Regionalfussball

«Die Spieler zeigen mehr Respekt» – sollen Schiedsrichterinnen gezielt brisante Spiele pfeifen?

Der Einsatz von Schiedsrichterinnen könnte ein Ansatz sein, um bei heissen Partien mögliche Eskalationen zu vermeiden.

Schiedsrichter in einer Amateurliga sind nicht zu beneiden. Fehlender Respekt und dumme Sprüche sind keine Seltenheit auf Plätzen abseits der grossen Bühnen. Eine mögliche Lösung, um bei heissen Duellen das Feuer zu entkräften, könnte der gezielte Einsatz von Spielleiterinnen sein.

Spieler verfolgen in Möhlin nach der Partie den Schiedsrichter, das Video macht in der ganzen Fussball-Schweiz die Runde. Nur einen Monat später: Würenlingen, ein aufgebrachter Fussballer wirft nach der Partie einen Stein in Richtung des Spielleiters. Zwei Vorfälle in kurzer Zeit, die nicht zu akzeptieren sind. 

Klar, solche Geschehnisse sind nicht Alltag in den unteren Schweizer Ligen. Allerdings ist es allgemein bekannt, dass Schiedsrichter auf Amateur-Stufe weniger respektiert werden, als bei den Profis. Ständige Diskussionen seitens der Spieler sowie kritische Bemerkungen vom Spielfeldrand sind keine Seltenheit.

«Ab und zu versuchen sie, mich mit ihrem Charme zu beeinflussen»

Auf der anderen Seite haben sich die Offiziellen daran gewöhnt, dass der Umgangston in den unteren Ligen ein bisschen rauer ist. «Dumme Kommentare gehören einfach zum Spiel, mit der Erfahrung lernt man damit umzugehen», bestätigt der Aargauer Schiedsrichter Venancius Antony. 

Venancius Antony (rechts) ist seit 11 Jahren beim AFV aktiv.

Venancius Antony (rechts) ist seit 11 Jahren beim AFV aktiv.

Etwas anders nimmt dies seine weibliche Schiri-Kollegin Antonija Pajtak wahr: «Ich merke schon einen Unterschied zu meinen männlichen Kollegen. Die Spieler zeigen mehr Respekt. Ab und zu versuchen sie, mich mit ihrem Charme zu beeinflussen. Solche Situationen finde ich lustig», erklärt die Schiedsrichterin.

Antonija Pajtak ist seit dieser Saison für den AFV aktiv.

Antonija Pajtak ist seit dieser Saison für den AFV aktiv.

Die 27-Jährige war früher bereits im Männerfussball in den höheren kroatischen Ligen aktiv. Seit dieser Saison als Spielleiterin in der 2. Liga beim AFV tätig und gehört der Talentgruppe des Aargauischer Fussballverbandes sowie der Frauen-Talentgruppe des Schweizerischen Fussballverbandes an. 

«Ich musste mehr geben, um akzeptiert zu werden»

Trotz der Erfahrung verläuft bei ihr auch nicht immer alles reibungslos. Bemerkungen von Beteiligten, die gegenüber einer Schiedsrichterin grundsätzlich negativ eingestellt sind, registriert sie nach wie vor: «Leider denken viele Leute immer noch, dass Frauen keinen Platz im Fussball haben, aber sie unterschätzen uns.»

Solche Erlebnisse hätten sie immer stärker und selbstbewusster gemacht. «Im Vergleich zu den Männern musste ich immer mehr geben, mehr lernen, mehr trainieren, um akzeptiert zu werden.»

Dass Schiedsrichterinnen gewissen Vorurteilen ausgesetzt sind, konnte auch Schiedsrichter Antony schon beobachten. Er glaubt nicht daran, dass Frauen grundsätzlich mehr Respekt erhalten.

Viel eher sei die Qualität im Durchschnitt höher als bei den Männern. «Die Schiedsrichterinnen müssen sich den Respekt im Spiel mit einer guten Leistung erarbeiten», so der 26-jährige Spielleiter, der bereits seit 11 Jahren für den AFV aktiv ist. «Ich habe das Gefühl, dass die Frauen besser mit Kritik umgehen können, weil sie oft schon bei den Junioren mit gewissen Vorurteilen zu kämpfen haben.»

Dies führe dazu, dass die Frauen schon in jungen Jahren eine starke Persönlichkeit entwickeln müssen, um weiterzukommen. «Es gibt zwar nicht viele Schiedsrichterinnen, die beim AFV aktiv sind, allerdings ist die Qualität bei ihnen sehr hoch.»

«Es zählt die Leistung»

Natürlich wäre es utopisches Szenario, dass man nun nur noch Schiedsrichterinnen auf den Platz schickt, um damit einen respektvolleren Umgang zu generieren. Und dennoch könnte es ein Ansatz sein, um bei brisanten Partien mögliche Eskalationen zu vermeiden. 

«Wir sind zu Neutralität verpflichtet, grundsätzlich zählt bei uns die Leistung», so AFV-Geschäftsführer Hannes Hurter. Allerdings findet er den Ansatz spannend. Falls man in Zukunft öfters feststellt, dass die Partien mit einer Spielleiterin ruhiger verlaufen würden, dann wäre es bestimmt ein mögliches Szenario bei riskanten Spielen auf Frauen zu setzen, betont Hurter.

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