Die schnellsten zwei Strassenläufer aus dem Aargau stammen ursprünglich aus Afrika. Wenn die beiden äthiopischen Asylbewerber Kadi Nesero (30) oder Fikru Guta (26) am Start stehen, grüssen sie meistens von zuoberst auf dem Podest. So auch am Samstag in Lenzburg, wo Guta die Trainingsgemeinschaft aus Aarau vertrat. Zum zweiten Mal nach 2014 gewann er den Lenzburger Lauf. Es war der vierte afrikanische Erfolg in Serie. 

Mit der Siegerzeit von 39.25 legte Guta die Strecke anderthalb Minuten schneller zurück als bei seinem ersten Triumph vor drei Jahren. Diese Steigerung war aber auch notwendig, denn erst beim zweiten Antritt nach rund acht von gut elf Kilometern schaffte er die entscheidende Distanz zum letzten Begleiter David Keller aus Menziken. Keller hatte den Sieger bis zuletzt im Blickfeld, traf im Ziel 22 Sekunden hinter Guta ein.

Der Shooting-Star aus dem Wynental

Der 25-jährige Keller, der erst seit drei Jahren strukturiert trainiert, hat derzeit ohnehin einen Lauf. Vorletzte Woche gewann er den Homberglauf, sein eigentliches Heimrennen. Und diesen Frühling lief er gar bei einem Halbmarathon in Slowenien als Erster ins Ziel. Die Siegerzeit von 1.11.50 Stunden bedeutete persönliche Bestzeit und eine Steigerung von mehr als sieben Minuten innerhalb der letzten zwei Jahre.

Auch mit der Darbietung in Lenzburg war der Wynentaler, der sich zuletzt während vier Jahren in Basel zum Laboranten ausbilden liess und neu in Zürich arbeitet und beim TV Oerlikon trainiert, sehr zufrieden: "Unter 40 Minuten zu bleiben, war mein Ziel", sagte er. 13 Sekunden schneller lief Keller bei optimalen äusseren Bedingungen. 

Der frühere Unihockey-Spieler hat seinen Zenit als Läufer also mit Bestimmtheit noch nicht erreicht. Und er sieht weitere Ziele am Horizont. Im Herbst möchte er am Hallwilerseelauf bei der Frage nach dem schnellsten Aargauer ein gewichtiges Wörtchen mitreden. Und im Sommer liebäugelt er mit einer ersten Duftnote auf der Bahn. Um an den Schweizer Meisterschaften über 5000 m zugelassen zu werden, muss Keller aber zuerst die Qualifikations-Limite von 15.30 unterbieten. Bei der derzeitigen Form ein realistisches Vorhaben.

Annique Schneider steigert sich

Auch bei den Frauen kam es zu einem Zweikampf um den Tagessieg. Nachdem es lange nach einem Erfolg der unverwüstlichen Rosa Moreira aus Merenschwand aussah, musste die 50-Jährige auf der zweiten Streckenhälfte das Tempo wegen muskulären Problemen drosseln. "Zuvor machte sie einen sehr starken Eindruck. Ich hatte mich eigentlich bereits auf den zweiten Platz eingestellt", sagte Siegerin Annique Schneider aus Staufen.

Die 38-Jährige stammt ursprünglich aus Schaffhausen, zog aber letztes Jahr mit ihrem Freund zusammen. Bereits 2016 brillierte Schneider bei ihrem neuen Heimrennen als zweitschnellste Frau. Nun reichte es sogar zum Tagessieg. Auch dank einer nochmaligen Steigerung um 17 Sekunden gegenüber dem Vorjahr.

Maja Hauser-Walti aus Seengen und David Vogel aus Erlinsbach komplettierten die beiden rein Aargauischen Podeste bei den zivilen Läufern. Mit Heinz Bodenmann aus dem appenzellischen Gais gab es am Lenzburger Lauf aber doch noch einen ausserkantonalen Tagessieger. Er gewann den Waffenlauf über 14,4 km mit beeindruckender Lockerheit und riesigem Vorsprung von beinahe fünf Minuten.

Es war erst der vierte Waffenlauf in der Laufkarriere des 29-Jährigen. Dass er dabei ein heisser Siegesanwärter ist, bewies Bodenmann bereits vor Wochenfrist mit dem Erfolg beim Domleschger Waffenlauf, der Saisoneröffnung der Vierfrucht-Athleten im Bündnerland. Am letzten Wochenende gewann der Marathon-Spezialist mit einer Bestzeit von 2.30 Stunden zudem den Stadtlauf von Vaduz.

Populärer Waffenlauf

Wieso aber hat sich der langjährige Strassenläufer dazu entschlossen, freiwillig mit einem Gewehr auf dem Rücken zu starten? "Die Waffenläufer sind ein spezielles Grüppchen. Es geht bei ihnen viel kameradschaftlicher zu und her als bei den normalen Läufern. Diese Atmosphäre gefällt mir", sagt Bodenmann. Er ist nicht der Einzige. Erneut knackte Lenzburg die Marke von 100 Startenden. Nachdem der Waffenlauf vor gut zehn Jahren vom Aussterben bedroht war, erfreut er sich derzeit wieder einer erstaunlichen Popularität. Auch dank Aargauer Support. Von den neun Rennen 2017 finden deren vier im Aargau statt.