Rad
Eine ideale Startrampe für zukünftige Profis

Tour-de-Suisse-Chef Olivier Senn tut etwas, was man zum aktuellen Zeitpunkt kaum für möglich gehalten hätte: Der Aargauer gründet eine neue Schweizer Rad-Equipe. Zwar "nur" auf dritthöchster Stufe. Aber mit durchdachtem Konzept.

Marcel Kuchta
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Investiert in die Zukunft des Radsports: Olivier Senn.

Investiert in die Zukunft des Radsports: Olivier Senn.

Siggi Bucher / KEYSTONE

Während (nicht nur) die Sportwelt ächzt unter den Einschränkungen und Auswirkungen der Coronakrise, gibt es trotzdem die eine oder andere ermutigende Meldung. So wurde vor ein paar Tagen bekannt, dass der Aargauer Olivier Senn und dessen Agentur «ProTouchGlobal» im Hinblick auf die Saison 2021 ein neues Radsportteam lancieren.

Die Equipe, die unter dem Namen Team NIPPO-Provence-PTS Conti auftreten und auf der drittklassigen «UCI Continental»-Stufe antreten wird, ist in der Schweiz beheimatet. Ihr Ziel ist klar: «Wir sind ein Team, das junge Fahrer ermutigen, entwickeln und ausbilden will für eine spätere Profikarriere», sagt der Gansinger Olivier Senn, der das Projekt zusammen mit seiner Agentur angestossen und vorangetrieben hat.

Marcello Albasinis immense Erfahrung als Trumpf

Zwölf Fahrer im Alter zwischen 18 und 26 Jahren stehen für die kommenden Saison unter Vertrag. Darunter mit Quer-Spezialist Kevin Kuhn (22), Luca Jenni (18), Jonathan Bögli (20) und dem Aargauer Fabio Christen (18/Gippingen) auch vier Schweizer Talente. Den grössten Coup landete Senn aber mit der Verpflichtung von Marcello Albasini als sportlichen Leiter. Albasini war zuletzt als Schweizer Nationaltrainer der Elite und der U23 im Einsatz und bringt nicht nur unglaublich viel Herzblut und Leidenschaft für den Radsport mit, sondern vor allem auch einen immensen Erfahrungsschatz.« Ich freue mich sehr darauf, mit diesen jungen Fahrern zusammenarbeiten zu dürfen. Dieses Team bietet für sie eine tolle Möglichkeit», sagt der 63-Jährige.

Gemäss Olivier Senn war es trotz Coronakrise möglich, die Sponsoren vom Potenzial des Projekts, das man schon seit zwei Jahren im Hinterkopf hatte, zu überzeugen. Darum war dieser ungewöhnliche Schritt in unsicheren Zeiten überhaupt möglich. «Zum Glück gibt es auch während einer Krise immer noch Partner, die über den Krisenhorizont hinaus schauen können», sagt Senn.

Budget: 400000 Franken

Fast noch schwieriger als Geldgeber für das Team, welches mit einem Budget von 400 000 Franken operieren wird, zu finden, war zu diesem späten Zeitpunkt die Materialbeschaffung. Senn: «Auf dem Markt sind eigentlich gar keine Velos mehr erhältlich.» Hier erweist sich nun die Zusammenarbeit mit dem ProTour-Team «Education First» (EF) als Glücksfall. Via EF kommt die neue Equipe unter anderem in den Genuss von Cannondale-Velos. Auch sonst profitiert man in vielerlei Hinsicht vom Knowhow des Spitzenteams (Planung, Rennen, Platzierung von Stagiaires). «Diese Verbindung ist für uns sehr wichtig. Aber es ist keine Kooperation auf finanzieller Basis, sondern eher auf ideeller Ebene», präzisiert der Gansinger.

Das Projekt ist langfristig ausgelegt. Konkrete Verträge existieren zwar erst für die Saison 2021. «Aber es besteht mit allen Partnern eine Absichtserklärung für drei weitere Jahre», beschreibt Olivier Senn den Zeithorizont und fügt an: «Selbst wenn ein Sponsor unerwarteterweise doch abspringen sollte, so ändert das nichts am Plan. Dieses Team ist ein Teil unserer Agenturtätigkeit.»

Das Team NIPPO-Provence-PTS Conti wird seine Wettkämpfe sowohl auf der U23- als auch der Elite-Stufe fahren können. Dabei stehen kleinere Rennen in Europa im Mittelpunkt. Zu den grösseren und somit wichtigeren Events wird der Grosse Preis des Kantons Aargau in Gippingen gehören - immer vorausgesetzt, die Corona-Situation lässt einen regulären Rennbetrieb überhaupt zu. Senn: «Es wird ein guter Mix sein, der vor allem für die jungen Fahrer passt. Nicht zu anspruchsvoll, aber vom Niveau her so, dass alle an ihre Leistungsgrenze müssen.»

Fabio Christens gute Perspektiven

Aus Aargauer Sicht ist natürlich vor allem die Personalie Fabio Christen interessant. Olivier Senn schätzt den Gippinger als Fahrer ein, «der mittelfristig das Potenzial hat, Profi zu werden.» Für den 18-Jährigen gehe es primär aber mal darum, den Schritt aus den Junioren zu vollziehen und sich gegen stärkere Konkurrenz zu behaupten. « Er soll jetzt ein, zwei Jahre lernen und sich weiterentwickeln», sagt Senn.