Es ist ruhig geworden in Paphos. Die europäische Kulturhauptstadt von 2017, ganz im Westen von Zypern, liegt im Winterschlaf. Die antiken Ausgrabungsstätten sind ebenso menschenleer wie der feine Sandstrand. Die Tausenden von Touristen sind abgereist – Fussballtorhüter Joël Mall aber ist noch da.

Im Sommer, nach einer Saison bei Darmstadt mit nur fünf Einsätzen, war bei ihm der Drang nach Spielpraxis gross geworden. Weil es am starken Stammgoalie kein Vorbeikommen gab, strebte der Aargauer einen Wechsel an. Er hätte zu ZSKA Sofia gehen können, entschied sich aber für einen Zweijahresvertrag beim FC Paphos. «Ich liess mich bewusst auf dieses Abenteuer ein und habe bereits viele megacoole Erfahrungen gemacht», sagt Mall.

Trotz der fürchterlichen Hitze, die ohne Klimaanlage nicht zu ertragen gewesen wäre und es erforderlich machte, das Training auf acht Uhr in der Früh anzusetzen. «Ich fühle mich wohl und wohne mit meiner spanischen Freundin in einem Häuschen nur 200 Meter vom Strand entfernt», berichtet Mall. «Isabel und ich geniessen das mediterrane Essen und die fantastischen Sonnenuntergänge.»

 Ein ganz anderes Leben

Auch wenige Tage vor Heiligabend steht Mall auf dem Trainingsplatz, um sich auf das Spiel am Samstag gegen Apollon Limassol vorzubereiten. Dann darf er während dreier Tage in der Schweiz Weihnachten mit der Familie feiern, ehe am zweiten Neujahrstag die nächste Meisterschaftspartie ansteht. «Wir sind schlecht gestartet, haben jetzt aber Tritt gefasst und wollen unbedingt noch in die Finalrunde kommen», sagt Mall.

Und beginnt zu erzählen. «Es ist ein ganz anderes Leben hier.» Ob im Fussball oder privat. «Wenn der Elektriker sagt, er komme gleich, dann kommt er in drei Tagen. Wenn der Abfahrtstermin zum Auswärtsspiel auf 14 Uhr angesetzt ist, erscheint der Chauffeur um 14.30 Uhr.» Die Menschen seien im Kaffeetrinken besser als im Arbeiten, sagt Mall. «Fussballerisch war es ein Schritt ins Ungewisse, unvergleichbar mit der Professionalität bei Darmstadt oder GC. Die enorme Lebenserfahrung und der Schritt komplett raus aus der Komfortzone lässt mich aber auch als Mensch wachsen.»

Mall berichtet von Spielen in einer wilden Liga. Von einem Fussball mit extrem heissblütigen Fans. Die der Mannschaft nach einem schlechten Spiel auf dem Parkplatz auflauern und seiner Freundin Angst machen. Die den Sportchef auf der Tribüne anspucken und derart einschüchtern, dass sich dieser nicht mehr aus dem Stadion hinaustraut. Die nach einem guten Spiel aber freudetrunken aufs Team warten und es mit Pyros feiern. «Manchmal spielen wir vor 700 Zuschauern, dann aber wieder gegen die Topteams in einem ‹brennenden› Stadion voller Emotionen. Die Fans sind crazy», sagt Mall.

Russische Investoren

Der FC Paphos wurde vor anderthalb Jahren von einem Russen gekauft. «Es geht den Investoren hauptsächlich ums Geld, und man merkt, dass die Menschlichkeit und das Gruppengefühl, wie ich es kenne, etwas zu kurz kommen», sagt Mall. Nach drei Spielen schon entliessen sie den Trainerstaff aus Schottland und engagierten einen aus Kroatien.

Das Kader umfasst Spieler aus 17 verschiedenen Nationen. «Der Umgang ist unpersönlich», sagt Mall. Nichts für Fussballromantiker und ganz anders als beim FC Aarau, den er als eine Familie wahrgenommen hatte. Beklagen will er sich indes nicht. Er sagt: «Auch ich bin aufgrund des guten finanziellen Angebots hierhergekommen. Ich bin mir bewusst, was für ein privilegiertes Leben wir Fussballer geniessen.»

Mall hat selber schon Bekanntschaft mit den ungeduldigen Klubbesitzern gemacht. Einmal sei einer der Russen zu ihm gekommen und habe gesagt: «Du musst die Bälle halten.» Er, Mall, habe geantwortet: Ja, klar. Der Russe habe gesagt: «Nein, du musst die Bälle halten.»

Herzensklub FC Aarau

Insgesamt laufe es ihm aber gut, sagt Mall. «Das Wichtigste ist, dass ich Spielpraxis habe. Mein Ehrgeiz ist trotz der komplett neuen Situation gleich gross wie seit Beginn meiner Karriere. Ich arbeite hart dafür, jeden Tag besser zu werden.» Und bei allen Mängeln betreffend eines professionellen Umfelds: Zyperns Fussball sei ja auch nicht schlecht. Wie wahr: Der FC Basel hat in dieser Saison gegen Apollon Limassol verloren, der FC Zürich gegen Larnaca.

Apropos Schweiz: Mall verfolgt genau, was bei seinem Herzensklub FC Aarau passiert. Sein Freund Olivier Jäckle, Mittelfeldspieler im Brügglifeld, hält ihn auf dem Laufenden. So abenteuerlich Zypern auch sein mag: Sollte Sportchef Sandro Burki eines Tages anrufen und sagen: Joël, wir brauchen dich – Malls Koffer wäre schnell gepackt.