Abschied

Ein Trainingsunfall raubte die letzte Hoffnung auf Verlängerung, doch FCA-Urgestein Garat geht im Frieden

Juan Pablo Garat, der dienstälteste Spieler des FC Aarau, wird als Mensch und Sportler eine Lücke hinterlassen.

Juan Pablo Garat, der dienstälteste Spieler des FC Aarau, wird als Mensch und Sportler eine Lücke hinterlassen.

Insgesamt 186 Spiele hat er für den FC Aarau seit 2011 gespielt, Ende Saison ist Schluss mit Profifussball: Für Juan Pablo Garat stimmt das.

Im Sommer 2017 scheint alles klar: Noch eine Saison, dann endet die Profikarriere. Doch plötzlich ist Juan Pablo Garat wegen der vielen Verletzungen nicht mehr Stellvertreter, sondern unverzichtbar in der Innenverteidigung. Auch im Derby gegen Wohlen am 8. September, das der FC Aarau gewinnt. Das 2:0 ist im achten Spiel der erste Sieg der Saison. Garat spielt, gut, er leitet beide Tore ein. Drei Tage später die Nachricht: Garat hat sich verletzt, verpasst den Rest der Vorrunde.

Das Zustandekommen des Bänderrisses im linken Sprunggelenk – ein unglücklicher Unfall, der als Sinnbild für die verkorkste Saison 2017/18 des FC Aarau taugt: Ausgerechnet Stephan Keller trifft Garat im Training so am Fuss, dass die Bänder reissen. Keller, damals noch Assistenzcoach von Marinko Jurendic, kickt manchmal mit im Training. Garat erzählt: «Stephan ist ausgerutscht und voll in mich rein. Das war blöd, aber ich bin ihm nicht böse. Er hat bis heute ein schlechtes Gewissen. Aber das hätte jedem passieren können, das war Pech.»

Die Verletzung führt zur Entscheidung

Trotzdem: Die Verletzung hat nicht nur körperliche Folgen. Garat gibt zu: «Ich war damals gut drauf. Hätte ich mich nicht verletzt, sondern weiterspielen können – wer weiss, vielleicht wäre nochmals ein Jahr dazugekommen.» Seither aber weiss er: Das Ende ist eingeläutet.

Wie umgehen damit, wenn das Ende naht? Es gibt Fussballer, denen das Loslassen schwerfällt, die hadern, die nicht verstehen und nicht akzeptieren, wenn der Vertrag nicht verlängert wird – oft gefolgt von einem unschönen Abgang. Und es gibt Fussballer wie Juan Pablo Garat. Er sagt: «Ich fühle mich immer noch wichtig, und deshalb höre ich mit einem guten Gefühl auf. Der FC Aarau braucht neue Spieler, irgendwann ist fertig, jetzt kommt die Zeit nach mir. Das letzte Spiel am 21. Mai wird emotional, klar, aber so soll es sein.»

Am besten unter Weiler

Es ist im Sommer 2011, als der damalige FCA-Trainer René Weiler Juan Pablo Garat ins Brügglifeld holt. Sie kennen sich aus St. Gallen, wo Weiler Sportchef war und 2005 den Argentinier in die Ostschweiz lotste. Die drei Jahre bis 2014, als Weiler den FCA verlässt, bezeichnet Garat als «die besten meiner Karriere, die schönste Zeit in Aarau».

Der Abwehrhüne ist in der Zeit fester Bestandteil der Mannschaft, die in die Super League stürmt und souverän den Ligaerhalt schafft. Doch Garat meint mit «beste und schönste» auch das, was in seinem Privatleben geschieht: Seine langjährige Freundin Belen kommt aus Argentinien in die Schweiz, sie heiraten in der Aarauer Altstadt, Belens Tochter Pilar fühlt sich schnell wohl in der neuen Umgebung und spricht, so Ersatzpapa Garat, «schon nach einem Jahr viel besser Deutsch als ich».

Argentinien ist keine Option

Belen findet nach langer Suche eine Stelle als OP-Assistentin im Kantonsspital Aarau, seit einem Jahr absolviert Pilar im gleichen Betrieb die Ausbildung zur Krankenschwester.
Garat sagt: «Wir haben Freunde gefunden, wir fühlen uns in Aarau daheim.» Zurückgehen nach Argentinien, von den Ersparnissen leben und sich irgendwie durchs Leben mogeln, so wie es viele südamerikanische Fussballer nach der Karriere tun, das ist für Garat kein Thema.

«Was will ich dort? Dort gibt es nichts für mich, dort wartet niemand auf mich. Als ich vor 13 Jahren in die Schweiz kam, war es hart. Ich war ganz alleine. Aber ich habe mir gesagt: Du musst auf die Menschen zugehen, du darfst dich nicht verkriechen. Das brauchte viel Mut, ich bin eher ein scheuer Mensch. Aber es hat sich gelohnt. Leider sind viele meiner Landsleute in Europa, in der komplett anderen Kultur, nicht mit der Einsamkeit klargekommen und sind schnell wieder zurückgegangen.»

Die Kabine, das zweite Daheim

Garat bleibt. Auch, als es mit dem FC Aarau nach Weilers Abgang abwärtsgeht. Natürlich, zuletzt, im Sommer 2017, muss Garat froh sein, nochmals einen Vertrag erhalten zu haben, sonst wäre die Karriere schon damals vorbei gewesen. Aber zuvor gibt es Angebote, auch solche, wie er sagt, bei denen er «nochmals gut verdient hätte». Aber sich selber, der Familie und dem FC Aarau zuliebe bleibt er im Brügglifeld. «Die Kabine ist das zweite Daheim für einen Fussballspieler. Nicht mehr mit den Kollegen in der Kabine zu sein, das ist das Traurigste am Ganzen.»

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Garat wird eine Lücke hinterlassen. Als Mensch, als Schulter zum Anlehnen für die jüngeren Spieler – aber auch als Verteidiger, den nichts aus der Ruhe bringt. Als der FC Aarau vor einem Jahr den Vertrag mit Garat nochmals verlängert, wirkt dies wie ein Akt der Solidarität, ein Dankeschön für die Treue, oder eine Notlösung, weil man keinen anderen Verteidiger suchen wollte – leistungsmässig war Garat damals weit unten. Natürlich ist Garat auch heute noch weit entfernt vom «besten Garat aller Zeiten», vom Garat unter Weiler. Aber in dieser Saison hat er seinen Mann gestanden, wenn er konnte, wenn es ihn brauchte.

«Ich kann nur Fussball»

Wie weiter? Schon seit einem Jahr ist Garat als U18-Assistenztrainer im Team Aargau integriert, ab Sommer wird er eine neue, noch zu definierende Rolle in der Nachwuchsabteilung übernehmen. Garat ehrlich: «Ich kann nur Fussball, etwas anderes habe ich nie gelernt. Das war rückblickend ein Fehler, aber anders ist das in Argentinien nicht möglich, wenn du Profi werden willst. Es gibt so viele gute Spieler, nur wer nur Fussball macht, schafft es.»

Der Fokus nach der Profikarriere liegt auf dem Aufbau der Trainerlaufbahn, aber selber spielen will Garat auch noch. Mit Ambitionen: «Für die 2. Liga ist es zu früh. Ein Klub in der 1. Liga oder in der Promotion League ist mein Ziel.» Verbunden mit der Absicht, den Lebensmittelpunkt in Aarau zu belassen, und dem Job im Team Aargau kommen dafür eigentlich nur zwei Klubs infrage: der FC Baden und der FC Wohlen, beide durch ihre Juniorenabteilungen mit dem Team Aargau verbandelt. Und ja, Kontakt zu beiden Klubs besteht. Man darf gespannt sein.

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