Zwei mickrige Törchen hat der FC Aarau in fünf Meisterschaftsspielen erzielt, beide in der Nachspielzeit, als die Partien gegen Winterthur (1:3) und Chiasso (1:2) längst entschieden waren. Vor einer Woche verletzte sich zudem Marco Schneuwly, der zwar noch keine Tore erzielte, dem man diese aber auf Dauer am ehesten zutraute.

Am Donnerstag hat die sportliche Leitung auf die Offensivmisere reagiert. Nicht mit einem neuen Stürmer, sondern mit einem Stürmertrainer. Ein überraschender Schachzug. Umso mehr, weil dieser Stürmertrainer Petar Aleksandrov heisst. Der Bulgare mit dem legendären Stirnband schoss den FC Aarau in der Saison 1992/93 mit 19 Treffern zum Meistertitel und sich selber auf den Torjägerthron. Seither geniesst Petar, wie ihn alle nur nennen, weit über die Kantonsgrenzen hinaus Kultstatus.

Petar Aleksandrov trägt den FC Aarau im Herzen

Petar Aleksandrov trägt den FC Aarau im Herzen

Von Platz 1075 auf die FCA-Bank

Aleksandrov ist nach der Aktivkarriere weit herumgekommen, hat für Luzern, GC, St. Gallen, Biel und den FC Zürich als Assistenz- oder Stürmertrainer gearbeitet. Doch sein Herz schlug immer im Stadion Brügglifeld. Wann möglich, sass der 55-Jährige auf Platz Nummer 1075 auf der Haupttribüne und verfolgte die Heimspiele seines FC Aarau. Seit einigen Jahren gibt es nur noch selten Grund zur Freude, was einen grossen FCA-Fan wie Aleksandrov besonders schmerzt.

In den Emotionen fielen dann auch mal Worte, die so nicht hätten fallen sollen. Zumindest nicht, wenn man auf einen Job im Brügglifeld hofft. Die Sticheleien von beiden Seiten verhinderten seit Jahren die Erfüllung des lang gehegten Wunsches von Aleksandrov: Im Brügglifeld gebraucht werden und Dienste für den FC Aarau zu leisten.

Aleksandrov zögert keine Sekunde

Bis jetzt. Ab sofort sitzt er nicht mehr auf der Tribüne, sondern nimmt ab sofort bei Heimspielen auf der FCA-Bank Platz: Stürmertrainer Petar Aleksandrov. «Davon hätte ich vor 24 Stunden nicht mal zu träumen gewagt», sagt er am Donnerstag. Am Mittwoch haben Sportchef Sandro Burki und Cheftrainer Patrick Rahmen ihn zu einem Treffen eingeladen – nach 20 Minuten war alles klar.

Rahmen und Aleksandrov kennen sich aus Biel, wo sie im Herbst 2015 in der gleichen Konstellation zusammenarbeiteten. Aleksandrov zögert keine Sekunde, das Angebot zur Mithilfe anzunehmen: «Es gibt Leute, die haben mich gewarnt und gefragt, ob ich mir den FC Aarau in dieser Situation wirklich antun möchte. Aber hey: Wenn ich in die Heimat gerufen werde, weil es Probleme gibt, dann gehe ich.» Im Gespräch mit Burki und Rahmen kommen auch die Differenzen aus der Vergangenheit auf den Tisch, beide Seiten sind sich Fehler bewusst und wollen nun nach vorne blicken.

Im ersten Training zeigt Aleksandrov jedenfalls bereits vollen Einsatz:

Als der FC Aarau 1993 mit Aleksandrov Meister wurde:

Das Stirnband ist immer dabei

Aleksandrov ist voller Tatendrang. Er hat einen Vertrag bis Ende Jahr unterschrieben, gemäss dem Rahmen ihn bei Bedarf aufbieten kann. «Ich habe Patrick und Sandro Burki gesagt, dass ich momentan in jedem Training dabei sein und meine Energie voll und ganz in den FC Aarau investieren möchte. Es braucht alle zur Verfügung stehenden Kräfte und viel harte Arbeit, um endlich Punkte zu holen», sagt Aleksandrov. «Klar sieht es nicht gut aus, aber ich bin optimistisch und glaube an die Mannschaft, sonst hätte ich den Job nicht übernommen.»
Neben der fachlichen Unterstützung hoffen die Verantwortlichen auch auf den «Petar-Effekt». Seine Leidenschaft für den FC Aarau soll die Spieler anstecken, ja wachrütteln. Und in der Aussendarstellung soll Aleksandrov eine Art Maskottchen werden und als Identifikationsfaktor für die Menschen dienen. In der aktuellen Verfassung des FC Aarau sind alle Hilfsmittel willkommen – auch symbolische. So feiert mit Aleksandrov auch das Stirnband ein Comeback im Brügglifeld. Der neue Hoffnungsträger sagt: «Ich habe in jedem Training und in jedem Spiel mein Stirnband dabei. Das ist mein Glücksbringer. So, und jetzt ist aber genug geredet. Jetzt müssen wir arbeiten und Punkte holen.» Sagts und legt den Telefonhörer auf.