Inlinehockey

Die unbeirrbaren Exotinnen aus Rothrist

Eine Einheit - Die Inlinehockey-Damenmannschaft aus Rothrist

Eine Einheit - Die Inlinehockey-Damenmannschaft aus Rothrist

Inlinehockey ist eine reine Männersache – könnte man meinen. Ein Einblick in die Welt des einzigen Deutschschweizer Damenteams und deren Spielführerin Corinne Treier.

Ein angenehmer Sommerabend in Rothrist. Während die letzten Sonnenstrahlen am Horizont verschwinden, erwacht das grelle Flutflicht im Dorfkern. Langsam erstreckt es sich über die gesamte „Dörfli-Arena“. Ein Inlinehockeyfeld wie aus dem Bilderbuch: Rauer Betonboden, zwei knallrote Hockey-Tore und das Ganze unter freiem Himmel.

Am einen Ende der Arena genehmigt eine vom Wetter gezeichnete Tribüne einen freien Blick auf das Spielgeschehen.

Rund 70 Personen finden darauf Platz. Entlang des Feldes erstrecken sich die beiden Spielerbänke, die in einem grosszügigen Metallbau Unterschlupf finden. Dahinter ein rustikaler Kiosk mit Kultstatus. Während man dem nostalgischen Charme erliegt, findet sich ein vollausgerüstetes Inlinehockeyteam in der Spielfeldmitte ein. Es handelt sich um die Damenmannschaft des Inlinehockeyklub Rothrists.

Die jubelnden Exotinnen aus Rothrist

Die jubelnden Exotinnen aus Rothrist

Nur acht Mannschaften sorgen in der gesamten Inlinehockey-Schweiz dafür, dass der noch junge Sport nicht als reine Männerdomäne angesehen wird. Es gibt nur eine Damen-Liga, deshalb spielt man als Inlinehockeyanerin automatisch in der eindrucksvoll klingenden NLA. Rothrist stellt sowohl die einzige erstklassige Frauen- wie auch Männer-Equipe aus dem Aargau.

Das Bieler Seeland und der Jura gehören zu den Inlinehockey-Mekkas und füllen die Plätze der NLA praktisch im Alleingang. Für Rothrist kein Problem. Seit mehreren Jahren behaupten sie sich als Deutschschweizer Exote. Seit 1997 existiert im Aargauer Dörfchen die Möglichkeit, den Inlinehockeysport zu betreiben. Sieben Jahre später wurde die Damenmannschaft ins Leben gerufen.

Motivierende Kampfrufe findet man auch bei den Damen vor

Motivierende Kampfrufe findet man auch bei den Damen vor

Auch ohne Skates eine Leaderin

Eine der Führungsspielerinnen dieser Mannschaft ist Corinne Treier. Seit vier Jahren ist sie Kapitänin und hat bereits über zehn Spielzeiten mitgemacht und geprägt. An diesem Abend beobachtet sie die Trainingseinheit aber nur von aussen. Die 30-Jährige setzt diese Saison aus, denn sie ist in freudiger Erwartung. Für Inlinehockey-Nachwuchs sei gesorgt, versichert sie mit einem zwinkerten Auge. Die Trainings besucht sie während dieser Zeit selten, an den Spielen ist Treier gleichwohl dabei. "Ich versuche meine Mannschaft zu unterstützen und gebe Ihnen Tipps von ausserhalb."

Das Repertoire Treiers kann sich sehen lassen. Neben dem Engagement im Inlinehockey, schaut sie auf 12 Eishockey-Saisons zurück. Im Winter auf den Kufen und im Sommer auf den Skates. Inlinehockey sei eine beliebte Variante die lästige Sommerpause spielerisch zu überbrücken. Denn ursprünglich kommen die meisten - so auch Treier - aus den Eishallen in die unscheinbare Inlinehockey-Welt. "Irgendwann wird einem die Doppelbelastung allerdings zu viel, da sich die beiden Meisterschaftskalender auch überschneiden können." So kommt es früher oder später zur unangenehmen Entscheidung: Welchen Sport hängt man an den Nagel?

Respekt als wichtigste Tugend

"Die olympische Bronzemedaille der Damen-Eishockey-Nationalmannschaft spielte der Nachwuchsgenerierung des Inlinehockeys nicht gerade in die Karten", bilanziert Treier. Trotzdem, der Aargauer Klub investiert einiges in eine nachhaltige Nachwuchsförderung. Zusammen mit Zofingen gründete man die Jungendabteilung Wiggertal United. Somit sei ein nahtloser Durchlauf von den Kleinsten bis in die NLA gewährleistet. Davon profitieren auch die Mädchen, die bereits in jungen Jahren in den Knaben-Mannschaften integriert werden. "Sie lernen mit den Jungs umzugehen, profitieren spielerisch voneinander und vor allem wird dem Nachwuchs der gegenseitige Respekt gelehrt“, erklärt die arrivierte Kapitänin. Weil es keine reinen weiblichen Nachwuchsmannschaften gibt, weitet sich die Altersschere in der Rothrister Damenauswahl stetig aus. Mit 14 Jahren werden Zukunftshoffnungen im NLA-Team aufgenommen, da die physischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern markanter werden. Bis zu 16 Jahre liegen deshalb zwischen den jungen Wilden und den routinierten Damen. Akzeptanz-Probleme gibt es nicht.

Kampf gegen Stereotype

Gegenwärtig spürt auch die Mannschaft um Corinne Treier, dass sie innerhalb des Klubs vollständig respektiert wird. Sowohl der interne Nachwuchs als auch die Herren-Teams fiebern an den Heimspielen regelmässig mit. Doch das war nicht immer so. Zu Beginn sei man oftmals belächelt worden. Es waren die anfänglich nicht einfachen Jahre der Etablierung in der jungen Damen-Liga. Haushohe Niederlagen schürten die geringschätzigen Kommentare der Skeptiker. Dieser ständige Kampf gegen Stereotype fordert auch mental einiges ab. Das Wichtigste war deshalb stets die Erhaltung der Leidenschaft für den Inlinehockeysport und die Gleichgültigkeit gegenüber missbilligenden Meinungen Anderer.

Auch Pia Odermatt, seit über fünf Jahren Rothrist-Akteurin, hat ihre Vorurteilserfahrungen gemacht: "Wenn ich erzähle, dass ich Inlinehockey spiele, ernte ich Rückmeldungen wie "Das ist doch ein Männersport" oder es wird behauptet, dass der Sport für Frauen zu hart sei“. Es sind Behauptungen, die sie und ihre Teamkameradinnen kalt lassen. Jede Frau könne Inlinehockey betreiben. Oftmals wird Pia Odermatt aber auch für ihr unkonventionelles Hobby bewundert. Einer dieser Momente, der sie mit Stolz erfüllt. Aber auch ein Moment, wo man sich vielleicht doch ein bisschen mehr Anerkennung wünschen würde.

Beachtung wird geschätzt

Dank diverser Beziehungen erscheinen immerhin die Matchberichte der Rothrister Herren-Teams regelmässig in einer regionalen Zeitung. Die Frauen finden darin zumeist keinen Platz. Auch damit muss Treier, Odermatt und Co. leben. Trotzdem hat man an diesem Abend zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass die Inlinehockeyanerin nach Aufmerksamkeit lechzen würden. Vielmehr freuen sie sich ab jedem Interesse an ihrer spärlich belichteten Inlinehockey-Welt. Man kann dennoch nur mutmassen, was es alles braucht, damit sich speziell der Fraueninlinehockey-Sport in unsere ach so weltoffene Sport-Gesellschaft verankert. Neben zahlungswilligen Sponsoren, weitreichenden Kontakten und medialem Interesse braucht es vor allem aufmerksamkeitsfördernde Erfolge. Dies gelang den Aargauerinnen zuletzt vor fünf Jahren, als man erstmals die Meisterschaft gewann. Im Moment liegt man auf dem vierten Platz und hat die Playoffs klar im Visier. Die Ziele werden bescheiden formuliert. Wie praktisch in allen Bereichen. Doch das heisst nicht, dass die Damen aus Rothrist nur eine Statistenrolle einnehmen wollen. Nein, auch in ihrer 10. Saison wollen die Aargauerinnen ihre Inlineskates möglichst lange schnüren dürfen. Und wer weiss, vielleicht verliert ja bald der eine oder andere gar ein Wort über die unbeirrbaren Exotinnen.

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