Spiel des Lebens
Die gelungene Rache für die Knoten in den Beinen

In der Rubrik «Spiel des Lebens» erzählen Persönlichkeiten aus der regionalen Sportszene von ihrem denkwürdigsten Wettkampf. Heute: Roger Wehrli (58). Der ehemalige Nationalspieler erzählt über sein Aufeinandertreffen mit Real-Madrid-Legende Juanito.

Aufgezeichnet von Fabian Sangines
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Der Aargauer Roger Wehrli bei einem seiner Spiele für die Grasshoppers.

Der Aargauer Roger Wehrli bei einem seiner Spiele für die Grasshoppers.

NCH/Archiv

«75 000 Zuschauer im Santiago Bernabéu tobten, mindestens 7000 Sitzkissen flogen auf den Rasen – alle beschimpften nur mich.

Am 18. Oktober 1978 bestritten wir mit GC das Achtelfinal-Hinspiel des Europacups (heute Europa League, d. Red.) gegen das grosse Real Madrid. Noch vor dem heutigen Weltmeistercoach Vicente del Bosque galt das Offensivwunder Juanito als absoluter Star der Königlichen.

Dummerweise fiel genau zu dieser Zeit unser nominelle Rechtsverteidiger Thomas Niggel verletzt aus, weshalb ich auf die für mich ungewohnte Position beordert wurde. Ich musste also gegen den pfeilschnellen Juanito – der kleine Spanier war mit dem Ball fast doppelt so schnell wie ich ohne – Manndeckung spielen. Eine Herkulesaufgabe!

So kam es, wie es kommen musste: Der spanische Nationalspieler spielte mir pausenlos geradezu Knoten in die Beine und flitzte mir um die Ohren. Bereits nach 5 Minuten schoss die Real-Legende das 1:0 für sein Team, nach 20 Minuten lagen wir sogar schon mit 0:2 hinten. Juanito hatte aber noch lange nicht genug, weshalb mir meine Teamkollegen immer lauter zuriefen: «Hau ihn endlich mal so richtig um.» Ich traute mich aber nicht. Noch nicht.

Als mich der Weltstar einmal mehr fast schon lächerlich austanzte, blieb er plötzlich stehen, drehte sich zu mir um und winkte mir lachend zu – und weg war er wieder. Das Publikum brach in schallendes Gelächter aus und ich war die Witzfigur. Nun hatte ich endgültig genug.

Fünf Minuten später liess ich meinem Frust freien Lauf, rauschte Juanito an der Seitenlinie in die Beine und säbelte ihn aufs Übelste um. Da eskalierte das komplette Bernabéu endgültig, man beschimpfte und bewarf mich mit allem Möglichem. Besonders die damals üblichen Sitzkissen waren ein beliebtes Geschoss.

Zwar zauberte der damals 23-Jährige weiter, doch etwas Respekt hatte ich mir durch meine Attacke schon verschafft. Die Partie verloren wir übrigens 3:1, unser Auswärtstor sollte sich aber noch als richtungsweisend erweisen.

Im Rückspiel hatte ich erneut das Vergnügen, Juanito als direkten Gegenspieler zu haben. Trainer Johannsen sagte an der Teamsitzung vor dem Spiel sogar: «Wehrli, heute bist du der entscheidende Mann auf dem Feld» (Wehrli bricht in schallendes Gelächter aus). Und siehe da: Ob es an meinem Sahnetag oder Juanitos unterirdischem Spiel lag – wohl Letzteres –, aber der spanische Wirbelwind hat das ganze Spiel keinen Ball gesehen.

In der 70. Minute wurde der Spanier ausgewechselt und soll sogar wutentbrannt die Kabinentür eingetreten haben – trotzdem durfte ich nach Spielschluss mit ihm das Trikot tauschen.

Wir gewannen die Begegnung sogar mit 2:0 und zogen ins Viertelfinale ein. Den Triumph über das grosse Real Madrid feierten wir in der Zürcher Diskothek Mascotte ausgelassen und erfreuten uns an der unglaublichen Siegprämie von 3000 Franken.

In meiner Karriere hatte ich viele unvergessliche Spiele, doch wie mich der unvergleichliche Juanito gerade zu lächerlich gemacht hat, ist wohl eines der grössten Highlights in meiner Karriere.»

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