Schwingen
«Es geht darum, alles zu tun, um erfolgreich zu sein»

Der 30-jährige Aargauer Christoph Bieri staunt über die Konkurrenz und besiegt sie trotzdem.

Martin Probst
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Will auch am Eidgenössischen jubeln: Christoph Bieri.

Will auch am Eidgenössischen jubeln: Christoph Bieri.

Keystone

«Ich weiss nicht, ob es daran liegt, dass ich immer älter werde, oder ob alle heute so viel besser sind.» Christoph Bieri sagt es und lacht herzhaft. 30 Jahre alt ist er inzwischen. Die Gegner legt er nicht mehr ganz so leicht ins Sägemehl wie noch vor 10 Jahren. «Früher, da gab es Gegner, die besiegte man im Vorbeigehen. Die gibt es nicht mehr.» Die meisten bodigt er immer noch.

Bieri ist einer, der gerne analysiert, den Kopf bei der Sache hat, wie er selbst sagt. «Man kann so lange schrauben, wie man will. Wenn man keine Rechnungen schreibt, verdient man kein Geld.» Darum hat er der Lehre als Lastwagenmechaniker eine Weiterbildung im kaufmännischen Bereich angehängt. Heute ist er Product Manager. Doch davon später.

Bleiben wir vorerst beim Sport. Obwohl witzig ausgedrückt, steckt in Bieris Worten viel Wahrheit. Das Schwingen wird immer professioneller. «Ich staune manchmal, wie strukturiert und intensiv heute bereits die jungen Schwinger trainieren», sagt Bieri. Darum gibt es heute kein Fallobst mehr, keine Schwinger, die man im Vorbeigehen besiegt. «Das Niveau ist einfach höher.» Sehr hoch sogar.

Das Pensum reduziert

Das spürt auch Christoph Bieri. Vor drei Jahren, im Hinblick auf das «Eidgenössische» in Burgdorf, hat er sein Arbeitspensum auf 80 Prozent reduziert. «In der Regel habe ich am Freitag Zeit für mich, für das Training und für die Erholung», sagt er. In der Regel, weil es sein Job nicht immer zulässt, frei zu machen.

Für die Motorex in Langenthal ist er für den Bereich Land- und Forstwirtschaft tätig. Er kümmert sich um die Sortimentpflege und -erweiterung, organisiert Messen und Events. Zwischen den Ölfässern, die sich in den Lagerhallen stapeln, fühlt er sich wohl. Seine Produkte liegen ihm am Herzen. Das spürt man beim Fotoshooting.

Darum kommt es für Bieri gar nicht infrage, das Pensum weiter zu reduzieren. «Das ganze Jahr von morgens bis abends trainieren, den Fokus nur auf den Sport legen? Ich weiss nicht, ob ich das könnte», sagt er. Zumal ihm der Job als Ausgleich dient. Der Sport hilft aber auch, vom Job abzuschalten. «Ich kann nach einem anstrengenden Tag beim Schwingen oder im Kraftraum gut abschalten und auf andere Gedanken kommen.»

Zurück ins Sägemehl. Christoph Bieri ist nicht mehr 20, wie er selbst betont. Sein Körper teilt ihm dies manchmal mit. Wenn der Rücken gelegentlich schmerzt. «Zum einen ist es Verschleiss, aber auch erblich bedingt.» Bieri leidet unter einer Verengung des Wirbelkanals. Viel dagegen tun, kann er nicht. Nur Verzicht hilft. Auf einzelne Feste, aber auch auf spezifische Kraftübungen.

«Ich arbeite heute mehr mit meinem eigenen Körpergewicht», sagt der 1,90 Meter grosse und 115 Kilogramm schwere Modellathlet. Gut ausbalanciert, ist der Aufwand kleiner, aber auch die Kräfte, die auf den Körper im Kampf wirken. So hat er die Probleme im Griff und konnte in dieser Saison bereits das Aargauer Kantonalfest gewinnen.

Vor- und Nachteile des Alters

Leicht fällt es Bieri nicht immer, die Schmerzen zu akzeptieren. «Aber ich liebe den Zweikampf. Es hat mit List und Einfallsreichtum zu tun, wie man den Gegner bezwingen kann.» Da hilft die Routine. Es ist der Vorteil des Alters. 22 Kranzfeste hat der Aargauer bereits gewonnen und reiste schon dreimal mit einem Kranz von einem «Eidgenössischen» nach Hause. Ende des Monats soll in Estavayer dann der vierte folgen.

Bieri wird dieses Ziel erreichen. Er ist ein Mann mit einem Plan. Sein Leben ist strukturiert. Weil er in Langenthal arbeitet, ist er als Wochenaufenthalter nach Aarwangen gezogen. Dadurch spart er Zeit, fast zwei Stunden, die das Pendeln von seiner Heimat in Untersiggenthal täglich mit sich bringen würde. Zeit, die er ins Training investiert.

List und Cleverness zahlen sich aus. Seit 2007 trägt Bieri auf dem Schwingplatz ein weinrotes Hemd. Es ist synthetisch und elastisch. Und das Sägemehl klebt weniger daran. Das bringt vielleicht den kleinen Vorteil, wenn eine Entscheidung knapp ist. «Es geht nicht darum, zu bescheissen. Es geht darum, alles zu tun, um erfolgreich zu sein.»