Drei Minuten noch: Chiasso führt 2:1. Das Kellerduell der 13. Runde der Challenge League gegen den FC Aarau steht auf Messers Schneide. Die Aarauer drängen in der Schlussphase auf den Ausgleich. Die Tessiner wanken. Aber fallen sie auch?

Sie fallen. Zum Glück: Elsad Zverotic erzielt in der 88. Minute nach einer Flanke von Olivier Jäckle das 2:2. Der FC Aarau stürmt weiter. Und nach einem Freistoss von Jäckle trifft Joker Mickael Almeida in der Nachspielzeit zum 3:2. Aus, das Spiel ist aus!

Zverotic und das Tor mit Köpfchen

Der späte Sieg gegen Chiasso ist Gold wert. Seither strotz der FCA vor Selbstvertrauen. Und das erwähnte Tor zum zwischenzeitlichen 2:2 von Zverotic ist nicht nur bedeutend, sondern genauso speziell. Bedeutend deshalb, weil es für den FC Aarau im Kampf gegen den Abstieg den Befreiungsschlag überhaupt erst ermöglicht. Speziell deshalb, weil Zverotic den Treffer mit dem Kopf erzielt.

Zverotic und ein Tor mit Köpfchen? Gab’s das schon mal im Verlauf seiner 15-jährigen Profikarriere? «Nein», rückt der 32-jährige Mittelfeldspieler mit der Wahrheit heraus. «Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern. Umso schöner ist es, dass es in einem für den FC Aarau so bedeutenden Spiel endlich geklappt hat. Der Erfolg in Chiasso hat den Knoten platzen lassen und war wohl auch die Voraussetzung für die Siege in den folgenden Spielen gegen Rapperswil und Schaffhausen.»

Der langsame Start

Zverotic hat während seiner Profi-Laufbahn mit den Stationen Wil, Luzern, YB, Fulham und Sion Höhen und Tiefen erlebt. Er hat gelernt, auszuteilen. Er hat gelernt, einzustecken. Und er ist ein cooler Typ. Rückschläge werfen ihn nicht aus der Bahn. Nach den sechs Niederlagen des FC Aarau zum Auftakt der Saison blieb er positiv. Die Kritiken an seinen Leistungen bekam er zwar mit, steckte sie aber weg.

Trotz der Gelassenheit ist seine Erleichterung über die Serie mit zwölf Punkten aus vier Spielen spürbar. Der Grund liegt auf der Hand: Zverotic wusste von allem Anfang an, was die Aarauer von ihm erwarten. Nach seinem Wechsel im Sommer vom FC Sion nach Aarau sprach man von einem von zwei Königstransfers neben jenem von Marco Schneuwly. Und von einem König erwartet man viel. Jedenfalls mehr, als Zverotic zu Beginn der Meisterschaft gezeigt hat.

Warum kam Zverotic nicht von Anfang an auf Touren? Für ihn liegt der Grund auf der Hand: Nach drei guten Jahren beim FC Sion wurde er von Präsident Christian Constantin in der Rückrunde der vergangenen Saison auf Eis gelegt, sprich in die U21-Auswahl verbannt. Das halbe Jahr ohne Spielpraxis auf Profiniveau hatte Folgen. Zverotic konnte zu Beginn dieser Meisterschaft sein Leistungspotenzial nicht abrufen, war also nicht in der Lage, den Karren aus dem Dreck zu ziehen.

Vorbehaltlose Unterstützung von Trainer Rahmen

Ðoch Zverotic gab nicht auf. Er kämpfte in Form von Extraschichten. Der Lohn: Er wurde von Spiel zu Spiel besser. Während der Bemühungen, den Turnaround zu schaffen, stand ihm einer vorbehaltlos zur Seite: Patrick Rahmen! Der Trainer des FC Aarau setzte auch in schwierigen Zeiten auf Zverotic. Mehr noch. Nach dem verletzungsbedingten Aus von Gianluca Frontino machte Rahmen ihn sogar zum Captain. Gut möglich, dass diese Beförderung der zusätzliche Motivationsschub war, den der Hoffnungsträger für den Steigerungslauf brauchte.

Und was liegt für den FC Aarau nach vier Siegen in Serie im Heimspiel gegen Lausanne am Sonntag drin? «Das wird eine extrem schwierige Aufgabe», sagt Zverotic. «Lausanne ist Favorit. Wir müssen bescheiden bleiben und den Ball trotz der jüngsten Erfolge flach halten.»

Ein guter Ratschlag. Der Mann, der für Montenegro 61 Länderspiele bestritten hat und damit Rekord-Nationalspieler des kleinen Landes ist, weiss auch mit dem Anflug von Euphorie, der sich im Brügglifeld nach der Siegesserie breitmacht, umzugehen.

Mit dem FC Aarau in die Europa League

Apropos Nationalmannschaft: Das Thema ist für Zverotic abgehakt. Im Herbst seiner Karriere setzt er andere Prioritäten: Die Nummer 13 des FC Aarau hat einen Vertrag bis 2020 unterschrieben, will nach dem durchzogenen Start Erfolge feiern. Im Interview mit dem Klubmagazin sagte er: «Ich will mit dem FC Aarau in die Europa League, das wäre logisch.» Hintergrund: Mit all seinen Klubs in der Schweiz qualifizierte sich Zverotic für die Europa League.

In der Freizeit gehört die ganze Aufmerksamkeit seiner Frau und den beiden Kindern Almedin (4) und Elma (8 Monate). Zverotic fühlt sich wohl im Aargau. Er kann sich sogar vorstellen, sich hier niederzulassen. «Ich könnte mir vorstellen, hier Wurzeln zu schlagen», sagt Zverotic. «Vielleicht kaufen meine Frau und ich hier ein Haus und ziehen unsere Kinder gross.»