Fussball

Ein Abstieg mit Beigeschmack: Ryszard Komornicki scheitert an Herkulesaufgabe

Hat alles gegeben: Ryszard Komornicki musste erst einmal lernen, wie in seiner alten Heimat der Fussball rollt.

Hat alles gegeben: Ryszard Komornicki musste erst einmal lernen, wie in seiner alten Heimat der Fussball rollt.

Ryszard Komornicki steigt mit Siarka Tarnobrzeg in die vierthöchste polnische Liga ab. Wäre der ehemalige FCA-Trainer früher zum Club gestossen, hätte es mit dem Ligaerhalt wohl geklappt

Mitte März erhielt Ryszard Komornicki einen Anruf von Cezary Kucharski. Die beiden hatten einst gemeinsam für den FC Aarau gespielt und hielten den Kontakt stets aufrecht. Kucharski, der als erfolgreicher Spieleragent und Geschäftsmann längst wieder in Polen lebt, bat seinen Freund um den Gefallen, Siarka Tarnobrzeg vor dem Abstieg in die vierte Liga zu retten.

Weil Komornicki sein Engagement beim interregionalen Zweitligisten FC Olten Ende der Vorrunde aufgegeben hatte und für eine neue Tätigkeit offen war, sagte er zu und übernahm die Herkulesaufgabe im Südosten seiner alten Heimat. Doch es sollte zu einem Ende mit Schrecken kommen.

Was genau ist am Sonntag passiert?

Wir sind abgestiegen. Aber auf eine Art und Weise, die mir zu denken gibt. Wir gewannen am letzten Spieltag dieser Saison unser Heimspiel gegen Czestochowa 2:1, mussten aber noch das Ergebnis aus Torun abwarten, wo Olimpia Elblag spielte. Dort stand es 1:1, und mit diesem Ergebnis wären wir gerettet gewesen. Die Partie hatte aber aus unerfindlichen Gründen mit sieben Minuten Verspätung begonnen. Und so warteten und warteten wir auf das Schlussresultat. Zuerst aber kam noch die Schockmeldung, Olimpia Elblag habe in der 96. Minute das Siegtor geschossen – damit waren wir abgestiegen.

Das ist zwar bitter, kommt im Fussball aber immer wieder vor …

Natürlich. Aber in der Woche vor dem letzten Spieltag hatte ich die Information erhalten, dass Elblag in Torun ganz sicher gewinnen werde. Überhaupt hatten sich in den letzten Wochen einige seltsame Dinge abgespielt.

Was meinen Sie?

Mannschaften im Mittelfeld der Tabelle, für die es um nichts mehr ging, liefen mit bis zu neun Nachwuchsspielern auf. Und dies gegen Gegner, die noch um den Ligaerhalt kämpften. Das ist Wettbewerbsverzerrung.

Warum ist der Verband nicht eingeschritten?

Das ist ja genau das Problem. Er zahlt den Vereinen eine Prämie für jeden jungen Spieler, den sie einsetzen. Deshalb waren jene Klubs, die den Klassenerhalt schon geschafft hatten, nur noch darauf aus, möglichst viel Geld durch Prämien zu machen. Das Resultat war ihnen egal.

Das klingt etwas nach Ausrede.

Es ist aber so. Doch es gibt schon auch andere Gründe für den Abstieg. Wir mussten zuletzt in zwei Wochen fünf Spiele mit zwei Auswärtsreisen von 750 und 1000 Kilometern absolvieren und sassen bis zu 14 Stunden im Bus. Das verkrafteten wir mit unserem schmalen Kader einfach nicht. Ich hatte gar keine Chance, mal dem einen oder anderen Spieler eine Pause zu geben. Wir waren physisch nicht mehr präsent.

Mit welchem Budget musste Sarkia auskommen und wie viele Zuschauer kamen zu den Spielen?

Mit 2 Millionen Zlotys, also einer halben Million Franken. Widzew Lodz zum Beispiel verfügt über 15 Millionen Zlotys, hat gegen uns den Ausgleich aber erst in letzter Minute geschossen. Es gab Heimspiele mit 3500 Zuschauern, der Schnitt liegt indes bei 2000.

Ist die dritte Liga ein Profibetrieb?

Das habe ich zuerst auch gedacht. Auf dem Papier vielleicht, aber die Spieler verdienen nur 1000 bis 1500 Franken. Das Niveau liegt irgendwo zwischen Challenge League und Promotion League. Viele Klubs setzen ganz viele junge Spieler ein, weil sie mit diesen möglichst viel Geld verdienen wollen. Aber viele sind einfach zu jung. Auch wir verspekulierten uns. Unser Durchschnittsalter lag bei 22,5 Jahren. Als ich einmal einen jungen Spieler vom Platz nahm, hat er in der Kabine geweint.

Sie haben mit 1,55 Punkten einen respektablen Schnitt erreicht. Sind Sie vielleicht zu spät nach Tarnobrzeg gekommen?

Rechnet man meinen Punkteschnitt auf die ganze Saison hoch, dann wären wir tatsächlich nicht abgestiegen. Ich bin nicht glücklich, habe aber kein schlechtes Gefühl. Ich habe meinen Job gemacht und von vielen Seiten ein gutes Feedback bekommen. Auch über den Stil, wie wir Fussball gespielt haben.

Wie geht es jetzt mit Ihnen weiter?

Ich hatte gestern Nachmittag noch ein Gespräch mit dem Präsidenten. Er möchte weiter mit mir zusammenarbeiten. Weil ein anderer Klub in grossen finanziellen Schwierigkeiten steckt, bleiben wir vielleicht sogar in der Liga. Aber Tarnobrzeg liegt in einer ärmeren Gegend und unser Potenzial ist beschränkt. Es gibt aber auch noch ein Angebot aus Liga 1. Ich komme nun zurück in die Schweiz und warte mal ab. Ich bereue nichts. Ich habe viel gelernt und hatte trotz allem meinen Spass.

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