Als Bub hatte Fedayi San jene Träume, die viele träumen, wenn sie mit Freunden im Quartier spielen: von Duellen mit Real Madrid, Bayern oder Barcelona. Davon, für die Nationalmannschaft aufzulaufen. «Doch ich war als Fussballer zu schlecht», sagt der heute 36-Jährige auf dem Sportplatz Dägerig in Windisch. Es ist kühl und ein ungemütlicher Wind bläst.

Eine Handvoll Freiwilliger hat alle Hände voll zu tun, den Sportplatz im Industriequartier für den Aargauer Cupfinal zwischen Mutschellen und Othmarsingen herzurichten, der am 30. Mai stattfindet. 2000 Zuschauer werden erwartet. Die grosse Fussballwelt scheint hier weiter entfernt zu sein als Ueli Maurer von einer Anstellung als Englischlehrer. Und doch lebt San seinen Traum weiter. Als Schiedsrichter.

«Als Fussballer hatte ich keine Ambitionen mehr, also habe ich mir gedacht: Wenn ich irgendwo die Möglichkeit habe, in meiner Lieblingssportart Karriere zu machen, dann als Schiedsrichter», erzählt San von den Anfängen. Die Rückmeldungen sind gut, San legt einen rasanten Aufstieg hin, pfeift mit 23 Jahren bereits in der 1. Liga. Das beschert ihm während der Lehre als Haustechnik-Planer einen «Zustupf», wie er zugibt. «Das war auch ein Ansporn.»

Doch dann stockte seine Karriere. «Ich kam irgendwie nicht mehr weiter und hatte beschlossen, Ende Saison aufzuhören. Doch dann erhielt ich einen Anruf, dass ich eine Chance in der Challenge League erhalten soll.» Ein halbes Jahr später pfeift San bereits sein erstes Spiel in der Super League.

«Ich dachte mir: das wars»

4. Dezember 2011, Stadion Letzigrund in Zürich, GC gegen Thun: Als vierter Offizieller aufgeboten, springt San kurzfristig für den erkrankten Cyril Zimmermann ein. «Ich wurde ins kalte Wasser geworfen und hatte gar keine Zeit, nervös zu werden», erinnert sich San, der bei seinem Debüt gleich den späteren Nati-Goalie Roman Bürki wegen einer Tätlichkeit mit Rot vom Platz stellt.

«Thun hat dann in der 93. Minute Protest eingelegt, und ich dachte mir: Das wars, ich pfeife nie mehr in der Super League. Wir dachten, wir hätten das Spiel in den Sand gesetzt.» Bis Bernard Challandes, der damalige Thun-Trainer, an die Kabinentür geklopft, sich entschuldigt und den Protest zurückgezogen habe. Die Thuner waren der Ansicht gewesen, es müsse Penalty geben, wenn der Goalie im Strafraum eine Tätlichkeit begeht. Allerdings war der Tätlichkeit ein Foul eines Thuners vorausgegangen.

Für den Aargauer ist jenes Spiel der Start in seine Karriere als Schweizer Spitzen-Schiedsrichter. 2013 wird er Super-League-Referee, 2016 zum Fifa-Schiedsrichter befördert. Er pfiff schon in Griechenland, Frankreich, aber auch an exotischeren Destinationen wie Saudi-Arabien. Seit Januar 2018 ist San von Beruf Schiedsrichter, arbeitet daneben in einem 30-Prozent-Pensum beim Aargauer Fussballverband. Doch reich wird er als Schiedsrichter nicht. Neben dem Fixum von 41 000 Franken pro Jahr erhält er pro Spiel eine Entschädigung von 1250 Franken.

Dass er als Schiedsrichter im Stadion regelmässig ausgepfiffen, gar mit Gegenständen beworfen und beschimpft wird, blendet er aus. «Viele fragen sich, wieso man so etwas macht. Aber wenn du fussballbegeistert bist, überwiegt die Freude an diesem Sport vieles», sagt San. Schiedsrichter zu sein, sei die beste Persönlichkeitsschulung: «Du musst in schwierigen Situationen einen kühlen Kopf bewahren. Das kann dich im Leben nur weiterbringen.»

Keine Angst vor Fehlern

Fedayi San hat es in der Schweiz bis ganz an die Spitze geschafft. Am Sonntag pfeift er den Cupfinal zwischen Basel und Thun. San sagt zwar, er bereite sich auf jedes Spiel gleich vor, aber auch: «Es geht um extrem viel, es ist das wichtigste Spiel des Jahres und ich trage eine grosse Verantwortung. Das ist ein spezieller Druck.»

Seine Stärke sei es, dass er eine gesunde Einstellung zu Fehlern habe. «Ich habe keine Angst davor, Fehler zu begehen. Ich weiss, das klingt abgedroschen, aber: Wo Menschen arbeiten, passieren Fehler.» Wichtig sei der Umgang damit.

Anders als viele Kollegen meidet er auch die Berichterstattung der Medien nicht. «Ich habe es mir zwar vorgenommen, lese die Zeitungen aber trotzdem. Es stört mich auch nicht, wenn etwas Negatives geschrieben wird.» Vielmehr zeigt er Interesse daran, was die Experten von ihm halten.

Selbstredend hat er als Schiedsrichter nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Im September 2015 wird er vom Luzerner Dario Lezcano nach einer gelb-roten Karte angegangen. «Ein Tiefpunkt. Weil ich da gemerkt habe, dass der Schiedsrichter in seiner Integrität nicht unantastbar ist.»

Heute gilt San, der Vater eines drei Monate alten Sohns ist, neben Sandro Schärer als einer der grössten Hoffnungsträger, dass die Schweiz nach Urs Meier und Massimo Busacca bald wieder einen internationalen Top-Schiedsrichter stellt. Doch der Weg dorthin ist noch weit.

«Man muss realistisch bleiben. Ich bin seit drei Jahren in der Gruppe 3 der Fifa-Schiedsrichter. Je weiter es nach oben geht, desto dünner wird die Luft.» Natürlich träume er davon, einmal an einer Weltmeisterschaft oder den Champions-League-Final zu pfeifen. Doch: «Es gehört auch etwas Glück dazu.» Der Bubentraum lebt weiter. Wenn auch etwas anders.