Es lief die 14. Spielminute in dieser Zweitrundenpartie des Schweizer Cups. Klingnaus Stürmer Nexhdet Gusturanaj nahm eine Flanke von rechts mit vollem Risiko – und setzte den Ball nur wenige Zentimeter über die Querlatte. «Cristiano Ronaldo hätte den reingemacht», meinte ein junger Fan in den Zuschauerreihen. «Ronaldo spielt aber auch nicht zweite Liga», entgegnete sein Vater.

Er hatte natürlich recht: Der FC Klingnau ist keine Schweizer Topmannschaft. Und doch spielte dieses Team am Sonntag Nachmittag nicht wie eines, das sein Heil gegen einen vermeintlich übermächtigen Gegner nur in der Defensive suchen würde. Nein, in der ersten Halbzeit hatten die Klingnauer sogar die besseren Chancen, zeigten sich wach und aggressiv in den Zweikämpfen und hauten das Spielgerät, wenn nötig, auch mal «in die Aare», wie ein Zuschauer treffend anmerkte.

Der FC Chiasso, der Challenge-Ligist, hatte den Ball zwar mehr in seinen Reihen, wirkte aber ideenlos und uninspiriert im Spiel nach vorne. Der Verein aus der südlichsten Gemeinde der Schweiz war einst Heimat illustrer Namen im Profifussball: In Jugendjahren schnürte Valon Behrami seine Schuhe für die Tessiner, drei Jahre lang schoss der Ex-FCZ- und heutige Gladbach-Stürmer Raffael seine Tore in Rot und Blau, und 2013 machte gar der italienische Weltmeister Gianluca Zambrotta als Spielertrainer Halt in Chiasso.

Druckphase überstanden

Vom Glanz dieser vergangenen Tage war der derzeitige Tabellenvorletzte der Challenge League in der ersten Halbzeit meilenweit entfernt. Beim Stand von 0:0 pfiff Super-League-Schiedsrichter Pascal Erlachner in die Pause. Viele Klingnau-Anhänger sahen «keinen Klassenunterschied» und vermuteten, dass die Tessiner den Zweitligisten unterschätzen würden.

Im zweiten Abschnitt verschärfte der Gast dann das Tempo und wurde stärker. Die Spieler des FC Klingnau klammerten sich aber mit Vehemenz an dieses Unentschieden, warfen sich in die gegnerischen Schüsse und konnten die Druckphase der Gäste unbeschadet überstehen.

Und so kam es zur ersten grossen Überraschung an diesem Fussballnachmittag: Nach 90 Minuten stand es weiterhin Unentschieden. War die Stimmung zu Spielbeginn noch verhalten optimistisch, wich sie jetzt der Euphorie. Die Fans witterten die Sensation und wollten das Heimteam mit Anfeuerungsrufen in der Verlängerung zum Sieg tragen.

Doppelschlag in der Verlängerung

Die Hoffnung auf den Cup-Coup währte allerdings nur kurz – genau genommen sechs Minuten. Erst überwand Chiassos Kapitän Michele Monighetti Klingnau-Goalie Robin Meier mit einem platzierten Linksschuss, danach vollendete der eingewechselte Patrick Carvalho eine Kombination zum 2:0 aus Sicht der Gäste. Eine kleine Gruppe mitgereister Tessiner Tifosi feierte die Tore lautstark mit. Damit war die Partie entschieden, viel passierte nicht mehr. Der Favorit gewann, der Aussenseiter war aus dem Cup ausgeschieden.

Nach dem Abpfiff gab es Applaus von den heimischen Fans. Sie waren stolz auf die Leistung ihrer Mannschaft. In die gleiche Kerbe schlug auch Klingnaus Trainer Danijel Kovacevic: «Die Spieler haben alles umgesetzt, was ich von ihnen erwartet habe. Gegen Ende des Spiels ist es dann normal, dass die Kräfte schwinden und die Unterschiede zwischen den Teams grösser werden.» Insgesamt sei es ein sehr gelungener Auftritt seiner Mannschaft gewesen.

Ungewöhnlich hohe Chiasso-Quote

Abseits des Spielfeldes sorgte, wie schon im Cupspiel Klingnau - Bramois (7:0), eine Wettquote für Aufsehen: Wer auf Favorit Chiasso setzte, erhielt das 1,6-fache seines Einsatzes zurück, wie «Le Matin» vor Anpfiff berichtete. Eine ungewöhnlich hohe Quote angesichts der klaren Rollenverteilung im Vorfeld. Sowohl Klingnau-Sportchef Samir Bajramovic als auch Trainer Danijel Kovacevic hatten bei Spielschluss keine Kenntnis von allfälligen Unregelmässigkeiten bei Wettquoten.