Immerhin: Die dreistündige Heimfahrt von Chiasso nach Aarau verläuft problemlos, die Befürchtung, der Stau vor dem Gotthard-Südportal am Ende der Sommerferien habe schon begonnen, bewahrheitet sich nicht. Es ist kurz vor zwei Uhr in der Nacht auf Freitag, als
der FCA-Mannschaftsbus am Stadion Brügglifeld ankommt. Im Gepäck keine Punkte, dafür viel Frust. «Ich werde auf dem Heimweg meine Leistung hinterfragen – das muss nach diesem Auftritt jeder tun», sagte Markus Neumayr zuvor zwischen Dusche und Abfahrt am Stadio Riva IV.

Das sagte Neumayr nach dem Spiel gegen Chiasso:

«Das tut weh»: Neumayr im Interview nach der Niederlage gegen Chiasso

Am Freitag dann bot Trainer Patrick Rahmen seine Mannschaft um 14 Uhr wieder auf. Doch gross trainiert dürfte am Tag nach der Schmach von Chiasso nicht geworden sein. Direkt im Anschluss an die bisher schlechteste Halbzeit seiner Amtszeit beim FC Aarau sagt Rahmen: «Wenn ich mir das Ganze nochmals angeschaut habe, werde ich klare Worte an die Spieler richten.» Gut möglich, dass im Brügglifeld die Wände wackelten. Wann, wenn nicht nach diesem Auftritt war Rahmens Rollenwechsel vom «Spielerflüsterer» zum «Trainervulkan» angebracht?

Anders als das GC-Spiel war es ein Charaktertest

Vergangene Woche noch verzückte der FC Aarau als Teil des für viele Beobachter hochklassigsten Challenge-League-Spiels seit Jahren seine Fans. Einstellung, Spielfreude, Moral – alles stimmte gegen GC, Aarau war überlegen, nur das Wettkampfglück und dadurch das Resultat (1:2) kippten auf die Seite der Zürcher.

Sechs Tage später in Chiasso ist der FCA aus dem GC-Spiel nicht einmal ansatzweise wiedererkennbar. Lange Anreise, kaum Zuschauer, unattraktiver Gegner, Favoritenrolle – die Reise ins Tessin bedeutete nichts anderes als einen Charaktertest, für den man sich anders als für das GC-Spiel motivieren musste. Fazit aus FCA-Sicht: durchgefallen.

Die Stimme von Patrick Rahmen nach der Partie: 

FCA-Trainer Patrick Rahmen im Videointerview nach der Pleite gegen Chiasso

Zwar beginnt es optimal, schon nach vier Minuten trifft Rossini zum 1:0. Doch schon Schneuwlys 2:0 verläuft entgegen dem Spielverlauf. Wer denkt, Chiassos Anschlusstreffer kurz vor der Pause holt die Aarauer endgültig aus der Lethargie, der wird überrascht. Keine Torchance hat das Rahmen-Team nach dem Seitenwechsel – keine! Gegen die bis dato drittschlechteste Abwehr der Liga, die auch gegen Aarau löchrig wirkt. Auf der anderen Seite erzielt Chiasso weitere drei Treffer, dabei haben die Tessiner bis zum Aarau-Match kein Tor erzielt.

Auf welchen Positionen das FCA-Kader schwächelt

Wie kann es sein, dass sich der FC Aarau in der zweiten Halbzeit nicht wehrt? Der älteste Spieler der Tessiner auf dem Platz ist 26, ihr Durchschnittsalter beträgt 21,1 Jahre. Jenes der Aarauer 26,4 Jahre, mit Neumayr (33), Schneuwly (34), Rossini (31), Zverotic (32) und später Maierhofer (36) sind insgesamt fünf Vertreter der Ü30-Generation auf dem Platz. Doch keiner der Routiniers geht voran, als sich das Unheil anbahnt. In der zweiten Halbzeit überfahren die Kinder die Männer.

«Wir haben es nicht verstanden, uns in der Pause neu zu orientieren», sagt Neumayr. Tiefer blicken lässt der Erklärungsversuch von Abwehrspieler Giuseppe Leo: «Nach dem 2:0 waren wir uns zu sicher, mit Absicht haben wir nicht verloren, aber unbewusst haben wir es wohl zu locker genommen.»

Hier sehen Sie noch einmal die Highlights des Spiels: 

Komplette Highlights.mp4

Apropos Leo und Abwehr: Der Deutsche zieht in Chiasso einen rabenschwarzen Abend ein und steht somit sinnbildlich für die wichtigste Erkenntnis, wenn es um die Qualität des neuen FCA-Kaders geht. Acht Gegentore in vier Saisonspielen sind eines selbst ernannten Favoritenschrecks nicht würdig. Vom Innenverteidiger-Trio Leo, Marco Thaler und Nicolas Schindelholz hat sich bislang keiner als Nachfolger des letztjährigen Abwehrchefs Nicolas Bürgy (zu YB) empfehlen können. Trainer Rahmen und Sportchef Sandro Burki würden gerne noch einen Verteidiger mit Chef-Format verpflichten, nur fehlt das nötige Kleingeld.

Die linke Abwehrseite, in Chiasso zum dritten Mal in dieser Saison von Damir Mehidic besetzt, offenbart sich als weitere Problemzone. Und auch wenn Nicholas Ammeter keine Schuld an den Gegentoren in Chiasso trifft – dass hinter einem so wackligen Defensivverbund ein 18-Jähriger ohne Profi-Erfahrung im Tor steht, hilft ebenfalls nicht.

Für zwei Aarauer verlief der Abend besonders bitter: Mit je einem Tor und einem Assist sorgen Patrick Rossini und Marco Schneuwly für die zwischenzeitliche 2:0-Führung. Doch die Lebenszeichen von Startelf-Rückkehrer Rossini und Sorgenkind Schneuwly interessieren nach den darauffolgenden Geschehnissen keinen mehr.