Wenn heute Abend im Stadion Brügglifeld der FC Aarau auf Servette trifft, steht von den 22 Spielern einer besonders im Fokus: Varol Tasar. Zwei Wochen ist es her, seit sein Wechsel zu den Genfern offiziell wurde.

Der Aarauer Topskorer (sechs Tore, sechs Vorlagen) steht nun auf der Lohnliste des Ligakonkurrenten, wird aber die Saison im FCA-Trikot beenden. Eine heikle Konstellation, weil die Genfer trotz zwölf Punkten Vorsprung den FC Aarau als härtesten Konkurrenten um den Aufstieg bezeichnen.

Grund genug, sich genauer mit dem Menschen und Fussballer Varol Tasar zu beschäftigen. Obwohl erst 22-jährig und noch am Anfang seiner Profi-Laufbahn, hat der Deutsch-Türke schon mehr erlebt als manch anderer Spieler in einer ganzen Karriere. Wir treffen Tasar einige Tage vor dem Servette-Spiel, setzen uns auf die Spielerbank im Stadion Brügglifeld, und er erzählt seine Lebensgeschichte.

Kindheit und Jugend – kein Geld für den FC Basel

«Ich bin der Jüngste von vier Geschwistern, meine Schwestern sind sieben und acht Jahre, mein Bruder zehn Jahre älter. Als Nachzügler wurde ich sehr verwöhnt, was für meine Geschwister nicht immer einfach zu ertragen war.

Als Erster unserer Familie kam mein Opa aus der Türkei nach Waldshut, ein kleines Städtchen in Deutschland nahe der Grenze zur Schweiz. Er baute einige Geschäfte auf, die gut liefen. Später sind meine Eltern nachgekommen.

Sie sind bis heute in der gleichen Wohnung. Ich bin erst im vergangenen Dezember ausgezogen und wohne nun mit meiner Freundin in Bad Zurzach. 1995, ein Jahr vor meiner Geburt, starb mein Opa.

Mein Onkel hat alle Geschäfte übernommen, ohne mit meinem Vater zu teilen. Seither arbeitet er als Lieferfahrer, meine Mutter hat sich um uns Kinder und den Haushalt gekümmert. Finanziell ging es uns nie gut, wir vier Geschwister mussten uns zwei kleine Zimmer teilen. Aber zu essen gab es immer genug.

Essen, das ist das Letzte, das uns Türken ausgeht. Anfangs brachte ich als Schüler gute Noten heim, doch irgendwann hat mich nur noch Fussball interessiert und ich schaffte knapp den Realschulabschluss.

Mit neun Jahren ging ich zu einem Probetraining beim FC Basel. Sie wollten mich sofort holen, aber es klappte nicht: Der Jahresbeitrag betrug 1500 Franken, das konnte mein Vater nicht bezahlen, so viel hat er in einem Monat verdient.

Also blieb ich beim FC Laufenburg und wechselte erst später zu Old Boys Basel. Aber nur unter der Bedingung, dass sie die 700 Franken Jahresbeitrag übernehmen. Mit 18 bekam ich einen Amateur-Vertrag, der Lohn reichte gerade mal fürs Zug-Abo. Trotzdem habe ich mich entschieden, keine Ausbildung zu beginnen.

Ich wusste, dass ich gut genug bin für eine Profikarriere. Zum Einsatz kam ich bei OB zwar nur selten, doch einmal gelangen mir in einem Spiel zwei Tore. Auf dem Weg zurück in die Kabine sprach mich ein Türke an.»

Der Blitzwechsel in die Türkei – ein Reinfall

Tasar zieht den Pullover aus und erzählt weiter: «Er stellte sich als Spielerberater vor und sagte, er könne mich in die Türkei bringen. Ich war jung und naiv und glaubte ihm alles. Drei Tage später, es war Sommer 2015, sassen wir im Flugzeug nach Izmir.

Nach der Landung und zwei Stunden Autofahrt kamen wir auf dem Klubgelände von Aydinspor an, einem Zweitligisten mit grossem Namen in der Türkei. Trainingsplätze, Stadion, Klubgelände – alles super.

Die Klubverantwortlichen schmierten mir Honig ums Maul. Ich flog nach Hause zurück, verabschiedete mich von meiner Familie und den Freunden und war zwei Tage später wieder in Aydin. Es ging direkt ins Trainingslager, in dem ich keinen Ball gesehen habe. Laufen, Frühstück, Laufen, Mittagessen, Kraftraum – sieben Tage lang.

Doch es wurde noch schlimmer: Statt mir wie versprochen einen Vertrag zu geben, vertröstete mich der Sportchef. Nach dem Trainingslager wusste ich nicht, wohin. Ich hatte kein Geld. Ich rief meinen Berater an, aber der war nicht mehr erreichbar, einfach weg.

Der aktuelle FCA-Talk zum Thema:

FCA-Talk: «Servette hat beim Tasar-Transfer versagt, der FC Aarau ist der grosse Gewinner»

«Servette hat beim Tasar-Transfer versagt, der FC Aarau ist der grosse Gewinner»

  

Zum Glück wohnten Verwandte meiner Mutter in der Nähe. Sie nahmen mich auf und gaben mir 5000 Lira, etwa 1500 Franken. Das reichte für ein paar Wochen. Erst einige Tage vor dem ersten Meisterschaftsspiel bekam ich endlich einen Vertrag.

Als Jahreslohn standen 60 000 Franken drin. Ich dachte, jetzt wird alles gut. Aber falsch gedacht: Ausser ein paar tausend Franken Handgeld für die Unterschrift habe ich nie einen Rappen bekommen. Der Präsident kündigte mich in der Zeitung als neuen Superstar an. Doch als ich vor dem ersten Spiel auf die Spielerliste schaute, war mein Name nicht drauf.

Das ging einige Wochen so weiter, bis ich ins Trainerbüro ging und nach den Gründen fragte. Erst sagte er, ich hätte schlecht trainiert. Dann gab er zu, dass der Präsident ihm befohlen habe, mich draussen zu lassen. Also ging ich zum Präsidenten. Der sagte nur: ‹Im ersten Pokalspiel bist du dabei.›

Das fand in Mersin statt, wo viele meiner Verwandten wohnen. Sie kamen alle ins Stadion – vergeblich. Wieder war ich nicht im Aufgebot. Ich ging zum Teammanager und sagte, ich wolle meinen Vertrag auflösen. Seine Antwort war: Bring 100 000 Franken, dann kannst du gehen.

Ich war verzweifelt: Woher das Geld nehmen? Ich habe ja nie Lohn bekommen. Erst der Sportchef hatte ein Einsehen und löste meinen Vertrag auf. Ich nahm das erste Flugzeug nach Basel. Kaum zurück, rief der verschwundene Berater an und sagte, er habe einen anderen Verein in der Türkei für mich.

Ich sagte, dass ich nie wieder etwas von ihm hören wolle.» Im vergangenen Herbst, als Tasar zum FCA-Topskorer avancierte, versuchte es der dubiose Berater noch einmal.

So glücklich wie auf diesem Bild war Tasar in der Türkei nicht.

So glücklich wie auf diesem Bild war Tasar in der Türkei nicht.

In Klingnau kehrt die Freude am Fussball zurück

«Zwei Wochen lang habe ich mich in mein Zimmer verkrochen. Ich hatte die Schnauze voll vom Fussball. Im Januar 2016 fragte ein Kollege, ob ich Lust hätte, beim FC Klingnau ein Probetraining zu machen. Ich ging hin, aber nur, weil mir langweilig war. Der Trainer hiess Radi Schibli.

Er war Ottmar Hitzfelds Assistent in Aarau und witzelte: ‹Ohne mich hätte der Ottmar in Aarau keinen Erfolg gehabt.› Radi ist ein herzensguter Mensch, wegen ihm bin ich geblieben. Aber wir sind halt unterschiedlich und ich ärgerte mich oft, als er mich draussen liess.

Im Mai standen wir im Cupfinal, ich sass wieder nur auf der Bank. Erst war ich sauer, nach der Einwechslung aber sehr motiviert. Ich erinnere mich genau: Pass von rechts in den Strafraum, ich nehme den Ball an und treffe in der letzten Minute zum 2:1 gegen Eagles Aarau. Der Cupsieg mit Klingnau war mein erstes Erfolgserlebnis im Fussball, in dem Moment waren alle Enttäuschungen aus der Türkei abgehakt.

Ich hatte wieder Lust auf Fussball. Der Präsident bot an, mir eine Lehrstelle als Bürokaufmann zu besorgen, wenn ich in Klingnau bleibe. Mein Vater sagte, ich solle das annehmen. Doch dann rief mich Sascha Stauch an, der damals Leiter beim Team Aargau war. Er wohnt im Nachbardorf von Waldshut, wir trafen uns und er überzeugte mich, nach Aarau zu kommen. Mein Vater sagte, egal was ich tue, er unterstütze mich.»

Cupfinal mit Klingnau im Frühling 2016 – Matchwinner Varol Tasar.

Cupfinal mit Klingnau im Frühling 2016 – Matchwinner Varol Tasar.

Neuanfang und Durchbruch beim FC Aarau

Tasar gefällt es auf Anhieb in Aarau: «Obwohl ich keinen Vertrag hatte und offiziell ein U21-Spieler war, durfte ich gleich am ersten Spieltag der Saison 2016/17 mit den Profis mit. Zwei Minuten vor Schluss wurde ich eingewechselt, ich berührte nur ein Mal den Ball, aber ich war überglücklich: endlich der erste Profieinsatz.

Den Rest der Saison spielte ich in der U21 und wurde Torschützenkönig. Raimondo Ponte gab mir dann zwar einen Profivertrag, doch überzeugt war er nicht von mir, das merkte ich. Ich verdiente kaum etwas. Erst als Sandro Burki Sportchef wurde, spürte ich Wertschätzung. Kurz darauf spielte ich gegen Xamax erstmals von Anfang an, wir gewannen 2:0, ich schoss ein Tor.

Auch eine Woche später in Wil traf ich. Da rief mich Burki in sein Büro, verlängerte meinen Vertrag und schrieb einen Lohn rein, von dem man leben kann. Da wusste ich: Jetzt stehen mir alle Türen offen.

In dieser Zeit bin ich oft mit Gianluca Frontino ins Training gefahren, er sagte mir: ‹Varol, ich habe zu wenig aus meinem Talent gemacht. Mach es besser als ich, du hast das Zeug für eine grosse Karriere!› Im Frühling 2018 schoss ich fünf Tore. Das war der Durchbruch.»

Der Transfer zu Servette und die falschen Freunde

Ab sofort war Tasar in der Schweiz ein begehrter Mann: «Im Sommer 2018 machte mir der FC Lugano ein Angebot. Ich wollte gehen, aber nach Absprache mit dem FC Aarau war es die richtige Entscheidung, zu bleiben.

Im vergangenen Herbst lief es uns nach dem schlechten Start immer besser, auch mir persönlich. Im Winter bekam ich wieder einige Angebote, darunter das von Servette. Ich entschied, abzuwarten. Der FC Aarau wollte mich natürlich halten.

Ich aber wollte unbedingt in die Super League. Servette ist auf einem guten Weg und sie machten mir das beste Angebot. Auch finanziell, daraus mache ich kein Geheimnis. Mir war zudem wichtig, dass der FC Aarau gut wegkommt, auch deshalb ist es Servette geworden. Ich bin nun der Bestverdiener in der Familie und kann meinen Eltern helfen.

Dieses Gefühl ist schöner, als ein Tor zu erzielen. Irgendwann möchte ich ihnen ein Haus in der Türkei bauen. Für mich gibt es nur sie, meine Geschwister und meine Freundin. Schon als ich vor vier Jahren in die Türkei wechselte, schrieb mir ein Typ, er sei mein Cousin.

Dabei habe ich den noch nie gesehen. Das Gleiche, als der Transfer zu Servette bekannt wurde. Plötzlich haben meine Bilder auf Facebook wieder tausend ‹Likes›. Man sagt ja, unter Türken halte man in guten und schlechten Zeiten zusammen. Ich kann das nicht bestätigen. Als es mir schlecht lief, meldete sich niemand. Egal – ich freue mich nun auf Servette, auf eine neue Sprache und auf die neue Stadt.

Meine Freundin ist noch in der Lehre und kann leider noch nicht kommen. Nebenbei möchte ich dort eine Ausbildung beginnen, um eine Sicherheit zu haben. Denn wenn ich eines gelernt habe: Im Fussball kann es genauso schnell runter wie hoch gehen. Wer weiss, vielleicht kicke ich in zwei Jahren wieder in Klingnau. Aber ich träume davon, in fünf Jahren in der Bundesliga zu spielen.»

Das Spiel gegen die eigene Zukunft

Gegen Ende des Gesprächs will Tasar unbedingt etwas loswerden: «Natürlich ist der Match gegen Servette speziell für mich. Aber ich kann alle beruhigen: Mit dem Kopf und mit dem Herz bin ich voll und ganz beim FC Aarau.

Es war nie ein Thema für mich, nicht zu spielen. Dank dem Verein und meinen Mitspielern war der Transfer zu Servette überhaupt erst möglich. Es wäre unfair gegenüber ihnen, sollte ich mir in den restlichen Spielen keine Mühe geben.

Wir haben uns alle zusammen ein Ziel gesetzt, das wollen wir erreichen. Mein Traum ist es, dass Ende Saison Aarau und Servette aufsteigen. Ich will mich im Guten verabschieden, denn man sieht sich immer zwei Mal im Leben.»