Schwingen
Die Nordwestschwinger stecken in der Krise

Vor dem eigenen Verbandsfest in Döttingen ziehen dunkle Wolken über dem Nordwestschweizer Schwinger-Himmel auf. Schwinger und Funktionäre üben sich in gegenseitiger Schuldzuweisung. Einig ist man sich darin, dass etwas geschehen muss.

Wolfgang Rytz
Merken
Drucken
Teilen
Christoph Bieri (rechts, im Kampf gegen Martin Grab) konnte in dieser Saison noch nicht überzeugen.

Christoph Bieri (rechts, im Kampf gegen Martin Grab) konnte in dieser Saison noch nicht überzeugen.

Keystone

2011 gewann Bruno Gisler die inoffizielle Jahreswertung im Schwingen. Doch in diesem Jahr hinkt die gesamte Nordwestschweizer Spitze der nationalen Elite hinterher. Mit Ausnahme des formidablen Auftrittes von Christoph Bieri am Aargauer Kantonalfest in Aristau, wo er den Innerschweizer Topschwinger Adi Laimbacher souverän besiegte, fehlt ein Nordwestschweizer Exploit. Auf dem Weissenstein gab es einen einzigen Sieg durch Bieri gegen einen fremden «Eidgenossen».

«Wir sind nicht stark genug. Ich bin enttäuscht von unseren Schwingern», sagt der ehemalige «Böse» Rolf Klarer. Verbandspräsident Daniel Dreier schwächt ab: «Wir lebten in den letzten Jahren über unseren Verhältnissen.»

Führungsschwäche?

Ganz anders klingts von den Athleten. Diese beklagten sich in den letzten Wochen nach entgangenen Kranzerfolgen an Bergfesten lautstark über die eigenen Funktionäre in der Einteilung. Darüber ärgert sich Klarer: «Unsere Spitzenschwinger müssen zuerst vor der eigenen Türe wischen, statt nur den Technischen Leiter Stefan Strebel zu kritisieren.» Matthäus Huber, selber Technischer Leiter im Aargau, unterstützt Klarer: «Die Schwinger sollten sich auf die eigene Leistung und ihre Stärken konzentrieren.»

Hansruedi Zumstein, ehemaliger Solothurner Präsident und Technischer Leiter, verfolgt das Schwingergeschehen weiterhin hautnah. Für ihn ist klar: «Wir haben in der Nordwestschweiz ein Führungsproblem. In den Vorständen muss endlich aufgeräumt werden.»

Unterstützung erhält der umstrittene Solothurner aus dem Baselbiet. Ferdinand Christen, ehemaliger Technischer Leiter im Nordwestschweizer Verband, stellt fest: «Bis auf Klubebene hinunter hat es in den Vorständen zu viele Platzhalter. Da muss sich etwas ändern.» Christen bemängelt vor allem die Nachwuchsarbeit und warnt: «In drei bis sechs Jahren fehlt uns quantitativ wie qualitativ die schwingerische Substanz, um national noch mitzuhalten.»

Letzte Hoffnung

Trotz dieser düsteren Wolken am Nordwestschweizer Schwingerhimmel hoffen alle Fachleute auf die Wende am Teilverbandsfest am Sonntag in Döttingen. «Diesen Sieg müssen wir heimfahren und die Saison retten», fordert Rolf Klarer.

Matthäus Huber gibt sich ebenso optimistisch: «Neuer Tag, neues Schwingfest. Wir hatten früher auch schon Probleme vor einem Nordwestschweizerischen und schnitten dann gut ab.» Stefan Strebel, der in jüngster Zeit in der Kritik stand, glaubt an seine Schwinger: «Mit einer Topleistung aller Nordwestschweizer Schwinger können wir in Döttingen den Sieger stellen.»

Herkulesaufgabe

Die in einem Tief steckenden Nordwestschweizer Schwinger erwartet am Verbandsfest in Döttingen eine schwierige Aufgabe. Gegen die Berner Simon Anderegg und Florian Gnägi, die Innerschweizer Torsten Betschart und Andi Imhof, die Nordostschweizer Beat Clopath und Urban Götte sowie gegen den Freiburger Michael Nydegger fällt es schwer, den Tagessieg zu behaupten. Die Fachleute sind sich einig, dass aus dem Nordwestschweizer Lager nur Christoph Bieri und Bruno Gisler für einen Exploit infrage kommen. Die Lenzburger Thürig-Brüder schwingen 2012 zu inkonstant. Der Technische Leiter Stefan Strebel ist nicht einverstanden mit der Krisenstimmung im Umfeld. «Alles halb so schlimm, wir reden immer noch miteinander.» Vor dem letzten grossen Kräftemessen der Saison sass Strebel mit den kantonalen Technischen Leitern zusammen, um die Einteilungsstrategie zu besprechen. Einfach wird die Aufgabe auch deshalb nicht, weil Jürg Mahrer und Andreas Henzer verletzt ausfallen. Bleibt abzuwarten, ob Thomas Zindel bei seinem letzten Kranzfest der Karriere ein grosser Abschied gelingt. (wr)