15. Mai 2014: Nach dem Abpfiff des Super-League-Spiels zwischen dem FC Aarau und dem FC Basel stürmen die Gästefans den Rasen im Brügglifeld. Während der Grossteil sich mit den Spielern über den Gewinn des Meistertitels freut, suchen ein paar Chaoten die Konfrontation mit den Aarauer Fans. Es fliegen Fäuste, Fahnenstangen und sogar ein Bartisch. «Es war wie im Krieg», berichten Augenzeugen. Erst nach dem Einschreiten der Polizei mit Gummigeschoss und Tränengas ziehen sich die Basler Chaoten zurück.

Zehn Tage später gab sich Alfred Schmid optimistisch. «Ich gehe davon aus, dass das Verfahren zu unseren Gunsten ausgehen wird», sagte der FCA-Präsident im Interview mit der «Schweiz am Sonntag». Gestern nun erreichte Schmid das Urteil der Disziplinarkommission der Swiss Football League (SFL): Der FC Aarau muss 40 000 Franken Busse zahlen, der FC Basel 25 000 Franken. Zudem wird der Gästesektor im Brügglifeld beim nächsten Aufeinandertreffen der beiden Klubs am 19. Juli komplett geschlossen.

Die Basler akzeptieren den Entscheid, Schmid hingegen hält die Option Rekurs offen: «Wir analysieren das Urteil mit einem Juristen und entscheiden anschliessend.» Die Erfolgsaussichten auf eine Verminderung der Strafe sind gering. «Auch wenn die totale Kontrolle über jeden Zuschauer unrealistisch ist – der Heimklub ist nun mal für die Stadionsicherheit verantwortlich», sagt Schmid.

Dabei gäbe es gute Gründe, das Urteil anzufechten. In diesem wirft die Disziplinarkommission dem FCA unter anderem vor, auf eine menschliche Sicherheitslinie vor dem Basler Fanblock verzichtet und so den Platzsturm in Kauf genommen zu haben. Recherchen der «Nordwestschweiz» haben nun aber ergeben, dass bewusst darauf verzichtet wurde, einen Platzsturm zu verhindern.

Die Gefahr für Leib und Leben aller Beteiligten sei viel zu gross gewesen. Brisant: Den Entscheid getroffen habe neben den Sicherheitsverantwortlichen der beiden Klubs und dem Einsatzleiter der Kapo Aargau auch die SFL, vertreten durch den obersten Sicherheitsverantwortlichen Dominique Huber. Dies bestätigen zwei unabhängige Quellen gegenüber der «Nordwestschweiz». Hubers Rapport und die anschliessende Verhandlung haben dazu geführt, dass der FCA ausgerechnet wegen des von Huber mitgetragenen Entscheids gebüsst wird.

Konfrontiert mit den Vorwürfen gegen Huber schreibt Philipp Guggisberg, Pressesprecher der SFL: «Die Disziplinarkommission der SFL hat im Rahmen des Beweisverfahrens zur Beurteilung der erwähnten Vorfälle in Aarau sämtliche Verfahrensbeteiligte angehört. Die verschiedenen und allenfalls kontroversen Aussagen und Stellungnahmen wurden in der Folge von der Kommission gewürdigt und sind – falls glaubhaft und sachverhaltsrelevant – im Entscheid berücksichtigt worden.»

Daniele Moro, Präsident der Disziplinarkammer, sagt: «Der FC Aarau hat aus unserer Sicht nicht genügend Massnahmen getroffen, um den Platzsturm zu verhindern. Eine Invasion des Platzes ist grundsätzlich zu sanktionieren.» Tatsächlich? Vor gut einem Jahr gab es nach dem Aufstieg des FCA in die Super League im Brügglifeld ebenfalls einen (friedlichen) Platzsturm – sanktioniert wurde der FCA aber nicht.

FC Basel-Fans stürmen das Feld.

FC Basel-Fans stürmen das Feld.

1000 Fans mehr als erlaubt

Wegen der besonderen Umstände der Partie am 15. Mai – der FCB kürte sich im Brügglifeld zum Meister – erhöhte der FC Aarau die Kapazität des Gästesektors. Statt der üblichen 1000 waren 1500 Basler Fans erlaubt. Gemäss Quellen aus dem FCA-Umfeld befanden sich jedoch rund 2500 (!) FCB-Anhänger im Brügglifeld, also 1000 mehr als erlaubt.

Warum? Auch hier zielt die Kritik aus dem Umfeld des FC Aarau auf Dominique Huber. Nachdem die 1500 erlaubten Fans auf die beiden Sektoren aufgeteilt waren, schloss die Securitas auf Anweisung der Sicherheitsverantwortlichen des FCA die Türen. Unter dem Motto «Bis hierhin und nicht weiter» habe der FCA die Verantwortung für die Sicherheit der Gästefans übernommen. Trotz der rund 1000 Basler, die vor dem Brügglifeld auf den Einlass drängten. Das Sicherheitsdispositiv im Stadion sei im Vorfeld der Partie nach Absprache mit der SFL, der Kapo und dem FCB auf 1500 Gästefans ausgerichtet gewesen.

Hier kommt Huber ins Spiel: Er habe eigenmächtig entschieden, die 1000 Basler doch ins Stadion zu lassen. Trotz aller Warnungen der Sicherheitskräfte. Gegenüber der «Nordwestschweiz» schildert ein Augenzeuge, dass Huber eigenhändig das Eintrittsgeld kassiert und Fan um Fan ins Stadion gelassen habe. «Ein riesiges Gedränge» habe im Gästesektor geherrscht, die Verletzungsgefahr sei latent gewesen. Auch deswegen habe man kurz vor Spielschluss entschieden, einem Platzsturm nicht entgegenzutreten. «Im schlimmsten Fall hätte es wegen der von hinten drängelnden Fans zu einer Massenpanik kommen können», so der Augenzeuge.

Zum Vorwurf gegen Huber, in Eigenregie grünes Licht zur Überfüllung des Stadions gegeben zu haben, will die SFL keine Stellung nehmen.

Nach dem Schlusspfiff stürmen FCB-Fans das Spielfeld. Einige attackieren FC-Aarau-Fans.

Nach dem Schlusspfiff stürmen FCB-Fans das Spielfeld. Einige attackieren FC-Aarau-Fans.