Der frühere Goalgetter des FC Zürich und des türkischen Spitzenklubs Bursaspor ist allerdings etwas in die Jahre gekommen. Sein Kampfgewicht hat er in den vergangenen Jahren trotz regelmässigem Training von 75 auf 95 Kilogramm geschraubt. Seine Haare und seine Schläfen sind leicht ergraut. Aber sein Wille, sein Ehrgeiz und seine Leidenschaft sind auch heute noch ungebrochen.

47 Jahre alt ist Sahin. Beim FC Aarau zählt der türkisch-schweizerische Doppelbürger der Not oder besser gesagt dem Alter gehorchend nicht mehr zum Kader der ersten Mannschaft. Schade eigentlich: Mit den Stürmern Mart Lieder und Petar Sliskovic (beide null Tore) könnte er es allemal noch aufnehmen. Sahin aber ist seit Beginn dieser Saison Assistenztrainer. Das kam so: Sahins Berater Erhan Kabatas wusste, dass die Aarauer im Hinblick auf diese Saison einen Nachfolger von Thomas Binggeli suchen. Kabatas nahm Kontakt mit dem früheren und inzwischen zurückgetretenen FCA-Sportchef Urs Bachmann auf und fragte ihn, ob die Aarauer Interesse an der Verpflichtung seines Schützlings haben. Schliesslich einigten sich Bachmann und Sahin auf einen Jahresvertrag.

Klare Erwartungen an die Spieler

Nun sitzt Sahin im VIP-Raum im Stadion Brügglifeld und analysiert ungeschminkt und schonungslos den sportlichen Absturz des FC Aarau. «Das 0:3 gegen Lausanne war ein weiterer, schmerzhafter Tiefschlag», erklärt er. «Die Spieler sind zu brav. Sie müssen endlich lernen, sich gegen das Schicksal aufzulehnen. Sie müssen sich wehren und dem Gegner wehtun. Nur so schaffen sie die Wende.» Damit nicht genug der kritischen Worte. Sahin wird energisch. «Eines habe ich während meiner Karriere gelernt», fügt er hinzu. «Es gibt Situationen, in denen muss ein Profi töten, um nicht selbst zu sterben.» Hoppla! Natürlich meint Sahin diesen Satz nicht in wörtlichem Sinn. «Aber», erklärt er, «meine zugegebenermassen krasse, ja überspitzte Aussage soll aufzeigen, was ich von unseren Spielern in den nächsten Wochen erwarte. Beissen und kratzen! Austeilen und Einstecken!»

Sahin selbst weiss, wovon er spricht. Natürlich muss Fussball Unterhaltung sein. Natürlich muss Fussball Spass machen. Fussball ist aber vor allem tierischer Ernst. Fussball ist eine Lebensschule. «Wer gewinnt, ist oben. Wer verliert, ist unten», sagt Sahin. «Ich hatte zeit meines Lebens nur ein Ziel. Ich wollte eine Karriere als Profi machen. Dafür war ich bereit, alles zu geben.» Zwar hat er aus seinen Möglichkeiten nach eigener Aussage zu wenig herausgeholt, aber der Verlauf der Karriere lässt sich sehen. «Begonnen hat alles auf einer Wiese mit zwei Toren in einem Quartier mit vier Blöcken in Bülach», blickt Sahin zurück. «Wir trafen uns nach der Schule und spielten, bis es dunkel wurde.» Mit 16 wurde der kleine Sahin in ein Talent-Training des FC Zürich eingeladen, setzte sich gegen mehr als 40 Konkurrenten durch und durfte bei den Junioren des Stadtklubs spielen. Seine Profilaufbahn startete er 1988 in der ersten Mannschaft des FCZ. Sieben Jahre später folgte der Transfer zum türkischen Spitzenklub Bursaspor. Während eineinhalb Jahren schoss sich Sahin in die Herzen der Fans. Auf der Fanseite wird er heute noch als einer der bedeutendsten Spieler der Vereinsgeschichte gefeiert.

Eine Geschichte bleibt Sahin in besonderer Erinnerung. In einem Spiel gegen den Karlsruher SC war Showtime angesagt. Der Mittelstürmer schoss in der Nachspielzeit mit einem Knaller von der Strafraumgrenze den Treffer zum 3:2. Der Schuss war so heftig, dass der Ball das Tornetz zerriss und an der Werbetafel aufschlug. Dieses Tor machte Sahin bei den Fans von Bursaspor unsterblich. «Natürlich war das ein Hammer», sagt Sahin. «Aber ich muss zugeben, dass das Netz nicht mehr ganz neu war.»

Zurück in der Schweiz

Seine Trainerkarriere lancierte der Scharfschütze 2006. Bis zum Engagement in Aarau machte er sich bis jetzt als Co-Trainer bei kleineren türkischen Klubs einen Namen. Die turbulenteste Zeit erlebte Sahin allerdings nicht in der fussballverrückten Türkei, sondern beim FC Aarau. So war er beim Trainerwechsel von Livio Bordoli zu Marco Schällibaum mittendrin. Was war da los? «Als Assistenztrainer kenne ich meine Grenzen und will mich dazu nicht gross äussern», erklärt Sahin. «Als Trainer ist Bordoli ein kompetenter Arbeiter und als Privatmann ein angenehmer Typ. Aber er schaffte es im Laufe der Zeit nicht mehr, den Spielern die Freude am Fussball zu vermitteln. Am Schluss war das Klima ziemlich angespannt. Der Wechsel zu Schällibaum hat zweifellos einen Schub ausgelöst», fügt Sahin hinzu. «Die Spieler kommen wieder gerne ins Training. Jetzt wird auch wieder gelacht.»