Wer hätte das gedacht: Francesco Gabriele verlässt den FC Wohlen. Nicht, weil er gehen muss. Nein, er tut dies freiwillig. Mehr noch: Er geht aus der Position der Stärke.

Als der 40-Jährige vor acht Monaten als Nachfolger von Martin Rueda präsentiert wurde, waren die Skeptiker zahlreich. Die Wunschkandidaten waren damals Urs Meier (ehemals FC Zürich) und Marinko Jurendic (SC Kriens). Sie sagten ab und so kam Gabriele zum Zug. Als er zudem mit zwei Kanterniederlagen gegen Servette (1:6) und Aarau (1:4) denkbar schlecht startete, schien das schnelle Ende eines Missverständnisses nah. Und Gabrieles bis dato mehr schlechte als rechte Karriere als Profitrainer um ein weiteres Kapitel reicher.

Francesco Gabriele konnte seit seinem Amtsantritt nach dem sechsten Spieltag 32 Punkte einfahren.

Francesco Gabriele konnte seit seinem Amtsantritt nach dem sechsten Spieltag 32 Punkte einfahren.

Tempi passati, der Wind hat gedreht. Und wie: Der FC Wohlen ist seit dem Amtsantritt Gabrieles nach dem 6. Spieltag die fünftbeste Mannschaft der Challenge League (siehe Tabelle). Und dies trotz eines sehr bescheidenen Budgets. Was dabei auffällt: 25, und somit die meisten der 32 Punkte unter Gabriele, sicherte sich Wohlen auf fremden Plätzen – nur Xamax und der FC Zürich sind in dieser Hinsicht besser.

Hingegen ist der FCW mit nur 11 Punkten die schlechteste Heimmannschaft. Warum diese Diskrepanz? Eine These: Der technisch anspruchsvolle Fussball, den Gabriele spielen lässt, ist auf dem holprigen Rasen im Stadion Niedermatten fehl am Platz.

Auf dem holprigen Rasen im Stadion Niedermatten können die Wohler nicht das technisch anspruchsvolle Spiel von Gabriele spielen.

Auf dem holprigen Rasen im Stadion Niedermatten können die Wohler nicht das technisch anspruchsvolle Spiel von Gabriele spielen.

Wie in München so in Wohlen

Der Solothurner hat in Wohlen weitere Duftmarken gesetzt: Als erster Trainer, der die Freiämter zum Derbysieg gegen Aarau (3:0) geführt hat, ist ihm ein Platz in den Geschichtsbüchern sicher. Viel wichtiger ist jedoch die Erkenntnis: Gabriele hat der Wohler Mannschaft eine klare Handschrift verpasst. Das System mit drei Innenverteidigern ist hochmodern und hat sich etabliert. Keine Selbstverständlichkeit, wenn man bedenkt, dass Wohlen mit der zweitjüngsten Mannschaften der Liga operiert.

Apropos Junge: Gabriele hat die Strategie, auf Talente aus den Nachwuchsabteilungen der Super League Vereine zu setzen, konsequent umgesetzt. Mit Erfolg: In den vergangenen Monaten sind Pagliuca, von Niederhäusern, Loosli und Castroman, um eine Auswahl zu nennen, aufgeblüht. Dazu haben Spieler wie Bicvic und Pacar in Wohlen die Lust am Fussball wiedergefunden.

Gabriele mag kein Trainer zum Anfassen sein. Keiner, der sich nach Spielschluss ins Klubbeizli setzt und mit der Altherren-Fraktion fachsimpelt. Lieber verkriecht er sich in sein Trainerbüro für eine Videoanalyse. Zudem ist Gabrieles Kommunikation ausbaufähig: Dass er sich im Dezember mit entsprechenden Aussagen als zukünftiger Trainer beim FC Aarau ins Gespräch brachte, war ungünstig. Ebenso die ständige Bitte um Anerkennung für die Leistungen der Mannschaft.

In Sachen Fleiss und Professionalität jedoch ist Gabriele nur zu loben, genauso herausragend ist sein Fussball-Sachverstand. Kurz gesagt: Ob er in Wohlen oder bei Bayern München arbeitet, Gabriele tut es mit der gleichen Hingabe und Seriosität. Weil es ihm um die Sache geht. Mit dieser an einen Steuerbeamten erinnernden Sachlichkeit gelingt es ihm, wissbegierige und junge Talente für sich zu gewinnen. Hingegen verfügt er nicht über die Empathie eines Murat Yakin, um Spieler mit grossen Egos bei Laune zu halten. In Bellinzona etwa haben ihn Hakan Yakin und Markus Neumayr belächelt.

Man kommt nicht um die Feststellung herum: Gabrieles künftiger Job als Nachwuchstrainer beim Schweizer Fussballverband ist ihm wie auf den Leib geschnitten.