Heute Freitag startet in Estland die erste Orientierungslauf-Weltmeisterschaft im Baltikum mit der Sprintqualifikation. Insgesamt werden in den nächsten acht Tagen zehn Medaillensätze verteilt. Die Schweizer Delegation erwartet von sich selbst mindestens sechs Medaillen und damit die Untermauerung ihres Rufs als dominierende OL-Nation. Seit den Heim-Titelkämpfen 2012 in Lausanne gab es an jeder WM zwischen sechs und acht Schweizer Podestplätze.

Wenn es optimal läuft, kann alleine der Fricktaler Matthias Kyburz viermal Edelmetall gewinnen. Der 27-Jährige befindet sich in blendender Verfassung, gewann zweimal hintereinander den Gesamtweltcup und kehrte von den letzten drei Weltmeisterschaften stets mit Gold zurück. Vor einem Jahr in Schweden gewann Kyburz drei Medaillen. «Mit einem guten Lauf kann es überall ganz nach vorne reichen», sagt Kyburz mit dem Selbstvertrauen des Erfolgsverwöhnten. Im jährlichen Leistungstest über 5000 m auf der Bahn stellte der Biologie-Student mit 14:32 Minuten jüngst eine persönliche Bestzeit auf. Alle Parameter von Kyburz sind auf Erfolg eingestellt, wobei beim OL die technische Komponente mit Kartenlesen und Routenwahl nie ausgeblendet werden darf.

Matthias Kyburz startet im Sprint, über die Mittel- und die Langdistanz sowie in der Staffel. Ein Wettkampf steht dabei besonders im Vordergrund: die Königsdisziplin über die Langdistanz mit einer Renndauer von rund 95 Minuten. Dieser Titel fehlt dem 27-Jährigen aus den bislang sechs WM-Teilnahmen. Mehr noch: Kyburz gewann an WM oder EM nie eine Medaille.

Drei Weltmeister in neun Jahren

«Mit dieser Goldmedaille würde ein Traum in Erfüllung gehen», sagt der Möhliner. «Wenn ich an die Langdistanz denke, spüre ich zweifellos eine Extramotivation.» Versteifen will sich Kyburz aber nicht. Er sieht sich weiterhin als Allrounder und sagt: «Es wäre bei drei Medaillenentscheidungen unter 35 Minuten Renndauer unklug, zugunsten der Langdistanz an Grundspeed zu verlieren».

Wie exklusiv eine WM-Medaille über die Langdistanz ist, zeigt das Podest der drei letzten Titelkämpfe. Stets liessen sich die gleichen drei Athleten die Medaillen um den Hals hängen: der Franzose Thierry Gueorgiou, der Norweger Olaf Lundanes und der Schweizer Daniel Hubmann. Seit 2008 war immer einer aus diesem illustren Trio Weltmeister. Alle drei sind auch in Estland am Start.

Kyburz tut also gut daran, sich nicht auf den einen Titel zu versteifen, selbst wenn das Gold noch so glänzen mag. Die Hürde bleibt hoch. Um bei allen Einsätzen eine gute Falle zu machen, trainierte der Aargauer in den letzten 12 Monaten während fünf Wochen in Estland. Dieser spezifische Aufwand sei Standard, sagt Kyburz. Allerdings habe er im eigentlichen WM-Trainingslager vor einigen Wochen realisiert, dass ein Teil seiner Trainings im spezifischen Gelände nicht unbedingt repräsentativ gewesen sei. «Im Herbst und im Frühling sind die Wälder total anders als jetzt im Sommer», sagt Kyburz.

Hüfthohe Brennnesseln

Damals konnte er durch offenes Waldgebiet rennen, kam entsprechend gut vorwärts. Jetzt erwies sich die Belaufbarkeit des Bodens als ungleich schwieriger. Brennnesseln, Dornenbüsche und Gestrüpp wachsen auf feuchtem estnischem Waldboden offensichtlich besonders schnell. Und Matthias Kyburz gab jüngst gegenüber dem OL-Magazin zu: «Das grüne Kämpfergelände mit viel Fallholz und dichter Vegetation gehört nicht zu meinen Lieblingsgeländen. Ich habe mittlerweile aber gelernt, zu akzeptieren, dass man durchs «Grün» einfach durch muss und nicht lamentieren sollte.»

Für die gute läuferische Verfassung sorgte auch ein beschwerdefreier Winter, in welchem Kyburz teilweise bis zu drei Trainings pro Tag absolvierte. «Meine Philosophie sieht lieber drei einstündige Laufeinheiten anstelle von zwei zweistündigen Trainings vor», sagt er. Damit fährt er seit Jahren gut – ausser vielleicht auf der Langdistanz.