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Dramatik nicht nur auf der Ringermatte: Der unglaubliche Fall Magomed Aischkanow

Darf der Russe Magomed Aischkanow mittun oder nicht?

Darf der Russe Magomed Aischkanow mittun oder nicht?

Die Schweizer Mannschaftsmeisterschaft im Ringen steht wieder einmal vor dem Traumfinal Willisau – Freiamt. Wenn die beiden Erzrivalen aufeinandertreffen, ist Dramatik auf der Ringermatte mit proppenvoller Halle programmiert. Seit Jahren spielt auch die Verbandspolitik hinein, in diesem Jahr mehr denn je.

Seit Jahrzehnten rivalisieren sich die Ringerhochburgen Freiamt und Willisau. In den letzten 30 Jahren heimste Rekordmeister Willisau 13 NLA-Titel ein, Freiamt deren 7. Die Aargauer gewannen letztmals 2014, als sie dem souveränen Qualifikationssieger Willisau im Halbfinal eine empfindliche Niederlage zufügten. Zwar folgte darauf die Revanche der Luzerner mit dem Gewinn der Meisterschaft. Seither hadert der erfolgshungrige Verein aber mit dem Schicksal.

2016 verwies Freiamt die Willisauer auf Rang vier, in den letzten zwei Jahren verlor der Rekordmeister jeweils den Final. Im Vorjahr fügte Freiamt dem Erzrivalen mit einem Protest Schaden zu. Greco-Schwergewichtsringer Delian Alishahi aus Bulgarien hatte gegen das Reglement verstossen und durfte nicht eingesetzt werden. Auch deshalb verlor Willisau zum zweiten Mal in Folge einen Final gegen Kriessern.

Ausgerechnet jetzt, da sich die Freiämter Ringer erstmals seit fünf Jahren für den prestigeträchtigen Final qualifizierten, droht das Pendel zurückzuschlagen. Magomed Aischkanow, die russische Verstärkung bei den Aargauern, konnte während Monaten nicht aus seiner Heimat zurückkehren.

Erst als sich diese Zeitung bei den Behörden nach den Gründen erkundigte, kam Bewegung in den Fall. Für den Halbfinal reichte es nicht mehr. Seit Montagabend ist der tschetschenische Freistil-Spitzenringer zurück in der Schweiz. Am Donnerstag trainierte er wieder mit Freiamt. Doch sein Finaleinsatz ist ungewiss.

Ein Gremium befasst sich mit der Causa Aischkanow

Die Swiss Wrestling Federation als Dachverband tut sich schwer mit der Lizenzierung. Im Vorjahr hatte Aischkanow die Lizenz noch anstandslos erhalten, obwohl er seit 2016 lediglich als Asylbewerber in der Schweiz wohnhaft war. Das Reglement verlangt für Ausländer einen zweijährigen ununterbrochenen Wohnsitz in der Schweiz, damit sie in der Mannschaftsmeisterschaft eingesetzt werden dürfen.

Lizenzchef Jürg Lüscher erklärte dieser Zeitung am Dienstag, dass er Aischkanow die Lizenz verlängere, wenn die Ringerstaffel Freiamt ein Dokument vorlege, das die Aufenthaltsbewilligung und die erste Einreise Aischkanows im Jahre 2016 belege. Das Aargauer Migrationsamt erstellte ein solches Schreiben, das Freiamt am Mittwoch dem Lizenzchef zustellte.

Doch Lüscher genügte dies nicht. Er verlangte zusätzlich einen Beleg des offiziellen Wohnsitzes von Aischkanow in der Schweiz, weil dieser 2019 nach dem Tod seines Vaters während elf Monaten in Russland war. Das verlangte Zusatzpapier lieferten die Freiämter Ringer am Freitagmorgen. Inzwischen befasst sich beim nationalen Verband ein Gremium mit dem Fall Aischkanow. Gut möglich, dass sich erst beim Abwägen klärt, ob Freiamt den Russen einsetzen darf.

Die mögliche Aufstellung (vgl. Kasten) zeigt, wie wichtig der Einsatz von Aischkanow für Freiamt ist. Durch den verletzungsbedingten Ausfall von EM-Bronze-Ringer Randy Vock sind die Aargauer im Final noch krasserer Aussenseiter. Nur mit dem Russen können die Gastgeber den Finalhinkampf heute Samstagabend in der Bachmattenhalle Muri (Beginn: 19 Uhr) bei gutem Kampfverlauf offenhalten.

Ohne Aischkanow sinkt die Siegchance gegen null Prozent. Zwar dürfte er auf WM-Bronze-Gewinner Stefan Reichmuth treffen. Aber nur schon eine Punktniederlage wäre eine massive Schadensbegrenzung. Wenn Freiamt stattdessen bis 97 kg Freistil den Schwinger Jeremy Vollenweider einsetzen muss, ist eine vorzeitige Niederlage ohne Mannschaftspunkte programmiert.

Freiamt zittert also vor dem Verbandsentscheid. Aber auch bei Willisau ist die Nervosität gross. Oft schon versalzten die Aargauer den Luzernern die Suppe. Spielt gar Verbandspräsident Werner Bossert, ein ehemaliger Willisauer Klubpräsident, im Fall Aischkanow das Zünglein an der Waage?

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