Interview
Ein Aargauer brachte den Radsport wieder auf Kurs: «Ich hatte nicht wirklich etwas zu verlieren»

Der Aarauer Markus Pfisterer übernahm den Schweizer Radsportverband Swiss Cycling 2010 als Geschäftsführer, als das Epizentrum des Schweizer Radsports hochverschuldet und in einer strukturellen Krise am Boden lag. Jetzt tritt er zehn Jahre später mit einer Erfolgsbilanz ab.

Marcel Kuchta
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Der Geschäftsführer von Swiss Cycling, Markus Pfisterer anlässlich einer Medienkonferenz zur Tour de Suisse 2019 in Einsiedeln vom Dienstag, 4. Juni 2019.

Der Geschäftsführer von Swiss Cycling, Markus Pfisterer anlässlich einer Medienkonferenz zur Tour de Suisse 2019 in Einsiedeln vom Dienstag, 4. Juni 2019.

Urs Flüeler/KEYSTONE

2010 hatte der Aarauer Markus Pfisterer das Amt des Geschäftsführers von Swiss Cycling übernommen – einen Schuldenberg in siebenstelliger Höhe inklusive. 2011 berief der Aargauer den Berner Thomas Peter als Verantwortlichen für den sportlichen Bereich in die Geschäftsleitung. Das Duo setzte Impulse und Prioritäten, investierte umsichtig in die Zukunft – und wurde für den unermüdlichen Einsatz belohnt. Swiss Cycling, seit 2014 schuldenfrei, ist heute der erfolgreichste olympische Sommersportverband im Land. Am 31. 12. 2020 endet die Ära Pfisterer. Grund genug, mit dem abtretenden Geschäftsführer auf einen mitunter abenteuerlichen Weg zurückzublicken.

Hätten Sie, als Sie 2010 Geschäftsführer von Swiss Cycling wurden, darauf gewettet, dass Sie über zehn Jahre im Amt bleiben würden?

Markus Pfisterer: (überlegt) Sehr wenig. Ich bin ja fast zufällig in dieses Amt gerutscht. Der damalige Verbandsdirektor Viktor Andermatt hatte mich anfangs 2010 gebeten, dem Verband bei juristischen Problemen zu helfen. Im Verlauf des Jahrs reichte er dann seine Kündigung ein. Ich hatte eigentlich gar nie den Plan, mich als Geschäftsführer zu bewerben.

Trotzdem übernahmen Sie den Job.

Ich wusste ja, dass meine Vorgänger nie länger als zwei, drei Jahre im Amt blieben. Schliesslich fragte mich der Vorstand von Swiss Cycling, ob ich den Job machen würde. Es war aber ein extrem schwieriges Umfeld mit Schulden, gescheiterten IT-Projekten und so weiter. Entsprechend zögerte ich lange. Am Ende waren es die Mitarbeiter, die mich darum baten, zuzusagen. Das war für mich der Knackpunkt. Ich dachte: «Wenn die Leute hinter mir stehen, dann werde ich es probieren.»

Sie übernahmen einen Verband, der an vielen Fronten Probleme hatte – man kann schon fast von einem Himmelfahrtskommando sprechen. Wie tastet man sich an so eine schwierige Aufgabe heran?

Ich hatte zwar durch meine beratende Funktion schon eine gewisse Ahnung, was auf mich zukommt. Am Ende war es aber schlicht «Learning by doing». Und was natürlich auch unerlässlich ist: Die unbedingte Leidenschaft für den Radsport. Das war schon immer meine Passion. Man muss aber auch sagen: Angesichts der schwierigen Voraussetzungen hatte ich nicht wirklich etwas zu verlieren. Der Druck hält sich in Grenzen, wenn der Haupttenor lautet: «Meldet doch Konkurs an und fangt von Neuem an.»

Der Druck hält sich in Grenzen, wenn der Haupttenor lautet: ‹Meldet doch Konkurs an und fangt von Neuem an.›

Vier Jahre später war Swiss Cycling schuldenfrei. Wie haben Sie das geschafft?

Da spielen viele Faktoren eine Rolle, dass so etwas gelingt. Ganz wichtig: Man braucht gute Mitarbeiter. Der Job war bei Allen immer mehr als nur der Job. Es war – und ist auch immer noch – für alle eine Passion. Wir waren damals auch ein viel kleineres Team, was automatisch für ein grosses Zusammengehörigkeitsgefühl sorgte. Das ist recht entscheidend. Wir überlegten uns, wo und wie wir uns als Verband besser aufstellen können. Was können wir tun, um unseren Umsatz zu vergrössern? Welche Plattformen können wir schaffen und vermarkten? Wie werden wir spannender und interessanter für unser ganzes Umfeld?

Ideen und Konzepte sind gut. Aber letztlich braucht es ja einen Taktgeber, der die Umsetzung leitet...

Meine Aufgabe bestand – zusammen mit der Geschäftsleitung (Sportchef und Nachfolger Thomas Peter; Anm. d. Red.) und dem Vorstand – darin, die vielen Ideen zu kanalisieren und die Richtung vorzugeben, damit wir nicht in irgendeine Wand rasen oder komplett auf den falschen Weg geraten. Wichtig ist bei solchen Prozessen, den Blick für das Gesamte nicht zu verlieren. Da gehört dazu, dass wir auch mal den Mut hatten zu sagen: «Stopp, das ist ein Seich, da müssen wir aufhören.»

Kommt erschwerend dazu: Der Radsport hatte zu dem Zeitpunkt, als Sie den Job übernahmen, auch ein massives Imageproblem im Zusammenhang mit Doping...

Das habe ich damals in den Gesprächen mit den potenziellen Sponsoren, Partnern oder der öffentlichen Hand natürlich oft zu hören bekommen.

Wie konnten Sie die Bedenken zerstreuen?

Wir konnten nicht mehr tun, als versuchen, die Leute davon zu überzeugen, wie ernst wir das Thema Doping bei Swiss Cycling nehmen. Dass wir aus all diesen Vorfällen und Skandalen die Lehren gezogen haben – selbst wenn wir selbst ja nicht direkt betroffen waren.

Das sagen ja immer alle...

Das stimmt. Aber für uns war es als Verband eine Chance, weil das Thema so unglaublich präsent war und wie wir den Druck von aussen spürten. Wir waren gezwungen, es wirklich ernst zu nehmen und die entsprechenden Massnahmen einzuleiten. Wir mussten ein Bewusstsein dafür schaffen, welche Auswirkungen solche Vorfälle haben können – nicht nur für die Direktbetroffenen wie ein Lance Armstrong. Eine ganze Generation von neuen Athleten hat lange unter dieser Thematik gelitten, entwickelte entsprechend aber auch eine ganz andere Sensibilität gegenüber dem Doping.

Letztlich steht und fällt im Sport Vieles, wenn nicht Alles mit dem Erfolg. Wie wichtig war es, dass Sie mit dem sportlichen Leiter Thomas Peter einen kongenialen Partner gefunden haben?

Keine Frage: Ohne Thomas hätte das Ganze so nie geklappt. Er ist unglaublich engagiert, einer der gerne anpackt. Auch wenn wir vielleicht nicht immer bei allen Themen gleicher Meinung waren, so wussten wir doch immer, dass der Andere im Grunde genommen dasselbe Ziel erreichen will. Uns einte der Gedanke, immer das Beste für den Radsport herauszuholen. Ich kann mir nicht vorstellten, dass wir teilweise wirklich schwierige Phasen mit jemand anderem an seiner Position durchgestanden hätten.

Zum Beispiel?

Ganz am Anfang war unser Verhältnis zu Swiss Olympic sehr belastet. In der Zwischenzeit ist es eine ausgezeichnete, von höchstem, gegenseitigen Respekt geprägte Partnerschaft. Bis es so weit gekommen ist, brauchte es Thomas’ Überzeugungsarbeit und natürlich auch die Mithilfe und das Vertrauen des Vorstands.

Ganz am Anfang war unser Verhältnis zu Swiss Olympic sehr belastet. In der Zwischenzeit ist es eine ausgezeichnete, von höchstem, gegenseitigen Respekt geprägte Partnerschaft.

Man darf ja auch nicht vergessen: durch ihre Behinderung sind Sie punkto Arbeitspensum eingeschränkt gewesen.

Genau, und auch nicht immer im selben Mass belastbar. Umso wichtiger war, dass ich vonseiten des Verbands immer auf extrem grosses Verständnis zählen durfte. Man hat mir, wenn immer möglich, den Rücken freigehalten. Ich hatte die grösstmögliche Flexibilität, dass es für mich funktioniert.

Strukturbereinigungen innerhalb einer Organisation erfordern immer auch Opfer. Mussten Sie viele Konflikte austragen?

Ja sicher. Ich musste viele, schmerzhafte Entscheide fällen. Ich musste Leute entlassen, musste Zusammenarbeiten beenden. Wichtig war mir immer, den Betroffenen zu erklären, was der Hintergrund dieser Entscheidungen ist und dabei das Geschäftliche vom Menschlichen zu trennen. Aber, das sind belastende Momente.

Unter dem Dach von Swiss Cycling logieren ja die verschiedensten Disziplinen, mit den verschiedensten Interessen. Wie schafft man es, diese heterogenen Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen?

Unsere Bandbreite ist tatsächlich riesig. Auf der einen Seite haben wir fünf olympische und paralympische Sportarten. Auf der anderen Seite haben wir die Randsportarten - und das ist jetzt nicht wertend gemeint. Aber es ist natürlich ein Fakt, dass wir vonseiten von Swiss Olympic und seitens Bund für die Olympischen Sportarten, in denen wir zudem noch erfolgreich sind, viel mehr Mittel erhalten. Wichtig ist glaub ich, dass man punkto Mittelverwendung transparent ist. Und mit den Leuten redet und ihre Anliegen ernst nimmt. Egal ob Sportart A oder Sportart B.

Es ist natürlich ein Fakt, dass wir vonseiten von Swiss Olympic und seitens Bund für die Olympischen Sportarten, in denen wir zudem noch erfolgreich sind, viel mehr Mittel erhalten.

Auch wenn der Schweizer Strassen-Radsport nach der Ära mit Ausnahmeathlet Fabian Cancellara langsam aber sicher wieder Aushängeschilder hat, so gibt es einige Baustellen: Die Tour de Suisse ist ein Sorgenkind, generell gab es hierzulande ein Rennensterben und auch die Tatsache, dass es keine Profiteams mehr auf höchstem Level gibt, gibt zu denken. Wieso hat es der ehemalige Nationalsport so schwer, wieder in die Gänge zu kommen?

Ganz grundsätzlich: Die Schweiz ist ein kleines Land mit acht Millionen Einwohnern. Allein dadurch haben wir ein extrem beschränktes Potenzial für herausragende Athleten, da muss man realistisch bleiben. Kommt dazu: Aus dem Ressourcenpool an jungen Athleten haben wir auch ganz viele, die mit dem Bike beginnen. Deshalb ist es logisch, dass wir auf der Strasse weniger Topathleten haben, dafür im Mountainbike stets zahlreiche Talente. Unter dem Strich sind die beiden Sparten also fast Konkurrenten bei der Aufteilung des Talentpools. Deshalb fasst der Vergleich des Strassenradsports mit den Verhältnissen vor 25 Jahren, als der Bikesport noch in den Kinderschuhen steckte, zu kurz.

Wie sehr hilft dem Strassenradsport ein potenzieller Star wie Marc Hirschi?

Sehr viel. Marc und zwei, drei andere Fahrer, von denen wir uns nächstens den Durchbruch in die Weltspitze erhoffen, haben natürlich eine unglaubliche Vorbildfunktion. Es existieren ja Bilder von Marc Hirschi, wie er bei einem Empfang von Fabian Cancellara in Ittigen Autogramme holen geht. Jetzt haben wir auch auf der Strasse wieder eine Generation am Start, die uns optimistischer in Zukunft blicken lässt. Zentral ist: An der Basisstruktur, bei den Klubs, bei den Bike-Schulen, haben wir bereits viel investiert. Aber es muss auch in Zukunft sehr viel gemacht werden. Wir stehen da im Grunde genommen immer noch am Anfang, sind aber auf einem guten Weg.

Marc Hirschi und zwei, drei andere Fahrer, von denen wir uns nächstens den Durchbruch in die Weltspitze erhoffen, haben natürlich eine unglaubliche Vorbildfunktion.

Die sportlichen Perspektiven sind gut. Die Schweiz wird Radsport-Grossanlässe veranstalten. Weshalb hören Sie ausgerechnet jetzt auf?

Mein Rücktritt hängt letztlich mit der Entwicklung von Swiss Cycling in den letzten zehn, elf Jahren zusammen. Der Verband ist inzwischen dreimal so gross. Und wir haben auch viel mehr Aufgaben übernommen. Inzwischen sind Wissenschaftler bei uns angestellt, wir sind engagiert in den Organisationskomittees von zwei Rad-Weltmeisterschaften (2024 in Zürich, 2025 im Wallis/Anm. der. Red.). Das alles hatte für mich, der ja wie gesagt nur in einem Teilzeitpensum arbeitet, inzwischen ein Ausmass angenommen, dass wir uns innerhalb von Swiss Cycling überlegen mussten, welche Umstrukturierungen nötig sind, damit wir alle diese Aufgaben erfüllen können. Da muss man ganz ehrlich sein: Das alles wäre für mich punkto Belastung schwierig geworden.

Welchen Tipp geben Sie ihrem Nachfolger Thomas Peter mit?

Tipps muss ich ihm keine geben. Er ist bereit für diesen Posten. Ich wünsche ihm ganze einfach dieselbe Erfüllung bei dieser Aufgabe, wie ich sie spüren durfte. Und das Bewusstsein, dass es ein unglaubliches Privileg ist, so einen Job machen zu dürfen.

Und wie sehen Ihre persönlichen, beruflichen Pläne aus?

Ich weiss es noch nicht. Jetzt habe ich erst einmal Ferien, die ich beziehen kann und hoffentlich nicht einfach nur zu Hause im Lockdown verbringen muss (lacht).

Persönlich

Markus Pfisterer

Der 49-Jährige entstammt einer bekannten Aarauer Familie. Bruder Lukas ist FDP-Grossrat, Vater Thomas ehemaliger Ständerat. Im August 1999 brach sich Markus Pfisterer beim Fallschirmspringen den Rücken und sitzt seitdem im Rollstuhl. Die sportliche Herausforderung wollte der vorher angefressene Radsportler deswegen aber nicht aufgeben und krönte sein Engagement mit der Teilnahme an den Paralympics in Turin, wo er an den Skiwettbewerben an den Start ging. 2009 stieg Pfisterer in beratender Funktion bei Swiss Cycling ein und übernahm im Verlauf des Jahrs 2010 das Amt des Geschäftsführers. Er lebt in Wikon LU.