Challenge League

«Es hat mich zermürbt»: Aarau-Stratege Olivier Jäckle ist nach langer Verletzungspause zurück

Olivier Jäckle ist seit 2012 im FCA-Profiteam

Olivier Jäckle ist seit 2012 im FCA-Profiteam

Ein halbes Jahr verletzt – schon wieder: Vor dem Comeback gewährt Aaraus Mittelfeldstratege Olivier Jäckle (26) einen Blick in sein Seelenleben. Beim FCA freuen sie sich auf sein Comeback - Ex-Captain Frontino über Jäckle: «Er ist der wichtigste Spieler.»

Wie konnte das passieren? Auch über ein halbes Jahr nach dem dramatisch verpassten Aufstieg gibt es Tage, an denen sich Aarau-Trainer Patrick Rahmen diese Frage stellt. Einen Vorwurf lässt er auf keinen Fall gelten: «Dass Oli Jäckle nach seiner Sperre in die Startelf zurückkehrt, stand ausser Frage. Er ist einer unser Schlüsselspieler.»

Das Barrage-Rückspiel gegen Xamax, das zum Drama vom Brügglifeld wurde, ist bis heute das letzte, das Jäckle von Anfang an bestritt. Selber sagt er, seither gar nie mehr gespielt zu haben, die Einwechslung am vierten Spieltag in Chiasso lasse er nicht gelten: «Diese 19 Minuten hatten mit Fussball nichts zu tun, es war eine einzige Qual.»

Etwas Gutes hat der Kurzeinsatz im Tessin dennoch: Er bringt Jäckle und die medizinische Abteilung zur Einsicht, die Notbremse zu ziehen. Die Rückenschmerzen, die über die Hüfte bis in die Leiste ausstrahlten, begannen Mitte Juni. Nach dem Testspiel gegen Luzern kann er kaum mehr gehen. Dass Jäckle die Warnzeichen wochenlang ignoriert, hat seine Gründe: Er selber will sich nicht eingestehen, schon wieder länger pausieren zu müssen, er will unbedingt seine starken Leistungen in der vergangenen Saison bestätigen. Und für seinen Trainer ist Jäckle einer der Sorte Spieler, auf die er erst verzichtet, wenn wirklich nichts mehr geht. Rahmen: «Als klar war, dass wir Oli aus dem Training nehmen müssen und er lange ausfallen wird, wusste ich: Das wird ein herber Verlust.»

Drei Wochen lang nicht mehr im Brügglifeld: «Brauchte Abstand»

Zusammen mit Elsad Zverotic bildet Jäckle im Frühling das Herz des FC Aarau – und diese Metapher bietet sich tatsächlich an: Zverotic jagt dem Gegner die Bälle ab, Jäckle verteilt sie geschickt wieder an die Kollegen. Der mittlerweile zurückgetretene Gianluca Frontino ist begeistert: «Maierhofer schiesst Tore, Tasar zaubert, Nikolic kratzt alle Bälle von der Linie – aber unser wichtigster Spieler ist Oli.»

Jäckle (links) und Elsad Zverotic waren in der vergangenen Saison das FCA-Herz im Mittelfeld

Jäckle (links) und Elsad Zverotic waren in der vergangenen Saison das FCA-Herz im Mittelfeld

Bei den Gedanken an den Frühling 2019 lächelt Jäckle. «Das Ende war bitter, doch die positiven Erinnerungen überwiegen.» Sie bewahren ihn in den vergangenen Wochen vor dem mentalen Kater. «Nach dem Chiasso-Spiel blieb ich dem Brügglifeld drei Wochen lang fern. Ich brauchte Abstand von allem, die Enttäuschung war riesig.» Die Enttäuschung, schon wieder zum Zuschauen verdammt zu sein.

Seit Sommer 2012 ist Jäckle Stammspieler, von 266 möglichen Ligaspielen hat er 71 verpasst, 37 allein in den letzten zweieinhalb Jahren. «Das Schwierigste war, dass es keine klaren Verletzungen waren wie ein Kreuzbandriss, bei dem die Ausfalldauer vorhersehbar ist. Mal fühlte ich mich besser, steigerte die Belastung und hatte sofort wieder höllische Schmerzen. Das Nicht-Wissen, woran ich bin, hat mich zermürbt.» Erst neue Wege in der Physiotherapie haben Besserung gebracht, um ein Zurückkommen der Schmerzen zu verhindern, macht er zwischen den Trainings neuerdings Kraft- und Stabilisationsübungen. «Was sonst ein 30-Jähriger zur Vorbeugung machen muss, mache ich halt schon mit 26.»

Als Gegenmittel für den Frust hat sich Jäckle Ablenkung gesucht. Zum einen im Kindergarten: Wenn es der Trainings- oder Therapieplan zulässt, hilft er als Praktikant im Kindergarten seines Wohnorts Birmenstorf aus. «Die Zeit mit den Kids ist Gold wert. Nach der Karriere werde ich die Ausbildung zum Kindergärtner beginnen. Eine Perspektive für die Zeit danach zu haben, tut gut.» Eine andere Art der Ablenkung ist die Ursachenforschung für die gesundheitlichen Probleme. «Es ist einfach zu sagen, der Jäckle habe keinen Körper für Profisport. Dabei steckt mehr dahinter, Körper und Psyche hängen zusammen. Privat habe ich einige Dinge verändert.»

Wenn Olivier Jäckle im Kindergarten Birmenstorf auftaucht, geht dort die Sonne auf.

Wenn Olivier Jäckle im Kindergarten Birmenstorf auftaucht, geht dort die Sonne auf.

Zu bequem? «Für mich stimmts und ich habe noch Ziele»

Der Oli vor drei Jahren und der Oli von heute seien komplett verschieden. Der neue Oli sei lockerer, sehe die Dinge gelassen – zum Beispiel: «Die Saison 2018/19 war die beste meiner Karriere, aber es gab im Sommer kein Angebot aus der Super League. Viele Mitspieler und Kollegen verstanden das nicht – und früher hätte ich das auch nicht. Aber mir war klar: Wer schon 26 ist und im Schnitt pro Saison zehn Spiele verpasst, der ist nicht attraktiv.» Sowieso sei der Traum, das gemachte Nest in Aarau zu verlassen und auf der grossen Bühne Karriere zu machen, verblasst. «Ich habe über 200 Spiele für den FC Aarau gemacht und damit mehr erreicht als viele andere. Hier habe ich Freunde und kennen mich die Leute, sie wissen, dass mein Körper ab und zu eine Pause braucht. Es müsste schon ein sportlich und finanziell sensationelles Angebot sein, das mich aus Aarau weglocken könnte.»

Ihm sei klar, dass es nach solchen Sätzen heisse, der Jäckle sei bequem und verschwende sein Talent. «Für mich stimmts und dass ich mich in Aarau wohlfühle, heisst nicht, dass ich keine Ziele mehr habe. Zwei habe ich mir gesteckt: Das 300. Spiel für den FC Aarau und den Aufstieg in die Super League. Beim letzten Mal, 2013, war ich 20, ich will diese Emotionen nochmals als reifer Spieler erleben.»

Jäckle (ganz links) als 20-Jähriger bei der Aufstiegsfeier 2013: "Das will ich nochmals als reifer Spieler erleben"

Jäckle (ganz links) als 20-Jähriger bei der Aufstiegsfeier 2013: "Das will ich nochmals als reifer Spieler erleben"

Jäckle wirkt wie ein junger Mann, der zufrieden mit sich ist. Und der nach wochenlangem Aufbautraining wieder das machen darf, was er trotz der neu entdeckten Facetten des Lebens immer noch am liebsten tut: Fussball spielen. Schon am Sonntag im Letzigrund gegen GC?

Was muss der FC Aarau beim Match gegen GC besser machen? Die beiden AZ-Sportreporter Ruedi Kuhn und Sebastian Wendel im FCA-Talk.

Was muss der FC Aarau beim Match gegen GC besser machen? Die beiden AZ-Sportreporter Ruedi Kuhn und Sebastian Wendel im FCA-Talk.

Meistgesehen

Artboard 1