Frühling 1999 im Restaurant Sonne im zürcherischen Birmensdorf: Wohlen-Präsident Andy Wyder und Martin Rueda treffen sich zum ersten Mal. Der fünffache Internationale hatte im Sommer 1998 seine aktive Laufbahn bei Xamax beendet. Wyder will Rueda als Trainer verpflichten. Mehr noch. Er will Rueda als Patron, als Abwehrchef, quasi als defensive Lebensversicherung!

Der Funke springt. Die zwei verstehen sich von Beginn an ausgezeichnet. Kein Wunder – schliesslich sind sie vom Typ und von den Charaktereigenschaften her sehr ähnlich. Sie sind ruhig, sachlich und bescheiden. Sie stellen die Sache in den Mittelpunkt, sind lernfähig und konsequent in ihrem Handeln. Und sie können zuhören. Rueda nimmt Wyders Angebot an und wird Trainer des FC Wohlen.

Rueda wusste, was er wollte

Damit beginnt für die Freiämter 1999 eine Erfolgsgeschichte mit vielen schönen und einigen unschönen Kapiteln. Rueda wusste trotz seiner Unerfahrenheit genau, was er wollte.

Der spanisch-schweizerische Doppelbürger bediente sich erst einmal beim FC Altstetten und luchste dem Zürcher Quartierverein die zwei Teamstützen Flavio Gastaldi und Francesco Sessa ab. Unter Ruedas Führung blühten auch einheimische Spieler wie Alessio Passerini, Zoran Jovanovic und Franz Schmid auf.

Ein besonders schönes Kapitel schrieb Schmid: Das Talent wechselte 1997 ziemlich frustriert von Wohlen zum Nachbarklub FC Bremgarten, kehrte zwei Jahre später allerdings zu seinem Stammverein zurück. Beim zweiten Anlauf klappte es: Schmid eroberte zwischen 1999 und 2003 die Fussballherzen der FCW-Fans und wurde von den Anhängern liebevoll Fussball-Gott genannt.

Sprungbrett in die Super League

Rueda führte das Team 2000 in die Aufstiegsspiele zur Nationalliga B, scheiterte aber in den entscheidenden Spielen an Locarno (1:3, 3:3). In der Saison 2001/02 folgte der zweite Versuch – und siehe da: Am 8. Juni 2002 war der Aufstieg perfekt.

Von diesem Tag an hatte Rueda beim FC Wohlen Heldenstatus. «Die Grundlagen für diesen Erfolg waren der Mannschaftsgeist und die defensive Stabilität», blickt er zurück. «Die Spieler zogen alle am gleichen Strick. Sie waren mental äusserst stark und deshalb in der Lage, unter Druck die besten Leistungen abzurufen. Der FC Wohlen war im Freiamt Gesprächsthema Nummer eins.»

Nach 14 Runden sogar Tabellenführer

Die Krönung seines Schaffens beim FC Wohlen gelang Rueda in der Saison 2007/08. Nach dem Beinahe-Abstieg im Frühling 2007 setzten sich die Freiämter dank einem fulminanten Start von der Konkurrenz ab und waren nach 14 Runden sogar Tabellenführer.

Schliesslich schaffte Wohlen mit Rang vier das zweitbeste Resultat in der 16-jährigen Zugehörigkeit zur zweithöchsten Spielklasse. «Das Team spielte sich in einen Rausch», erinnert er sich. «Ausschlaggebend war einerseits das Kollektiv, anderseits gab es einige Spieler im Kader, die eine Partie im Alleingang entscheiden konnten. Es ist verrückt, aber vor gut zehn Jahren war der FC Wohlen der Super League näher als der 1. Liga.»

Kämpfer und Künstler

Der FC Wohlen überzeugte 2007/08 einerseits als Einheit, anderseits mit individueller Klasse. Spieler wie Dusan Veskovac, Goran Karanovic und Enrico Schirinzi ragten heraus. Die Mischung aus grossen Kämpfern und kleinen Künstlern führte zu einem sportlichen Höhenflug.

Interessant: Veskovac, Karanovic und Schirinzi nutzten den FC Wohlen als Sprungbrett für einen Transfer zu einem Superligisten und wechselten zum FC Luzern. Der Überflieger in der Saison der Superlative hiess allerdings Alain Schultz.

Rueda löst Sforza ab

Der Publikumsliebling und Scharfschütze führte nicht nur Regie, sondern avancierte mit 20 Toren zum Goalgetter. Schultz weckte mit seinen überragenden Leistungen das Interesse von GC, wechselte im Frühjahr 2009 zu den Zürchern und erlebte den Höhepunkt seiner erfolgreichen Karriere.

Zurück zu Rueda, der mit dem FC Wohlen nicht nur sportlich erfolgreich war, sondern auch zu einem Dauerbrenner wurde. Zwischen 1999 und 2004 war er zweimal Trainer. Das dritte Gastspiel gab er zwischen 2007 und 2010. Fünf Jahre später wurde er Sportlicher Leiter und löste am 1. Juli 2015 Ciriaco Sforza als Trainer ab.

Anfang September 2016 erlag Rueda dem finanziellen Lockruf der türkischen Investoren des FC Wil. Nach drei Monaten war seine Zeit bei den Ostschweizern schon abgelaufen. Rueda wurde entlassen. Momentan ist Rueda weit weg vom Fussballgeschäft. Der 55-Jährige arbeitet bei der Binelli Adliswil AG, als Chef der Abteilung Auto-Occasionen.

Auf und neben dem Platz beliebt

Rueda war während der 16-jährigen Zugehörigkeit des FC Wohlen zur zweithöchsten Spielklasse die grosse Trainerfigur. Die Erklärung für die gegenseitige Empathie ist simpel. «Der FC Wohlen und ich passten einfach zusammen», erklärt Rueda das gute Verhältnis. «Ich war vom Verein von Beginn an fasziniert.

Der spezielle Charme eines Dorfklubs, die familiäre Atmosphäre und die Geselligkeit behagten mir.» Rueda liebte den FC Wohlen. Und der FC Wohlen liebte Rueda. Spieler, Funktionäre und Fans schwärmten geradezu vom Mann, der in der Zeit von 1999 bis 2016 die kühnsten Erwartungen übertraf.

Auf Töfftour

Rueda war aber nicht nur als Trainer beliebt. Man mochte ihn auch wegen seiner menschlichen Qualitäten: Im Lauf der Jahre entwickelten sich Freundschaften neben dem Spielfeld. Der Kontakt zwischen dem Langzeit-Präsidenten Wyder und Rueda riss bis zum heutigen Tag nicht ab.

Und was kein anderer Trainer schaffte: Rueda verstand sich sogar mit Ehrenpräsident René Meier. Man glaubt es kaum: Es vergeht kein Sommer, in dem die zwei nicht auf ihre alten Motorräder steigen, die Schweizer Pässe unsicher machen und sich nach der Tour den einen oder andern Schlummerbecher genehmigen.