Diese Art von «belastenden» Gefühlen war für Christian Baumann neu. Denn in der Karriere des 23-jährigen Aargauers ging es bis vor kurzem stets aufwärts. Bereits als Junior kehrte er mit einer Team-Medaille von den Europameisterschaften zurück. 2015 turnte er sich am Barren ins Bewusstsein der breiten Sport-Schweiz. Sein zweiter Rang an der EM in Montpellier eröffnete die bis heute andauernde Sammlung Schweizer Männer-Medaillen an kontinentalen Titelkämpfen.

Baumann erlebte 2016 in Rio de Janeiro mit erst 21 Jahren den Höhepunkt einer Olympia-Teilnahme und etablierte sich auch auf Weltniveau als ausgezeichneter Mehrkämpfer (15. Platz an der WM in Glasgow). Der Seetaler gilt als nervenstark und in seinen Übungen als sehr sicher. Im Wissen, dass sein Schwierigkeitsgrad an den Geräten noch Luft nach oben hat, attestieren ihm viele Szenekenner das Potenzial für weitere Grosstaten.

Ermüdungsbruch im Handgelenk

Doch zuletzt wurde es ungewohnt ruhig um Christian Baumann. Für die Weltmeisterschaften im Herbst 2017 wurde er nicht selektioniert, an der EM in diesem Frühsommer fehlte er verletzungsbedingt. Ein Jahr lang konnte der Leutwiler keine Wettkämpfe bestreiten.

Zuerst verhinderten mehrere kleine Verletzungen, dass Baumann seine Olympiaübungen wie vorgesehen weiterentwickelte. Immer wieder musste er im Training dosieren oder gar aussetzen. «Kleinere Verletzungen gehören zu unserem Sport», sagt Baumann. «Man kann deswegen nicht immer komplett mit dem Training aussetzen, sondern muss selber spüren, wie sich eine Blessur entwickelt.»

Einmal lag der EM-Silberheld von 2015 mit seiner Einschätzung wohl falsch, denn in der Vorbereitung auf die Europameisterschaften erlitt Baumann einen Ermüdungsbruch im Handgelenk – seine erste ernsthafte Verletzung. Als Ursache wird eine nicht ganz auskurierte Blessur vermutet. «Die Nicht-Qualifikation für die WM 2017 war eine Enttäuschung, die Verletzung vor der EM dann eine echte Belastung», gibt der Aargauer zu.

Im Januar die Berufsmatur

Doch der ruhige und zurückhaltende Turner fand schnell einen nach vorne gerichteten Umgang mit dem ersten richtigen Rückschlag in seiner Karriere. Er übte sich in Geduld, setzte sich neue Ziele und forcierte die Ausbildung. Einen halben Tag pro Woche besucht Baumann in Bern die Schule. Im Januar wird er die Berufsmatur im Bereich Gesundheit und Soziales ablegen, in zwei Wochen stehen wichtige Prüfungen an.

Und nun also ist Christian Baumann auch als Sportler zurück im Geschäft. Wunderdinge darf man von ihm an der morgen beginnenden WM im sportverrückten Wüstenstaat Katar nicht erwarten. «Es fehlt mir ein halbes Jahr Training», sagt der 23-Jährige, «deshalb habe ich keine weiteren Schwierigkeiten in meine Übung einbauen können.»

Er kann es noch immer

Dazu weiss Baumann nicht, wie es nach der einjährigen Wettkampfpause mit dem Selbstvertrauen bestellt ist. Der Schweizer-Meister-Titel am Barren jüngst beim Comeback zeigt ihm, dass er es noch immer kann. «Mein oberstes Ziel ist ein gutes Teamresultat», sagt Baumann. Top 12 lautet die Vorgabe des Verbandes für die Schweizer Männer.

Falls der 1,63 m grosse Athlet von seinen Trainern für den Mehrkampf selektioniert wird, möchte er dort in den Final der besten 16 einziehen. Ob es auch an einem Einzelgerät für den Final reicht, daran zweifeln Christian Baumann und seine Trainer. Zu gross ist die Hypothek, ein ganzes Jahr lang keine Wettkämpfe bestritten zu haben. Selbst für «Mister zuverlässig» Christian Baumann.