Dario Ferrante sprintet von der Platte. Eben noch wurde er als bester Spieler seiner Mannschaft ausgezeichnet, jetzt geht es mit langen Schritten hinauf in die Zuschauerränge, wo er eine ältere Frau herzt und mit Küsschen auf die Backen eindeckt. «Meine Grossmutter kommt sehr selten zu den Spielen, früher war sie öfter dabei, aber mittlerweile ist es ihr etwas zu viel. Deshalb habe ich mich unglaublich gefreut, dass sie heute da war», sagt der 24-Jährige.

Umso mehr hätte sich Ferrante gefreut, wenn er sein Team unter den Augen seiner Grossmutter hätte zum Sieg führen können. Doch das gelang nicht. Der einzige Aargauer NLA-Klub wartet auch nach dem zweiten Heimspiel weiterhin auf den ersten Saisonsieg im Aarauer Schachen. Gegen den BSV Bern Muri resultiert vor 674 Zuschauern eine knappe 22:24-Niederlage.

Ferrante, der zu Beginn der Partie noch auf der Bank gesessen hatte, leistete einen nicht unwesentlichen Beitrag dazu, dass das Resultat in der Endabrechnung überhaupt noch einmal so eng werden konnte. Trainer Misha Kaufmann wechselte ihn kurz vor Ablauf der Startviertelstunde für Dragan Marjanac ein.

Marjanac mit schwachem Auftritt

Der 33-jährige Serbe war im vergangenen Sommer vom BSV Bern Muri zum HSC gestossen – und zog gestern ausgerechnet gegen seinen ehemaligen Klub einen schwächeren Auftritt ein (Abwehrquote: 9 Prozent). Ferrante hingegen vermochte auf der ganzen Linie zu überzeugen und stahl dem Routinier die Show. 14 Paraden und eine Abwehrquote von 52 Prozent sprechen eine deutliche Sprache.

Umso bitterer, dass es trotzdem nicht zum Sieg reichte. Entsprechend konnte sich Ferrante nach der Schlusssirene nicht über seine Parforceleistung freuen: «Die Enttäuschung überwiegt deutlich. Zumal ich kurz vor Schluss die Chance gehabt hätte, mit einem parierten Siebenmeter den Ausgleich noch zu ermöglichen», sagt er.

Von der Nummer 1 auf die Bank

Für Ferrante hat sich die Situation beim HSC in den vergangenen Monaten stark verändert. War er nach dem Abgang von Mihailo Radovanovic nach der Hauptrunde der Saison 2017/18 noch die klare Nummer 1 gewesen, so muss er in der laufenden Saison in erster Linie mit dem Platz auf der Bank vorliebnehmen. «Die zweite Hälfte der vergangenen Saison war super für mich. Die viele Spielzeit hat mich sehr viel weiter gebracht», sagt Ferrante, um aber sogleich anzufügen: «Mit den hohen Zielen, die wir uns setzen, ist klar, dass wir zwei starke Torhüter brauchen.»

Ferrante akzeptiert seine aktuelle Rolle als Nummer 2 und entwickelt sich im Schatten Marjanacs weiter. «Ich kann sehr viel von Dragan profitieren und Fortschritte machen. Sportlich wie auch menschlich ist er ein super Typ», sagt er. «Die Nummer 2 zu sein, das ist für mich eine neue Rolle, die ich annehme und möglichst gut auszufüllen versuche.»

Ein Zeichen gesetzt

Ferrante hat an sich selber sowieso den Anspruch, beide Rollen erfüllen zu können: Sowohl diejenige der Nummer 1 auf der Platte als auch diejenige der Nummer 2 auf der Bank. «Ich unterstütze Dragan während der Partie, wo ich kann. Gleichzeitig bin ich jederzeit bereit, um eingesetzt zu werden.»

Eben so wie in der gestrigen Partie gegen den BSV Bern Muri. Unmittelbar nach seiner Einwechslung beim Stand von 5:9 parierte Ferrante gleich den ersten Wurf auf seinen Kasten. Und weil er dieser ersten noch 13 weitere Paraden folgen liess, stahl er der Nummer 1 Marjanac die Show.

Der krönende Abschluss in Form eines Sieges blieb Ferrante als starke Nummer 2 zwar verwehrt, dennoch hat er bei der 22:24-Niederlage ein Zeichen gesetzt.