Nach den Umarmungen greift auch Sead bald zum Telefon. Zig Anrufe in Abwesenheit. Dieselbe Nummer. Sead ruft zurück. Am anderen Ende ein Mann, der sich als Scout vom englischen Premier-League-Klub Arsenal vorstellt. Seine Message ist unmissverständlich: «Sead, wir wollen dich.»

Sackgasse 2. Mannschaft

Heute, acht Jahre später, sitzt Sead Hajrovic in der Stadionlounge des FC Wohlen. Challenge League statt Premier League. Auf den ersten Blick scheint dies eine Geschichte voller Abstiege und Enttäuschungen. Doch Hajrovic ist kein Haderer. Für ihn ist alles eine Frage der Perspektive. Von seinem Jahrgang haben es die wenigsten zum Profifussballer gebracht. Er schon.

Vielleicht kann sich nie mehr ein Schweizer Fussballer Weltmeister nennen. Er schon. 2009 gehörte Hajrovic jener U17-Auswahl an, die in Nigeria triumphierte. Und es gibt nur wenige, die sagen können, Abgänger der hoch professionellen Arsenal-Ausbildung zu sein. Er schon. Auch darum weiss Sead Hajrovic diese Tage, die ihm den Weg in den Profifussball ebneten, noch immer exakt zu rekapitulieren.

Die Schweizer U17-Weltmeister von 2009:



Nach dem Scout-Telefonat geht alles schnell. Hajrovic besichtigt London. Die Eltern sind da noch dabei. Dass sie nach London ziehen, ist nicht vorgesehen. Arsenal will das so. Eine Herausforderung für den Minderjährigen, der Zweifel aufbringt, ob er auf den familiären Rückhalt verzichten kann. Klubvision, Infrastruktur und Gastfamilie gefallen aber. Die Chance: einmalig. Auch darum trocknet bald die Tinte unter dem Vertrag.

Hajrovic wird gefordert und gefördert. Der Nachwuchs hat dieselbe Trainingsintensität zu meistern wie die Profis. Spiele bestreitet Sead Hajrovic aber für Arsenals zweite Mannschaft, er führt sie zuweilen gar als Captain auf den Rasen. Der Kontakt mit Arsenal-Trainer Arsène Wenger ist dennoch überschaubar. Wenn es zum Dialog kommt, dann nur oberflächlich. Hajrovic aber hat genügend Vertrauenspersonen. Dass er mit Martin Angha und Elton Monteiro zwei weitere Schweizer in seinem Team weiss, hilft zusätzlich.

Hajrovic wird 20-jährig. Arsenal plant, ihn weiter im Reserveteam aufzubauen. Hajrovic aber will endlich seinen Traum erfüllen: Profi werden. Die Gunners beharren auf ihrer Strategie. So forciert der Aargauer einen Wechsel. GC bietet sich an – auch, weil Bruder Izet dort spielt. Die Hoffnungen sind gross, doch der neue GC-Trainer Michael Skibbe setzt in seinem ersten Amtsjahr aus Vorsicht auf Arrivierte. Dann verletzt sich Hajrovic auch noch. Der Tiefpunkt.

Mehr Zeit für die Familie

Im Sommer 2014 macht Sead Hajrovic mangels Perspektiven einen weiteren Schritt zurück. In der Challenge League bei Winterthur will er seine Karriere resetten. Es gelingt. Innert sechs Monaten spielt sich Hajrovic vom Niemand zum Vize-Captain. In den darauffolgenden 18 Monaten besticht er als Pfeiler im Winterthurer Konstrukt. Und doch erreicht ihn nie ein Angebot aus der Super League.

Dass der 23-Jährige diesen Sommer nun von Winterthur nach Wohlen disloziert, hat vor allem private Gründe. «Aber auch, weil mir der FC Wohlen ein Angebot unterbreitete, das sie selten jemandem anbieten.» Zu Winterthurer Zeiten sass Hajrovic jeweils länger im Auto, als er trainierte. Der in Hausen ansässige Hajrovic schätzt es deshalb, nun mehr für die Familie da sein zu können. Auch, weil seine Frau in freudiger Erwartung ist.

Erwartet wird auch von Hajrovic so einiges. Er soll zusammen mit Florian Stahel, ebenfalls Neuankömmling, das neue Wohler Verteidigungsministerium bilden und als Abwehrstabilisator wirken. Oder wie Hajrovic es sagt: «Nicht nur Mitspieler sein.»