Cup-Achtelfinal

Ex-FCA-Spieler Davide Callà vor dem Cupspiel gegen den FCB: «Beim Gedanken kriege ich Hühnerhaut»

Winterthur-Captain Davide Callà vor dem Spiel gegen den Ex-Klub FCB über Heimatgefühle und Höhenflüge.

Im Sommer 2012 ist Davide Callà kurz davor, dem Profifussball den Rücken zuzukehren. Gebeutelt von einer beispiellosen Krankheitsgeschichte steht der damals 28-Jährige nach vier Jahren bei GC ohne Vertrag da. Dann lädt ihn der FC Aarau zum Probetraining ein, doch auch im Brügglifeld ist man skeptisch, ob das einstige Supertalent nochmals auf Touren kommt. «Ich musste bitti bätti machen», erzählt er, «hätte Aarau mich nicht genommen, hätte ich die Karriere beendet und wäre arbeiten gegangen.»

Callà erhält einen tiefdotierten und stark leistungsbezogenen Vertrag und schiesst den Klub mit 19 Toren in die Super League. Der persönliche Lohn folgt im Januar 2014: Ein Vertrag beim FC Basel, mit dem Callà vier Mal Meister wird und in der Champions League spielt.
Im Januar 2018 wollte FCA-Sportchef Sandro Burki den verlorenen Helden zurückholen. Callà ist interessiert, nimmt dann aber das Angebot aus Winterthur an. Von seinem Stammklub. Er habe immer davon geträumt, einmal vor seinen Kollegen auf der Schützenwiese zu spielen.

Als es am zweiten Spieltag der laufenden Saison zum Duell mit Aarau kommt, schiesst Callà mit zwei Toren seinen Ex-Klub ab. Dass der FCA tief in der Krise steckt, geht nicht spurlos an ihm vorbei: «Selbstverständlich bekomme ich mit, was dort läuft. Ich wünsche dem Verein alles Gute für den weiteren Verlauf der Saison.» Heute trifft Callà mit Winterthur im Cup-Achtelfinal erneut auf einen Ex-Klub, auf den FC Basel.

Davide Callà, würden Sie unterschreiben, dass es Ihnen kaum besser gehen könnte?

Davide Callà: Es ist wirklich super, ja. Persönlich geht es mir mega gut. Sportlich ist es auch top. Ich hatte gehofft, dass wir so einen Lauf haben könnten, aber gedacht habe ich es nicht. Die letzten zwei Jahre waren für Winti wirklich nicht gut. Wir waren zwei Mal Zweitletzter, letztes Jahr sind wir nur oben geblieben, weil sich Wohlen zurückgezogen hatte.

Wieso läuft es Winti aktuell so gut?

Weil aus diesen zwei verkorksten Saisons die richtigen Schlüsse gezogen worden sind. Wir haben eine wirklich gute Truppe. Wir haben die Mannschaft punktuell mit zwei, drei Typen verstärken können. Ich sage bewusst Typen, weil es keine Mitläufer sind, die gekommen sind. Sondern es sind Typen, die wirklich auch den Lead etwas übernommen haben. Da sind auch welche dabei, die wertvoll sind, auch wenn sie nicht Stammspieler sind, weil sie reinkommen und trotzdem Verantwortung übernehmen.

Also Typen, wie Sie es in Ihren besten Zeiten beim FCB gewesen sind.

Genau. Wir haben ausserdem einen neuen Trainer, der sehr viel Ruhe hineinbringt. Und dadurch, dass die Mannschaft so gut funktioniert und harmoniert, kann er sich komplett auf seine Aufgabe als Coach konzentrieren. Der Verein hat ein wirklich gutes Team geformt, bei dem jeder für den anderen geht. Auch darum stehen wir da, wo wir im Moment stehen.

Momentan ist dies der dritte Platz. Nach dem Sieg gegen Vaduz war der FCW über Nacht gar Leader – zum ersten Mal seit sechs Jahren. Was ist für Winti in dieser Saison drin?

Hier baut man keinen Druck auf und spricht von einem Aufstieg als Ziel. Aber wir wehren uns auch nicht, wenn es so gut läuft.

Man sagt, diese Mannschaft habe eine Winnermentalität entwickelt, wie ebenfalls vor sechs Jahren zuletzt.

Es hat viele Spiele gegeben, die knapp waren, wie jenes gegen Vaduz. Letztes Jahr hätten wir dieses Spiel verloren. Jetzt bringen wir die Punkte heim. Das zeugt von Charakter und Winnermentalität. Wir haben ein paar Jungs, die den Unterschied ausmachen können. Wir haben Qualität.

Da zählen Sie sich sicher dazu.

Ich bin sicher für die Kreativität verantwortlich, aber wir haben auch noch andere starke Spieler. Es ist ein Team von guten Fussballern, die sich wirklich gut ergänzen – auf und neben dem Platz.

Dieses Team führen Sie als Captain an. Wie gross ist entsprechend Ihr Anteil?

Das müssen andere beurteilen. Es wäre mir fern, mich selber zu loben. Aber klar trage ich sicher auch meinen Teil dazu bei. Ich bin aus Winterthur, bin hier geboren und hier aufgewachsen, das ist meine Stadt. Für mich ist es eine Ehrensache. Wenn ich noch mit der Binde auflaufen kann, ist es noch spezieller. Ich bin mit 120 Prozent dabei, mit vollem Herzen, voller Überzeugung und voller Leidenschaft. Wenn der Captain und Leader die anderen damit anstecken kann, hat das eine positive Wirkung.

War für Sie von Beginn an klar, dass Sie Captain werden würden?

Klar nicht, aber ich habe mich schon früh damit auseinandergesetzt, dass es so kommen könnte. Ich bin der Älteste, der Papi, der mit den meisten Spielen und der, der die grössten Erfolge hat feiern dürfen.

Und einer, der mit Ralf Loose auf einen Trainer getroffen ist, der ihn schon in St. Gallen im zarten Alter von 20 Jahren zum Captain gemacht hatte.

Damals war ich noch sehr jung und er hat mir dieses Amt zugesprochen. Ich hatte eine super Zeit mit ihm in St. Gallen. Wir verstehen uns sehr gut. Es ist nicht eine Vater-Sohn-Beziehung, verstehen Sie mich nicht falsch, es ist rein auf professioneller Ebene. Aber wir sprechen fussballerisch die gleiche Sprache, sehen die Dinge ähnlich. Es harmoniert einfach zwischen uns.

Wann haben Sie gemerkt, dass mit diesem Team mehr möglich sein kann?

Das hat sich bereits in der Vorbereitung herauskristallisiert. Ich habe gemerkt, dass wirklich Potenzial in dieser Mannschaft schlummert, dass aber ein Mentalitätswechsel stattfinden muss. Ich hatte das Glück, dass mir beim FCB diese Winnermentalität eingeimpft wurde, gepaart mit dieser Selbstverständlichkeit, dass man immer gewinnen will – egal, wer der Gegner ist. Das habe ich versucht zu vermitteln. Ich denke, dass wir uns das Duell gegen den FCB verdient haben. Wir gehen mit Selbstvertrauen auf den Platz.

Und mit der Einstellung, dass man jeden, also auch den FCB, schlagen kann?

Wir wissen genau, dass wir in zehn Spielen gegen den FCB neun Mal verlieren. Aber vor zwei, drei Jahren hätten wir neundreiviertel Mal verloren (lacht). Ich weiss, dass der FCB nicht in Top-Verfassung ist. Dennoch muss ganz viel für uns laufen. Wir sind der klare Aussenseiter. Und diese Rolle gefällt uns sehr.

Der FCW ist so gut und der FCB so schlecht wie lange nicht mehr. Fliessen solche Gedanken mit ein?

Wir dürfen ja nicht zu viel überlegen. Bis jetzt haben wir gute Leistungen gebracht, aber jetzt kommt ein anderer Brocken. Der FCB ist und bleibt der FCB. Sie sind europäisch nicht dabei. Was bleibt ihnen da? Meisterschaft und Cup. In der Liga sind sie eher in Rücklage geraten, also werden sie nicht in das Spiel gegen uns gehen und sagen: «Sollten wir ausscheiden – ja nu! Wir haben ja noch zwei Wettbewerbe.» Die werden das extrem ernst nehmen.

Mit welchem Gefühl gehen Sie ins Spiel?

Ich freue mich wirklich sehr. Ich hatte für diesen Achtelfinal drei Lieblingsgegner: GC, der FCZ oder der FCB. Dass es jetzt mit dem FCB geklappt hat, macht es für mich umso spezieller.

Wollen Sie dem FCB auch zeigen, was er an Ihnen verloren hat?

Nein, null. Ich hege überhaupt keine Rachegedanken. Ich will dieses Spiel einfach geniessen. Ich glaube, es wird ein fantastisches Fussballfest. Die Schützenwiese wird pumpenvoll sein. Schon nur beim Gedanken daran bekomme ich Hühnerhaut. Ich freue mich, die Jungs wieder zu sehen. Es wird sicher das eine oder andere Schmunzeln auf dem Platz geben.

Der jetzige FCB-Trainer Marcel Koller setzt gerne auf solch routinierte Spieler wie Sie. Wie schade finden Sie es, jetzt nicht mehr da zu sein?

Wer weiss, wenn Koller von Anfang an da gewesen wäre, wäre es vielleicht auch für mich anders rausgekommen, ja. Aber das ist alles hypothetisch. Schlussendlich gibt es im Leben und im Fussball Zyklen, und dieser Zyklus ist einfach vorbei. Ich wäre gerne geblieben, aber hier habe ich auch etwas sehr Schönes gefunden. Das hier ist einfach purer Fussball. Es ist alles eine Dimension kleiner. Wenn ich auf dem Platz stehe, schaue ich manchmal raus, sehe Gesichter und denke «Den kenne ich», oder «Den habe ich schon lange nicht mehr gesehen». Ich bin auch schon zum Eckball gelaufen und habe einen Kollegen gegrüsst.

Es klingt, als würden Sie die Super League kein bisschen vermissen.

Nein. Der Schritt hier her war für mich kein Rückschritt. Ich bin beim FCB von der fussballerischen Wertschätzung von sehr viel auf fast null gefallen. Das nagt schon. Hier habe ich diese Wertschätzung wieder. Das ist enorm wichtig und die hat nichts mit der Liga zu tun. Lieber in Winterthur gebraucht werden als in Basel gar nicht.

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