Wintersport
Eine Startrakete und Jungfrau auf Eis

Bob Martin Galliker aus Muhen verpflichtet den gebürtigen Liberianer Abe Morlu als Anschieber

Andreas Fretz
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Abe Morlu (links) und Pilot Martin Galliker auf der selbst gebauten Startbahn in Oberentfelden. afr

Abe Morlu (links) und Pilot Martin Galliker auf der selbst gebauten Startbahn in Oberentfelden. afr

Abe Morlu hat schon vieles ausprobiert. Er spielte American Football in der Kanadischen Profi-Liga. Einen Namen hat er sich vor allem als Leichtathlet gemacht. Morlu startete bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften für sein Geburtsland Liberien. Morlu ist aber auch bekannt für seine Motorrad-Stunt-Shows. Zuletzt arbeitete der US-Amerikaner in seiner Heimat Florida als Banker.

Schweizer Anschub-Meister

Und urplötzlich ist der 30-Jährige die neue Hoffnung des Schweizer Bobsports. Die Startrakete schlug ein wie eine Bombe: Bei den Schweizer Anschub-Meisterschaften Ende August in Andermatt liess er alle stehen. «Leute, die seit zehn Jahren nichts anderes tun, als einen Bob anzuschieben, hatten keine Chance gegen den Kraftsprinter», sagt Morlus Pilot Martin Galliker (37). Dabei ist Morlu noch nie in seinem Leben im Bob einen Eiskanal runter gedonnert. Die Jungfernfahrt steht noch an. Am 23. Oktober soll es bei Testfahrten in Lillehammer soweit sein.

Dass Morlu im Aargau gelandet ist, ist der Verdienst Gallikers. Der EM-Silber-Gewinner von 2008 war auf der Suche nach einem Anschieber, «der Power mitbringt», wie er sagt. Gefunden hat den 94 kg schweren und 1,85 m grossen Amerikaner, der ihm von einem Teamkollegen empfohlen wurde. Der Kontakt kam via E-Mail zustande. Erstmals gesehen haben sich Galliker und Morlu am Flughafen in Kloten, als der Amerikaner Ende Juni in der Schweiz angekommen ist.

Zwei Wochen zuvor entschied Morlu, sich auf das Abenteuer Bobsport einzulassen. «Ich stand vor der Frage, ob ich nun langsam sesshaft werden sollte, oder ob ich nochmals etwas wagen soll», sagt Morlu. Er entschied sich für das Wagnis. «Es ist ein Risiko für beide Parteien», sagt Galliker. «Wir kannten uns vorher nicht. Was wäre passiert, wenn Morlu bei den Leistungstests versagt hätte?» Hat er aber nicht. Und so traut sich Galliker bei den Weltcuprennen durchaus Podestplätze zu. Sowohl im Zweier- als auch im Viererbob zählt er auf Morlus Power. Über 60 m liegt die Bestzeit des Sprinters bei 6,67 Sekunden, über 100 m bei 10,27 Sekunden. «Nicht jeder schnelle Mann ist automatisch ein schneller Anschieber», sagt Galliker, «es braucht Kraft und Masse. Morlu bringt alles mit, auch die Koordination, die es beim Einsteigen braucht.»

WM in Morlus Heimat als Highlight

Obwohl Morlu amerikanisch-liberianischer Doppelbürger ist, darf er sowohl im Weltcup als auch bei Weltmeisterschaften für die Schweiz starten. Nur bei Olympischen Spielen wäre er nicht startberechtigt. Besonders auf die Weltmeisterschaften im Februar in Lake Placid freut sich Morlu: «Es wäre das Grösste für mich, in meiner Heimat eine Medaille zu gewinnen.»

Doch bevor es so weit ist, muss sich das Kraftpaket mit Trockenübungen fit halten. Morlu wohnt bei den Eltern von Martin Galliker in Oberentfelden, dort hat er ein Zimmer und ein eigenes Bad. Vorerst ist vorgesehen, dass er eine Saison mit dem Galliker Bobteam bestreitet. Danach schaut man weiter. Auf seine Jungfernfahrt in Lillehammer freut er sich ungemein, Angst kennt er keine. «Als ich die Videos seiner Motorrad-Stunts gesehen habe, war mir klar, dass er sich vor nichts fürchtet», sagt Galliker.

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