Es ist heiss und schwül, die Schlange am Glacé-Stand lang und immer wieder schallt eine Lautsprecherdurchsage über das grosse Festgelände: «Liebe Leiter, bitte schaut, dass eure Schützlinge genug trinken.» So präsentierte sich gestern der erste Tag des Aargauer Kantonalturnfestes in Muri. Bis zum übernächsten Sonntag, dem 25. Juni, werden sich auf dem riesigen Gelände des Turnfestes 13 000 Turnerinnen und Turner aus über 500 Vereinen messen. Für die Aargauer Jungturner fand das Fest bereits am ersten Tag einen Höhepunkt: Es standen die Vereinswettkämpfe der Jugend auf dem Programm.

Dabei turnten Jugendgruppen von über hundert Vereinen mit teilweise über hundert Jugendlichen um den Sieg. Mitmachen durfte, wer im Jahr 2000 oder danach geboren wurde. Die Teams mussten verschiedene Disziplinen meistern: Darunter waren neben klassischen Turnelementen wie dem Schulstufenbarren auch leichtathletische und polysportive Disziplinen wie ein Hindernislauf.

Der erste Tag in Muri:

Dieser wurde durch die äusseren Bedingungen gleich noch ein bisschen schwieriger: «Das Gras war viel zu hoch und feucht. Das machte es schwierig», sagt Thomas Suter, Jugend-Verantwortlicher des drittplatzierten TV Holziken, stellvertretend für viele Leiter.
Weniger Probleme mit dem Terrain hatten dabei die Jugendlichen des TV Hubersdorf aus dem Kanton Solothurn, sie konnten zwar die höchste Punktzahl erreichen, gelten aber trotzdem nicht als Turnfestsieger. Denn Turnfestsieger kann am Aargauer Kantonalturnfest seit jeher nur ein Aargauer Verein werden.

TV Stein wird Turnfestsieger

So kommt der eigentlich zweitplatzierte TV Stein zum Handkuss. Dennoch ist die Hauptverantwortliche der Jugendgruppe, Stefanie Pargätzi, glücklich: «Ich freue mich vor allem für die Kinder, sie sind schliesslich die, die etwas leisten». Auch der Leiter des TV Stein, Philipp Berger, zeigt sich zufrieden: «Ich bin stolz. Wir sind einfach froh, dass wir mit über 30 Kindern hier antreten können. Wir wollen, dass am Turnfest alle Kinder dabei sein können. Deshalb selektionieren wir nicht.» Der TV Stein ist mit 34 Kindern angereist, die Solothurner mit 44.

Beide Vereine haben keine Nachwuchsprobleme. Hubersdorf hat etwa 700 Einwohner, 60 Kinder sind in der Jugendgruppe des Turnvereins, dazu kommen 30 Junioren. Auch Stein hat mehr als genug junge Mitglieder. Thomas Suter berichtet dagegen von Problemen bei den städtischen Vereinen: «Man sieht, dass die städtischen Turnvereine praktisch verschwinden. Wir haben es auf dem Land deutlich einfacher.» In der Tat ist beim Aargauer Kantonalturnfest zum Beispiel keine Jugendgruppe aus dem Kantonshauptort Aarau dabei.

Dies erklärt Peter Egli, Präsident der BTV Aarau: «Unsere Riegen sind wegen eines Streits um Verbandsbeiträge mit dem Schweizer Turnverband seit Jahren nicht mehr an den kantonalen und eidgenössischen Turnfesten dabei.» Dennoch war gestern vielfach zu hören, dass es in der Stadt deutlich schwieriger sei, Turnnachwuchs zu rekrutieren. Das liegt wohl vor allem daran, dass die Stadt den Jugendlichen viele Alternativen bietet, wie zum Beispiel Fussball oder Eishockey.

Zusammenhalt als Trumpf

Doch wie können es die Turnvereine mit der Konkurrenz aufnehmen? Schliesslich nimmt diese eine viel grössere Rolle in der medialen Öffentlichkeit ein. «Bei uns funktioniert das mit Mund-Propaganda, ausserdem bieten wir einen grossen Zusammenhalt», sagt Berger vom TV Stein. Der TV Merenschwand veranstaltet seit Januar ein Lauftraining, um Kinder und Jugendliche in den Verein zu holen. Erich Wigger, der dieses Training leitet, sieht keinen Stadt-Land-Graben, dafür eine andere Schwierigkeit: «Es ist sehr viel schwieriger, Buben in den Verein zu holen als Mädchen.»

Auch er macht dabei die Mannschaftsportarten als Schuldige aus. Knaben hätten schlicht mehr Möglichkeiten, Sport zu treiben als Mädchen. Dennoch will er diese Sportarten nicht als Konkurrenz verstanden wissen: «Jeder Jugendliche, der sich sportlich betätigt, ist ein Erfolg. Das ist unser Ziel.» Dass sich die Jugendlichen auch weiterhin in den Jugendgruppen von Turnvereinen fit halten, scheint wahrscheinlich. Auch Gerber vom TV Stein sagt: «Der Breitensport ist wichtig für die Gesellschaft. Deshalb wird er immer seinen Platz haben.»