FC Aarau

Ein realitätsfremder Stürmer und ein Trainer, der schnell auf Punkte angewiesen ist

Von guten Ansätzen kann man sich nichts kaufen - dies musste der FC Aarau in den ersten zwei Spielen der neuen Challenge-League-Saison erfahren. Die Alarmglocken sollten spätestens nach dem 2:5 gegen Winterthur läuten.

1:3 gegen Wil, 2:5 gegen Winterthur: Die Startspiele in die neue Challenge-League-Saison deutlich verloren, doch in beiden Spielen waren genug Tormöglichkeiten für mindestens ein Remis da.

Die eine Sichtweise ist: Der FC Aarau kann spielerisch mithalten, kommt zu Chancen und wird bald in Form von Punkten belohnt werden.

Die andere Sichtweise ist: Zu der schon in der vergangenen Saison bestehenden, eklatanten Abwehrschwäche gesellt sich mit der Offensive eine zweite Baustelle: Mangelnde Effizienz vor dem Tor und kein gelernter Mittelstürmer im Kader. Hinten löchrig und vorne ohne Durchschlagskraft – ungünstigere Voraussetzungen, um Spiele zu gewinnen, kann eine Mannschaft kaum haben.

Nachfolgend drei Erkenntnisse nach dem zweiten Spieltag in Winterthur:

1. Schon wieder erster Anwärter auf den Titel «Schiessbude der Challenge League»

Der FC Aarau kassierte in der vergangenen Saison 80 Gegentore in 36 Spielen. Das sind etwas mehr als zwei Tore pro Partie. Nun sind es in der neuen Spielzeit bereits wieder acht Gegentore nach zwei Partien.

Stephan Keller spricht nach der 2:5-Niederlage in Winterthur von defensiver Passivität und individuellen Fehlern im Abwehrverhalten – und tönt damit genau gleich wie sein Vorgänger Patrick Rahmen. In Winterthur standen Rechtsverteidiger Raoul Giger, Innenverteidiger Jérôme Thiesson und Linksverteidiger Flavio Caserta neben den Schuhen und begingen teilweise unbedrängt dilettantische Fehler. Nur der einzige gelernte Innenverteidiger im Kader, Leon Bergsma, erreichte einigermassen Normalform.

Umso erstaunlicher die Analyse von Aaraus Nummer 10, Shkelzen Gashi, nach dem Spiel: «Kompliment, unsere Defensive hat einen sehr guten Job gemacht. Es ist nicht unsere Schuld, wenn der Schiedsrichter nicht sieht, dass der Ball klar hinter der Linie war.» Damit spricht Gashi das frühe 0:1 durch Davide Callà an, das nicht hätte zählen dürfen. Auf die anderen vier Gegentore hatte der Schiedsrichter jedoch keinen Einfluss, sondern einzig und allein das stümperhafte Abwehrverhalten von Gashis Teamkollegen.

2. Keine Substanz auf der Ersatzbank

Die Swiss Football League hat beschlossen, dass wegen des engen Terminplans auch in der Saison 2020/21 fünf Spielerwechsel pro Mannschaft pro Partie erlaubt sind.

Beim 1:3 im Startspiel gegen den FC Wil nahm Stephan Keller drei Wechsel vor. Beim 2:5 gegen Winterthur nur noch deren zwei: In der 53. Minute Randy Schneider für Donat Rrudhani, in der 88. Minute Mats Hammerich für Liridon Balaj. Auf die Hereinnahme von Petar Misic, dem letzten verblieben Offensivspieler auf der Bank, hat Keller trotz Rückstand verzichtet.

Es ist offensichtlich: Dem FC Aarau mangelt es an personellen Alternativen. Vor allem, wenn es wie gegen Wil und gegen Winterthur darum geht, einen Rückstand aufzuholen. Spieler, die offensive Impulse von der Bank bringen? Nicht in Sicht. Schneider hatte zwar viele Ballkontakte, jedoch null Durchsetzungsvermögen gegen die kantigen Gegenspieler. Bei seinen zwei Teileinsätzen konnte der bei GC ausgemusterte Techniker nicht andeuten, inwiefern er eine Verstärkung für den FCA sein soll.

Einen Mittelstürmer konnte Keller nicht einwechseln, weil es einen solchen im Kader nicht gibt. Der Trainer sagte nach dem Spiel in Winterthur, er und Sportchef Sandro Burki seien auf der Suche nach zwei Neuzugängen für die Offensive. Mal schauen, was da in den nächsten Tagen geht. Und ob es zu diesem späten Zeitpunkt gelingt, Spieler zu verpflichten, die das Kader nicht nur verbreitern, sondern sofort verstärken.

Zur Erinnerung: Der FC Aarau gehört finanziell zu den Top 4 der Challenge League. Klubs mit deutlich geringerem Budget scheinen aktuell jedoch über Kader zu verfügen, die stärker und ausgewogener sind und mehr Alternativen bieten.

3. Die schlechte Bilanz von Stephan Keller

«Im Fussball sind die Resultate heilig», sagt FCA-Trainer Stephan Keller. Um in der biblischen Sprache zu bleiben: Ein Sieg, drei Unentschieden und fünf Niederlagen aus neun Ligaspielen seit der Amtsübernahme sind keine himmlische, sondern eine höllische Bilanz.

Klar, dazwischen liegt eine Sommerpause, in der das Kader reduziert und neu bestückt wurde. Doch in ebendieser Sommerpause konnte Keller in vielen Trainings den Spielern seine Fussballphilosophie einimpfen. Die Testspiele und das im Penaltyschiessen gewonnene Cupspiel gegen Wil machten Mut. Auch im Ligaspiel gegen Wil war Aarau lange dominant, ehe ein unerklärlicher Leistungseinbruch folgte. Die Leistung beim 2:5 in Winterthur war indes ein Rückschritt, vor allem defensiv. Und was auch auffällt: Der Mannschaft fehlt es physisch und mental an Widerstandsfähigkeit.

Stephan Keller engagiert an der Seitenlinie während der Partie gegen Winterthur

Stephan Keller engagiert an der Seitenlinie während der Partie gegen Winterthur

Keller sagt, er wolle die Mannschaft so hinbekommen, dass sie Spiele strukturell gewinne. Also dass nicht die individuelle Klasse einzelner Spieler oder die Tagesform über Sieg und Niederlage entscheiden. Und er betont nach dem 2:5 in Winterthur: «Das Ziel ist, einen der ersten fünf Tabellenplätze zu belegen.»

Dafür müsste der FCA eine Mannschaft wie den FC Wil wohl hinter sich lassen. Gegen die Ostschweizer aber hat der FCA das Startspiel trotz sechzigminütiger Dominanz 1:3 verloren. Und dem FC Winterthur müsste man auf Augenhöhe begegnen, will man in die obere Tabellenhälfte. Das 2:5 lässt indes befürchten: Für Stephan Keller geht es in den nächsten Spielen darum, die aufkeimende Kritik an seiner Person schnell wieder zu ersticken. Dies gelingt nur mit positiven Resultaten – sagt Keller selber.

Nach dem 2:5 in Winterthur müssen im Brügglifeld die Alarmglocken läuten. Abstiegskampf ist, gemessen an der aktuellen Verfassung des FC Aarau, keine besonders pessimistische Prognose für die kommenden Monate...

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