Challenge League

Eine schöne Geschichte in der Krise: Aarau-Flügel Miguel Peralta hat sich auch nach der fünften Verletzung den Stammplatz zurückerobert

Die unbändige Freude muss raus: Miguel Peralta (Mitte) nach seinem Tor gegen Kriens, notabene sein erstes Ligator für den FC Aarau im 40. Einsatz.

Die unbändige Freude muss raus: Miguel Peralta (Mitte) nach seinem Tor gegen Kriens, notabene sein erstes Ligator für den FC Aarau im 40. Einsatz.

Mit 24 Jahren hat Miguel Peralta eine Verletzungsakte, wie sie viele Fussballer in der ganzen Karriere nicht anhäufen: Doch auch die fünfte schwere Knieverletzung hat das Eigengewächs des FC Aarau überwunden. Gegen Kriens krönte er die erneute Rückkehr mit dem ersten Ligator für seinen Klub.

Einen Filmriss? Verbindet man auf die Schnelle mit Übereifer an der Bar. Doch Miguel Peralta, strikter Abstinenzler, ist am Sonntag nach dem Spiel nach Hause gefahren, hat mit der Familie Znacht gegessen, noch ein bisschen TV geschaut – aber die Bilder sind weg. Die 30 Sekunden kurz vor Pause, 1:1 steht es zwischen dem FC Aarau und dem SC Kriens (Endstand 4:4): 20 Meter vor dem gegnerischen Tor kommt Peralta an den Ball, schlängelt sich an vier Verteidigern vorbei, steht plötzlich alleine vor Kriens-Goalie Osigwe und bezwingt diesen mit einem überlegten Flachschuss.

«Nach dem Spiel wollten alle wissen: Migu – wie hast du das gemacht? Ich konnte es nicht erklären, ich wusste nicht mehr, was passiert ist», sagt Peralta, als wir am Tag darauf telefonieren. «Die Emotionen nach dem Tor haben mich alles vergessen lassen, ich hätte platzen können vor Freude. Ich wusste nur noch, dass meine Familie beim Jubeln ganz nahe stand und dass meine Mutter und meine Schwester weinten.» Erst als er vor dem Schlafengehen ein Video seines Tores zugespielt bekommt und es sich ansieht, kommen die Bilder wieder hoch.

Was Peralta trotz guter Prognose Sorgen bereitete

Erneut hat es Miguel Peralta geschafft. Damit ist nicht sein Tor gemeint, das war lediglich das i-Tüpfelchen. Was Peralta geschafft hat, ist viel grösser. Weil er es nicht zum ersten, nicht zum zweiten und auch nicht zum dritten und vierten Mal geschafft hat, sondern zum fünften Mal. Zum fünften Mal hat er nach einer schweren Verletzung wieder die körperliche Verfassung erlangt, die Profifussball erlaubt. Miguel Peralta ist 24 Jahre jung.

Juni 2014: Kurz nach der Unterzeichnung des ersten Profivertrags beim FC Aarau reisst im rechten Knie das Kreuzband.

Januar 2015: Kaum ist Peralta zurück im Mannschaftstraining, der nächste Schock: Meniskusriss im rechten Knie.

September 2016: Peralta hat sich in den Fokus etlicher Super-League-Klubs gespielt, als erneut das Kreuzband im rechten Knie reisst.

August 2017: Im vierten Spiel nach seinem Comeback knickt er an der Seitenlinie um – Meniskusriss im linken Knie.

November 2018: Soeben hat er sich den Stammplatz zurückerkämpft, da verspürt er beim Auswärtsspiel in Chiasso nach einem Kopfball Schmerzen im rechten Knie. Peralta denkt sich nichts Schlimmes dabei, spielt die Partie zu Ende, am nächsten Morgen der Hammerschlag: Kreuzbandriss, der dritte im rechten Knie.

"Dafür kann ich Sandro nicht genug danken"

Nach der fünften schweren Knieverletzung, gibt Peralta zu, habe er zum ersten Mal Zweifel gehabt: «Was, wenn ich den Anschluss nicht mehr schaffe?» Es waren keine existenziellen Sorgen, Peralta hat eine abgeschlossene KV-Lehre im Sack. Er hatte Angst davor, nie mehr das FCA-Trikot zu tragen, nie mehr im geliebten Brügglifeld einzulaufen, nie mehr mit den Teamkollegen Zeit in der Kabine zu verbringen. «Seit ich 13 bin, spiele ich für diesen Verein. Was, wenn es auf diese Art und Weise vorbeigewesen wäre? Kommt dazu: Peraltas ursprünglicher Vertrag wäre Ende dieser Saison ausgelaufen. «Ich hätte mich nach einem Jahr Verletzungspause innerhalb von sechs Monaten für einen neuen Vertrag empfehlen müssen, das machte mir schon Bauchweh.»

Doch dann werden ihm die Sorgen genommen: Erst sagt Mannschaftsarzt und Operateur Henning Ott zu Peralta, er kriege das Knie hin, medizinisch spreche nichts gegen die Fortsetzung der Karriere. Und Sportchef Sandro Burki verlängert Peraltas Vertrag bis 2021, obwohl zu diesem Zeitpunkt unklar ist, ob der Niedergösger trotz positiver Prognose den Anschluss erneut schafft. «Dafür kann ich ihm nicht genug danken», sagt Peralta.

Am 16. Februar 2020, 469 Tage nach dem neuerlichen Schock in Chiasso, ist das Pflichtspiel-Comeback auswärts in Lausanne (0:1) perfekt. Eine Woche später erzielt er gegen Kriens sein erstes Meisterschaftstor für den FC Aarau – im erst 40. Spiel. Wie weiter? Andere 24-jährige Fussballer träumen vom Sprung in eine höhere Liga, von was träumt Peralta? «Träume? Ich will einfach jeden Tag gesund aufwachen. Gesundheit ist nicht selbstverständlich. Und wenn Rückschläge kommen, dann weiss ich: Es geht immer weiter.»

Der neue FCA-Talk vor dem Auswärtsspiel gegen GC:

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