CD mitnehmen, ausgerechnet eine von Udo Jürgens. Auf dem restlichen Hinweg und dem ganzen Heimweg hörten wir diese CD rauf und runter. Übrigens war mein nächstes Auto, das ich gekauft habe, dann ein Automat.

Episode 6: Todesjahr

«Das traurigste Erlebnis meiner Schiedsrichterkarriere ereignete sich in einem Trainingslager in Gran Canaria. In unmittelbarer Nähe zu mir, brach mein Schiedsrichterkollege Christoph Robert zusammen und konnte nicht wiederbelebt werden. Für uns alle war das ein riesiger Schock und hat uns im Nachhinein sehr zusammengeschweisst. Ein weiterer schwieriger Moment war für mich, als mein Schiedsrichtervater Werner Müller im Jahr 2006 gestorben ist. Er hat mich während meiner Laufbahn als Schiedsrichter begleitet. Ich hätte spätere Erfolge in der Super League aber auch im Ausland gerne mit ihm geteilt. Ich habe es bedauert, dass er bei meinen Erfolgen nicht dabei sein konnte.»

Episode 7: «Jetzt starte ich durch»

«Eine wahre Odyssee erlebte ich im Dezember 2010 am Europa League-Spiel Sheriff Tiraspol gegen Anderlecht. Wir flogen von Zürich nach Wien, um dort in das Flugzeug nach Chisinau umzusteigen. Doch wegen des zu vielen Schnees konnte dieses nicht abheben und wir mussten mit einem alten VW-Bus quer durch Rumänien fahren und kamen anstatt am Vorabend erst am Morgen um 8 Uhr an. Das Spiel fand schliesslich bei -20 Grad statt. Zirka in der 60. Minute des Matches vermeldete Carlo Bertolini durch das Mikrofon: «Jetzt ich sterbe.» Um gegen die Unterkühlung anzukämpfen tranken wir nach dem Spiel innert kürzester Zeit zwei Flaschen Wodka. Die Rückreise wurde somit besonders lustig.»

Episode 8: Cuba Libre

«In den früheren Trainingslagern auf Gran Canaria hatten wir jeweils einen freien Tag. Zusammen mit Urs Meier, Werner Müller und Martin Salm frönten wir diesen ganzen Tag hindurch dem Jassen. Immer derjenige der verlor, musste eine Runde Cuba Libre spendieren. Der Alkohol und das Geld floss. Urs Meier, der meistens als Verlierer vom Tisch ging, musste am Ende des Tages jeweils froh sein, das Geld für das Rückflugticket noch beisammen zu haben.»

Episode 9: Trauerflor

«Eine lustige Geschichte ereignete sich auch an der Stadioneröffnung 2011 in Luzern. Das Spiel des FCL gegen Thun fand genau an dem Wochenende statt, an welchem die Tessiner Sängerin Nella Martinetti verstarb. Weil unser Schiedsrichterchef Carlo Bertolini auch Tessiner war, gaben wir an eine Trauerminute abzuhalten und mit Trauerflor auf das Spielfeld zu gehen. Das Fernsehen leitete alles in die Wege, damit das Spiel später beginnen konnte. Kurz vor dem Einmarsch klärten wir die Situation auf und das Spiel begann rechtzeitig und ohne Trauerflor.»

Episode 10: Bubentraum

«Mein absoluter Karrierehöhepunkt war der Cupfinal dieses Jahres zwischen Basel und Luzern. Ein Bubentraum ging für mich in Erfüllung. Besonders schön war, dass ich zusammen mit meinem Sohn einlaufen konnte. Emotional ist das für einen Papi nicht zu überbieten. Aber auch das Spiel, inklusive Verlängerung hatte einiges zu bieten.»