FC Wohlen
Einer wie Luca Zuffi

FC-Thun-Sportchef Andres Gerber verpflichtet Wohlens Aushängeschild Joël Geissmann und vergleicht ihn mit dem Star des FC Basel.

Ruedi Kuhn
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Thun-Sportchef Andres Gerber (l.) und sein neuer Hoffnungsträger Joël Geissmann.

Thun-Sportchef Andres Gerber (l.) und sein neuer Hoffnungsträger Joël Geissmann.

Mario Heller

Andres Gerber ist kein Selbstdarsteller. Grosse Worte sind dem 43-Jährigen zuwider. Bescheidenheit ist für ihn eine Zier. Und Phrasen mag er auch nicht. Der Sportchef des FC Thun verfügt über die Gabe, zuzuhören, und überlegt, bevor er spricht.

Andres Gerber verrichtet seine Arbeit im beschaulichen Berner Oberland seit sieben Jahren still und leise. Seine grösste Qualität: Der frühere Profi kennt die Fussballszene in der Schweiz so gut wie kaum ein anderer und hat sich im Laufe der Zeit ein grosses Beziehungsnetz aufgebaut.

Bezüglich Transfers hatte Gerber in der Vergangenheit oft ein feines Näschen. Der vielleicht grösste Coup gelang ihm 2012. Gerber verpflichtete Luca Zuffi vom FC Winterthur – erst auf Leihbasis, dann übernahmen die Berner den talentierten Mittelfeldspieler definitiv. Die Investition des kleinen Strategen und Spezialisten für ruhende Bälle machte sich sowohl sportlich als auch finanziell bezahlt. Bei Zuffi platzte zwischen 2012 und 2014 so richtig der Knoten. So konnten die Thuner das Juwel im Sommer 2014 mit einem satten Gewinn an den FC Basel verkaufen. Heute ist der 26-jährige Zuffi beim Serienmeister eine Teamstütze und dürfte schon bald zum Stamm der Schweizer Nationalmannschaft zählen.

«Natürlich können wir beim FC Thun keine Zuffis züchten», sagt Gerber. «Es ist aber kein Geheimnis, dass wir viel von Joël Geissmann erwarten. Joël hat einen ähnlichen Stil wie Zuffi. Beide sind nicht die Schnellsten und brillieren nicht mit Tempo. Aber sie sind taktisch gut geschult, verfügen über eine feine Technik und haben eine überdurchschnittliche Übersicht. Beide sind ruhig, pflegeleicht, unkompliziert und verstehen es, sich voll auf das Wesentliche zu konzentrieren. Ich bin überzeugt», fügt Gerber hinzu, «dass bei Joël alles möglich ist. In seiner ersten Saison beim FC Thun geht es jetzt aber erst einmal darum, Super-League-Luft zu schnuppern und auf möglichst viele Einsätze zu kommen.»

Willensstark und ehrgeizig

Gerber hält grosse Stücke auf Geissmann. Der Dreijahresvertrag ist Vertrauensbeweis genug. Ob der 23-jährige Aargauer tatsächlich die Klasse hat, um in die grossen Fussstapfen von Luca Zuffi zu treten, ist schwierig zu sagen. Geissmann selbst schwächt ab: «Vergleiche sind heikel», sagt der junge Mann mit einem verschmitzten Lächeln. «Ich bin Joël Geissmann. Ich bin nicht Luca Zuffi.» Da hat er recht. Wer aber die Begeisterung, die Willensstärke und den Ehrgeiz von Geissmann kennt, der weiss, dass für ihn in den nächsten Jahren tatsächlich alles möglich ist. «Fussball ist meine Leidenschaft», sagt er. «Ich will Gas geben und Karriere machen. Und mit dem Transfer von Wohlen zum FC Thun habe ich auf dem Weg nach oben einen wichtigen Schritt gemacht.»

Eines ist klar: Joël Geissmann hat sein Potenzial längst nicht ausgeschöpft. Beim FC Wohlen zeigte er in den vergangenen zwei Jahren starke Leistungen, übernahm Verantwortung und wurde von Trainer Martin Rueda zum Vize-Captain ernannt. Mit dem Abgang des zentralen Mittelfeldspielers hat die Mannschaft des Freiämter Challenge-Ligisten ihr Herzstück verloren. Bleibt der Wunsch, dass er in Zukunft etwas mehr riskiert und vor allem frecher wird.

Mal schauen, ob die neue Nummer 6 des FC Thun schon in der Saison 2016/17 durchstartet. Die Chancen auf einen Platz in der Startformation sind zwei Wochen vor dem Saisonstart mit dem Heimspiel gegen Vaduz intakt. Mehr noch. Sie sind sogar gut. Mit dem gesetzten Captain Denis Hediger und dem erst 19-jährigen Sandro Lauper hat er in der zentralen Aufbaureihe zwei Konkurrenten. Man kann davon ausgehen, dass Thun-Trainer Jeff Saibene mit zwei Sechsern vor der Viererabwehrkette spielen wird. Warum also nicht mit Kraftpaket Hediger und Ballverteiler Geissmann?

Für alles ist gesorgt

So oder so fühlt sich Geissmann wohl in der Welt des Thuner Fussballs. Die Unterschiede zwischen dem FC Wohlen und Thun sind frappant. Beim neuen Klub kann sich Geissmann voll und ganz auf den Fussball konzentrieren. Um Kleider und Material muss er sich nicht kümmern. Trikots, Hosen, Stulpen, Schienbeinschoner und Schuhe liegen immer fein säuberlich gewaschen und geputzt bereit. Im Gegensatz zu Wohlen gibt es einen Mannschafts-Anzug. Eine weitere Annehmlichkeit: Der FC Thun beschäftigt insgesamt drei Physiotherapeuten, der FC Wohlen hat mit Simona Bergamo gerade mal eine Masseurin.

Kein Zweifel; Geissmann ist beim FC Thun angekommen. Spielt er nicht Fussball, macht er es sich in seiner neuen Dreieinhalbzimmerwohnung in der Thuner Altstadt gemütlich. Den Haushalt führt er selbst. Er kocht, putzt, macht die Wäsche und erholt sich vom Trainingsalltag. Aber in erster Linie freut er sich auf seinen ersten Meisterschaftsauftritt in der Stockhorn Arena. Im Vergleich zum holprigen Terrain in Wohlen ist der neue Kunstrasen für Geissmann geradezu eine Wohltat. Mal schauen, was der Techniker aus dem Freiamt auf die Plastikunterlage zaubern wird.