Olympische Spiele
Der Weg nach Tokio: Vier Aargauer Athleten erzählen, wie sie ihren Olympia-Traum verfolgen

Die Olympischen Sommerspiele 2020 sind das grosse Ziel der vier Aargauer Athleten Oliver Hegi (Kunssturnen), Aline Seitz (Rad Bahn), Ciril Grossklaus (Judo) und Michelle Heimberg (Wasserspringen). In ihrer wöchentlich erscheinenden Kolumne geben sie abwechselnd Einblicke in ihren Alltag auf dem Weg nach Tokio. Diesmal Aline Seitz.

Aline Seitz
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Probst

Am 24. Juli 2020 werden die Olympischen Sommerspiele in der japanischen Hauptstadt Tokio eröffnet. In den kommenden Monaten kämpfen auf der ganzen Welt unzählige Sportlerinnen und Sportler dafür, sich ihren Traum, am grössten Sportanlass der Welt teilnehmen zu können, zu erfüllen. Darunter auch vier Athleten aus dem Kanton Aargau, die sich schon vor geraumer Zeit auf den beschwerlichen Weg Richtung Tokio gemacht haben.

Der Kunstturner Oliver Hegi (Schafisheim), der Bahnradfahrerin Aline Seitz (Buchs), der Judoka Ciril Grossklaus (Brugg) und die Wasserspringerin Michelle Heimberg (Fislisbach) nehmen uns in den kommenden Monaten mit auf ihre jeweiligen Reisen der Hoffnung.

In einer wöchentlichen Kolumne werden die Spitzensportler abwechslungsweise aus ihrem Alltag erzählen. Sie werden über Siege und Niederlagen, Freuden und Sorgen, Lust und Frust auf dem Weg Richtung Tokio berichten.

Von unseren vier Aargauer Vertretern hat erst Oliver Hegi sein Olympia-Ticket so gut wie sicher in der Tasche. Bei den anderen drei geht es primär darum, erst einmal die Qualifikationshürden zu meistern.

Das kann – im Extremfall – bis wenige Wochen vor dem Grossanlass dauern. Es ist also auch eine Reise ins Ungewisse. Und die grosse Frage bleibt offen: Wird der enorme Aufwand, den alle leisten, am Ende belohnt?

Die Kolumne von Aline Seitz

Aufstehen, Wunden säubern, weiterfahren

Wie würden Sie anhalten, wenn Ihr Fahrrad keine ­Bremsen hätte? Optimaler­weise liessen Sie es einfach ausrollen, bis es von selbst still steht. Weniger angenehm wäre jedoch, wenn Sie von jemand anderem unfreiwillig zu Boden gerissen würden.


Wenn Sie eine Jobbeschreibung eines Bahnradfahrers lesen würden, dann würde beim Kleingedruckten das Sturz­risiko wohl nicht fehlen. Unsere Bahnräder sind aufs Mini­malste reduziert. Sie be­sitzen keine Bremsen und nur einen starren Gang. Kommt also jemand vor einem zu Fall, gibt es oft kein Aus­weichen mehr. Dies passierte mir nun gleich in drei Weltcups hintereinander. Zuerst in Glasgow, dann ein wenig später in Neuseeland und zum Dritten, nur ein paar Tage danach, in Australien.


Ob Europa oder Ozeanien, ich glaube an der Erdanziehungskraft kann es nicht liegen. Die zwei letzten Stürze waren fast identisch. Der letzte Kilometer des Rennens war angebrochen. Drei Runden vor Schluss ist das Tempo knapp 60km/h hoch. Das Fahrerfeld ist so dicht aufeinander, dass man schnell mal die Ellbogen der Nebenfahrerin spürt. Macht dann nur eine Fahrerin eine unglückliche Bewegung und touchiert jemanden, entsteht ein Dominoeffekt und das Scheppern beginnt. Unsere Rennanzüge sind nichts als ein leichter Stoffüberzug.

Sibirisches Fichtenholz und seine Nachteile

Deshalb sind solche Stürze sehr unangenehm. Das Resultat sind im besten Fall Hautverbrennungen, Schürfungen, Prellungen. Nachdem das Adrenalin verpufft ist, beginnt aber erst die eigentliche Tortur.

Eine Radrennbahn in der Halle besteht aus sibirischem Fichtenholz. Das erste was man also beim Samariter nach dem Sturz macht, sind die Holz­splitter aus der Haut ziehen.
Da diese Bahnen immer ein wenig staubig sind, kleine Pneupartikel oder Dreck sonstiger Art auf der Ober­fläche liegt, geht dies natürlich mit in die Wunde. Schritt Nummer zwei ist also das Ausbürsten der Wunde. Oft kombiniert mit der Dusche nach dem Rennen. Zähne­knirschend muss man das Säubern durchstehen.


Da man oft nicht nur ein ­Rennen am Wochenende hat, muss man weiterkämpfen. In Neuseeland gelang mir dies weniger gut. Die geringe Erholungszeit verhinderte, dass ich meine volle Leistung abrufen konnte. In Australien waren die Schmerzen weniger gross und es lief etwas besser. Trotzdem waren die Resultate ebenfalls nicht zufrieden­stellend. Da die Weltcups im Hinblick auf die Olympia­qualifikation sehr wichtig sind, haben wir leider mit den vergangenen Rennwochen­enden einen Schritt zurück gemacht. Es warten nun noch zwei Chancen auf uns, einen Quotenplatz zu ergattern.


Bis dahin pflege ich meine Blessuren weiter. Schritt ­Nummer drei: Wunden ent­weder zugedeckt lassen und immer wieder neu säubern. Oder man lässt sie an der Luft trocknen und salbt Tag für Tag nach. Das dauert jedoch. Ausserdem klebt man oft an der Bettdecke oder an den Kleidern. Deshalb fand ich nun eine neue Methode: Antiseptisches Babypuder daraufstäuben. Hilft beim Ein­trocknen und so fühlt man sich wie neu geboren.

Die zweite Kolumne von Oliver Hegi