Beide haben in diesem Sommer in Biel die Bezirksschule abgeschlossen und setzen nach den Europameisterschaften auf ein Studium. Leonie als Kantonsschülerin mit Schwerpunkt Wirtschaft und Recht, Anina als Fachmittelschülerin im Bereich Gesundheit. Und erst recht mit ihrem selbstbewussten Auftreten. Die Mädchen haben definitiv Charisma.

Rückblende. Vor gut zehn Jahren war ein Medientermin mit 15-jährigen Turnerinnen in Magglingen eine journalistische Strafaufgabe. Ein scheues Räuspern zur Begrüssung, einsilbige Antworten auf alle Fragen, ein verlegenes Lächeln als maximale Zugabe. Fremdbestimmung anstatt Selbstvertrauen. Ariella Käslin beschreibt diese Szenerie in ihrer Biografie «Leiden im Licht» eindrücklich.

Leonie Meier (l.) und Anina Wildi überzeugen mit ihrem selbstbewussten Auftreten.

    

Mündige Athletinnen

Inzwischen ist viel passiert bei der Arbeit mit den besten Turntalenten des Landes. Die Charakterbildung hat im Vergleich zum dreifachen Salto deutlich an Gewicht gewonnen. Die Trainer formen nicht in erster Linie Körper, sondern Menschen. Und sie erhalten den Lohn dafür. Nicht nur mit sportlich erstklassigen Leistungen, sondern auch mit mündigen Athletinnen. Ein Gespräch mit den beiden 15-jährigen Aargauerinnen ist ein Vergnügen. Sie wirken reifer als gleichaltrige Nicht-Leistungssportlerinnen.

Der neue Frauentrainer Fabien Martin freut sich über diese Feststellung. «Das ist genau, was wir machen. Wir pflegen eine offene Kommunikation. Ich sehe mich in dieser Gruppe nicht als der Chef. Ich gebe nur den Weg vor», sagt der Franzose. Er sagt, er habe sehr grosses Vertrauen in die beiden jungen EM-Debütantinnen. «Sie haben ein grosses Potenzial, sind sehr seriöse Sportlerinnen. Wir werden sehen wie sie auf die Premiere auf der grossen Sportbühne reagieren.»

Neue Gesichter in der Kunstturnszene

Durch den Ausfall der unbestrittenen Teamleaderin Giulia Steingruber müssen neue Gesichter für die Schweizer Frauen den möglichen Weg an die Olympischen Spiele 2020 in Tokio ebnen. «Eigentlich war gedacht, dass sie zuerst einmal für die Zukunft lernen. Nun wurden wir dazu gezwungen, diesen Lernprozess abzukürzen. Die Girls müssen jetzt halt schon früher Verantwortung übernehmen. Sie können das.»

Giulia Steingrubers Ausfall ist die Chance anderer Kunstturnerinnen.

Giulia Steingrubers Ausfall ist die Chance anderer Kunstturnerinnen.

Männertrainer Bernhard Fluck ist mit seinen 61 Jahren ein Routinier, der weiss, wie in Magglingen der Hase läuft. Auch sein Blick aus der Distanz offenbart den Wandel. «Es ist schon so, dass heute auf eine spitze Bemerkung in Richtung der Mädchen auf mal ein Spruch zurückkommt. Das selbstbewusste Auftreten ist das Produkt einer Entwicklung. Der Dank für das Formen der Persönlichkeit gebührt den Regionalen Leistungszentren.»

Anspruchsvolle Arbeit

Beim Aargauer Turnverband tönt diese Feststellung wie Musik in den Ohren. Spitzensportchef Davis Huser bestätigt, dass in der Förderung der Turnerinnen ein bewusstes Umdenken stattgefunden hat. «Diese Mädchen sind mitten in der Pubertät. Wir besprechen die Themen mit ihnen und unterbinden sie nicht,» sagt Huser, «denn unsere Aufgabe beschränkt sich nicht auf die Arbeit an den Geräten. Wir müssen sie auch als Menschen auf das vorbereiten, was auf sie zukommt.» Hier sei man auf gutem Weg, aber noch nicht am Ziel. Huser weist darauf hin, dass diese Arbeit sehr viele Ressourcen bindet und Zeit benötigt.

Zurück zu Leonie Meier und Anina Wildi. Da ist keine Angst vor dem grossen Auftritt zu spüren, nicht einmal Nervosität. «Wir denken noch gar nicht an die EM, wir sind im Training so sehr darauf fokussiert, die Qualität der Übungen zu steigern. Da bleibt gar keine Zeit für Nervosität», sagt Anina Wildi, «wenn wir dann in Glasgow zum ersten Mal in der Halle stehen, wird sie schon noch kommen.»

Anina Wildi sagt: «Wir denken noch gar nicht an die EM, wir sind im Training so sehr darauf fokussiert, die Qualität der Übungen zu steigern. Da bleibt gar keine Zeit für Nervosität.»

  

Klubkollegin ist Freundin und nicht Konkurrentin

Die 15-Jährige aus Schafisheim bedauert den Umstand für ihr EM-Debüt, die Verletzung von Giulia Steingruber. «Sie wird fehlen. Man hat Giulia in der Halle jeweils stark wahrgenommen.» Für sie selber war die mehrfache Europameisterin erst recht ein Wegweiser, da sie mit den Geräten Boden und Sprung die gleichen Stärken hat wie Steingruber.

Anina Wildi charakterisiert sich selbst als ungeduldig und ziemlich schnell von sich selbst enttäuscht. Als positive Eigenschaften nennt sie den Biss, ein Ziel nie aus den Augen zu verlieren und auf dem Weg dorthin nie aufzugeben. Sie sieht in ihrer Klubkollegin Leonie Meier viel mehr eine Freundin als eine Konkurrentin.

Wohnen bei der Gastfamilie

Beide Mädchen sind vor einem Jahr aus dem Aargau nach Magglingen gezogen und leben seither als Wochenaufenthalterin bei je einer Gastfamilie. Leonie Meier sagt, dass es am Anfang schwierig gewesen sei, die eigene Familie und das vertraute Trainingsumfeld in Niederlenz zu verlassen. «Wir sind aber hier von allen Seiten sehr gut aufgenommen worden und fühlen uns wohl.»

Leonie Meier sagt in Bezug auf ihr Leben bei der Gastfamilie: «Wir sind aber hier von allen Seiten sehr gut aufgenommen worden und fühlen uns wohl.»

  

Die Schneisingerin sagt, sie spüre vor der Feuertaufe an der EM «eine grosse Vorfreude». Ihre persönlichen Erwartungen will sie nicht an Rangzielen festklammern, sondern «im Wettkampf mein Programm so gut wie möglich abrufen». Sie strahlt über das ganze Gesicht. Keine Spur von Verlegenheit.