Fussball
Ein Aargauer will Malaysias Fussball pushen

Seit Mai letzten Jahres lebt und arbeitet der 55-jährige Fritz Schmid aus Oberrohrdorf in Kuala Lumpur. Er hat den Auftrag, den malaysischen Fussball zu strukturieren. Eine Herkulesaufgabe in den Tropen.

Markus Brütsch
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Dankbare Zuhörer: Fritz Schmid (links) arbeitet mit den hoch talentierten und begeisterungsfähigen U15-Junioren Malaysias.

Dankbare Zuhörer: Fritz Schmid (links) arbeitet mit den hoch talentierten und begeisterungsfähigen U15-Junioren Malaysias.

HO

Die Tore sind schön und fallen wie reife Früchte. Wer sich auf der Website des malaysischen Fussballverbandes den aufgeschalteten Kurzfilm anschaut, denkt: Hoppla, diese Malaysier sind ja richtig gute Fussballer. «Unser Traum – Malaysia, König des asiatischen Fussballs» ist zu lesen.

Fritz Schmid kann damit nicht viel anfangen. Zwar arbeitet der SFV-Instruktor und Inhaber der Uefa-Pro-Lizenz seit bald einem Jahr daran, den malaysischen Fussball vorwärtszubringen, doch hat er längst erkannt, wie beschwerlich und steinig sein Weg sein wird. Malaysia ist in Asien lediglich die Nummer 22 und liegt im Weltranking an 153. Position von 209 Verbänden.

Fussball ist die Nummer 1 im Land

Dies entspricht gewiss nicht den Möglichkeiten eines Landes mit 30 Millionen Einwohnern. Zwar dominiert an diesem Wochenende die Formel 1 das sportliche Geschehen, ansonsten aber ist der Fussball in diesem südostasiatischen Staat nahezu konkurrenzlos. «In Australien und Indien gibt es noch immer die mächtige Konkurrenz durch den Nationalsport Cricket, bei uns ist Fussball klar die Nummer eins, weit vor Hockey oder Badminton. Das sind eigentlich hervorragende Voraussetzungen», sagt Schmid.

Der 55-Jährige hat vom Verband einen Dreijahresvertrag als Technischer Direktor erhalten. Das Ziel: Strukturen aufbauen. Diese sollen es ermöglichen, das riesige Potenzial auszuschöpfen. «Der Fokus liegt zu oft noch auf Resultaten und kurzfristigen Erfolgen der Nationalteams», sagt Schmid. Was nicht bedeutet, dass diese auch erfolgreich sind. Bei dreizehn von sechzehn Turnieren des Asiencups war Malaysia nur Zuschauer. In dieser Woche verlor das A-Team gegen den Oman 0:6.

Vieles ist total anders

Die Verhältnisse im malaysischen Fussball sind kompliziert. Es hat Zeit gebraucht, bis sich der gebürtige Winterthurer einen Überblick über den Ist-Zustand erarbeitet hatte. Zwar ist der Ball auch in Asien rund, sonst aber ist sehr vieles anders als in Europa.

Im Spitzenfussball sind viele Teams noch immer der Armee, dem Finanzministerium oder den Bundesländern (Kantonen) unterstellt. Erst für 2016 ist eine Privatisierung der Topligen geplant. Nachwuchs- und Talentförderung sind stark mit dem Schulsystem verknüpft, Fussballvereine mit Juniorenabteilungen gibt es keine.

«Dadurch fehlt die Durchgängigkeit», sagt Schmid, «wenn ein 17-Jähriger zur Schule rauskommt, weiss er nicht, wo er seinen Weg zur Profikarriere weiterverfolgen kann.» Nachwuchsabteilungen und adäquate Meisterschaftformate müssen erst eingeführt werden. «Anfang Jahr haben wir nun erstmals eine nationale U19-Meisterschaft lanciert. Das hat es zuvor nicht gegeben.»

Als Schmid im Mai letzten Jahres die Arbeit am Verbandssitz in Kuala Lumpur aufnahm, traf er auf eine sehr dünn besetzte technische Abteilung. Genauer gesagt auf drei Personen. Eine war für die Trainerausbildung zuständig und hatte noch einen Sekretär; eine Frau betreute die Nachwuchsabteilung. «Jetzt sind wir immerhin bald auf Mannschaftsstärke», freut sich Schmid.

Absagen nach Österreich

Inzwischen haben den ehemaligen Assistenten von Marcel Koller bei der österreichischen Nationalmannschaft Anfragen erreicht, ob er den Linzer AK trainieren oder Sportdirektor von Rapid Wien werden wolle. «Sicher sind dies reizvolle Funktionen. Aber ich will hier weiterführen, was ich begonnen habe.

Ich bin ein Entwickler, ich liebe diese Herausforderung», sagt Schmid, seit 30 Jahren im Metier tätig. Für die Fifa und Uefa ist der langjährige Co-Trainer von Christian Gross (Tottenham, Basel) schon in aller Herren Ländern gewesen, um Entwicklungprojekte zu begleiten. Er war oft in Asien und hat gedacht, es wäre doch mal was, da etwas aufzubauen.

«Moderne Grundlagen schaffen, das ist doch der Reiz. Ich verdiene hier keine goldene Nase, aber ich kann Massstäbe setzen», sagt Schmid. Auch wenn erschwerend hinzukommt, dass die Verhältnisse in der Grossstadt Kuala Lumpur ganz anders sind als etwa auf Borneo. Und in der Provinz «Bahasa Malayu» gesprochen wird und Schmid mit Englisch nicht weit kommt.

Und er manchmal schon auch zu spüren bekommt, dass er «der Ausländer» ist, der sich doch bitte nicht zu sehr einzumischen habe. Geduld heisst das Zauberwort. In jeder Beziehung. Er hat dreissig Formulare ausfüllen und vier Monate warten müssen, bis sein Büro mit Air Condition ausgestattet war. Einen Drittel seiner Arbeitszeit verbringe er auf dem Rasen, arbeite mit Nachwuchsspielern oder bilde Trainer aus, sagt Schmid. «Hier liegt der Schlüssel zum Fortschritt.»

Licht und Schatten wechseln sich ab

Er habe es noch nie bereut, diese Herkulesaufgabe angenommen zu haben. «Sicher gab es schon Tage, an denen ich am liebsten heimgeflogen wäre. Aber dann gibt es auch grossartige Momente. Wie in der letzten Woche. Da habe ich meine Kreditkarte in einem Supermarkt vergessen. Als ich einen Tag später zurückkam, hat mir ein Angestellter zugewinkt und mir die Karte übergeben», sagt Schmid.

Er fühlt sich wohl in Kuala Lumpur, einer «unheimlich vielseitigen Stadt in einem wunderbaren Land». Und freut sich darauf, wenn im Sommer seine Frau, eine Kantonsschullehrerin in Baden, und seine Tochter zu ihm ziehen. «Ich kann noch lange nicht behaupten, ich kenne mich im malaysischen Fussball bereits aus», sagt Schmid. «Das geht tatsächlich nur in kleinen Schritten voran – sikit, sikit, würde der Malaie sagen. Doch diese Aufgabe hier ist kein Sprint. Eher ein Marathon. Ich bin schon froh, wenn ich nach drei Jahren erste Spuren meiner Arbeit sehe.»