Kunstturnen
Der Vize-Europameister, der auch am Turnerabend auftritt

Christian Baumann ist überraschend Vize-Europameister am Barren. Wer ist der 20-Jährige aus Leutwil im Aargauer Seetal, der auf den ersten Blick einen ziemlich unscheinbaren Eindruck hinterlässt?

Rainer Sommerhalder
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Christian Baumann freut sich über den Empfang in seiner Wohngemeinde Leutwil

Christian Baumann freut sich über den Empfang in seiner Wohngemeinde Leutwil

Rainer Sommerhalder

Christian Baumann ist ein zurückhaltender junger Mensch. Im Gedränge des Empfangs für den Vize-Europameistertitel in seiner Wohngemeinde Leutwil geht der 20-Jährige beinahe unter. Selbst die Jubelpose des Kunstturners während der lang anhaltenden Standing Ovations hoch oben auf dem «Barren-Mobil des TV Lüpu» wirkt wie ein Inbegriff von Schüchternheit.

Gut möglich, dass Christian Baumann deswegen hie und da unterschätzt wird. Das ist ein Fehler. Der neue Stern am Aargauer Turnhimmel hat Qualitäten, die nicht zu seiner Erscheinung passen wollen. Von wegen Grünschnabel. Wenn ein 20-Jähriger an der ersten Europameisterschaft bei den Grossen in seinem allerersten Gerätefinal bei der Elite beinahe allen Konkurrenten um die Ohren turnt, dann bedarf dies einer ausserordentlichen Nervenstärke.

Der unscheinbare «Killer»

Welcher Sportpsychologe hat hier ganze Arbeit geleistet? «Mentales Training betreibe ich eigentlich nicht. Wir hätten zwar im Kader die Möglichkeit, mit einem Mentaltrainer zusammenzu-arbeiten, aber ich habe das Gefühl, ich brauche das nicht», sagt Baumann. Sein Erfolgsrezept ist simpel. Er sage sich jeweils vor dem Wettkampfauftritt, «ich kann meine Übung und ich zeige das jetzt». So wird man heutzutage Vize-Europameister.

Ein bisschen stolz ist er schon, der neue Schweizer Turnheld aus dem kleinen Leutwil.
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Vorbereiten für den grossen Empfang.
Auch Christians Eltern wurden für einen Tag zu gefragten Interviewpartnern.
Zufall, dass Christian Baumann (Zweiter von links) seine Medaille am Barren gewonnen hat?
Stolz posieren seine Kollegen vom Turnverein mit Chregi für die Fotografen.
Standing Ovations für den nun berühmtesten Leutwiler.
Halb Leutwil fand sich auf dem Dorfplatz ein.
In freudiger Erwartung auf den Vize-Europameister.
Die Leutwiler dankten Christian Baumann den Erfolg mit einem Grossaufmarsch.
Gibt es von der Musikgesellschaft bald einen Christian-Baumann-Marsch?
Der ehemalige Oberturner des TV Leutwil (rechts) hält eine launige Rede.
Den Apéro spendierte die Gemeinde.
Das Plakat des Turnvereins von Leutwil auf dem Dorfplatz.
Das Barren-Mobil des TV Lüpu in voller Pracht.
Christian Baumann wurde von den Dorfvereinen mit Präsenten überhäuft.
Christian Baumann wollte und wollte nicht mehr von seiner Plattform herunter.
Christian Baumann war vom grossen Empfang berührt.
Christian Baumann und seine Kollegen des TV Lüpu treffen mit dem ganz speziellen Fahrzeug ein.
Empfang für EM-Silber-Held Christian Bauman
Auch Gemeindeammann Walter Scheurer gratulierte dem Vize-Europameister.
Anstehen bei der Gratulationstour für Chrigi Baumann.
Auch die Alphornbläser liessen sich nicht lumpen.

Ein bisschen stolz ist er schon, der neue Schweizer Turnheld aus dem kleinen Leutwil.

Rainer Sommerhalder

Um am Barren mit den Besten Europas mithalten zu können, baute Baumann auf diesen Frühling hin ein neues, schwierigeres Element ein. Dank dem «Makuts» ist der Schwierigkeitsgrad seiner Übung von 6,2 auf 6,4 gestiegen. Nur zweimal konnte der Seetaler dieses Element vor der EM in Frankreich wettkampfmässig testen.

Im Gerätefinal von Montpellier gelang es perfekt. Das nennt man «Killerinstinkt». Baumann, der unscheinbare «Killer». Und wieder überrascht dieser mit einer Aussage, die man in der Regel genau umgekehrt zu hören bekommt: «Im Wettkampf gelingt mir der ‹Makuts› immer besser als im Training.» Punkt, fertig, Silber.

Jedes Jahr am Turnerabend

Turnerisch ist der Leutwiler an der Spitze angekommen. Ein Star ist er deswegen noch lange nicht. Im Gegensatz etwa zu einem Lucas Fischer oder früher einem Niki Böschenstein, die beide über extrovertierte Eigenschaften verfügen, ist er gegenüber der Öffentlichkeit ein sehr defensiv auftretender Typ.

So droht ihm auch keine Aneignung von irgendwelchen Allüren. Christian Baumann bleibt auch im fernen Magglingen oder auf dem Podest in Montpellier ein Junge von «Lüpu». So wie schon sein Vater Mario, der ehemalige Oberturner des TV Leutwil. So wie seine Mutter Monika, die Leiterin des Damenturnverbandes. Und so wie seine beiden älteren Brüder – Stefan, der derzeitige technische Leiter des TVL, und Adrian, der Aktuar.

Für die grosse EM-Überraschung aus Schweizer Sicht sorgte in den Gerätefinals Christian Baumann, der am Sonntag am Barren überraschend Silber gewann.
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Der 20-jährige Aargauer zeigte auch bei seinem dritten Einsatz in Montpellier noch einmal eine makellose Übung.
Am Ende lag Baumann mit 15,300 Punkten gleichauf mit dem Rumänen Marius Berbecar und musste sich nur von Weltmeister und Titelverteidiger Oleg Wernjajew aus der Ukraine geschlagen geben.
"Es ist ein Hammer-Gefühl", sagte Baumann.
Einen solchen Erfolg habe er vor den Europameisterschaften nicht für möglich gehalten. "Ich bin überwältigt und sprachlos."
Bereits am Freitag im Mehrkampf hatte Baumann mit Rang 8 überzeugt und ein Diplom gewonnen, am Barren setzte er zum Abschluss der Titelkämpfe noch einen drauf.
Die drei Medaillen-Gewinner: Der Ukrainer Oleg Verniaiev in der Mitte sichert sich Gold, der Rumäne Daniel Berbecar und Christian Baumann gewinnen Silber.
Baumann blieb trotz erhöhter Nervosität cool. "Noch nie bin ich so konzentriert an einen Barren herangegangen."

Für die grosse EM-Überraschung aus Schweizer Sicht sorgte in den Gerätefinals Christian Baumann, der am Sonntag am Barren überraschend Silber gewann.

Keystone

Deshalb wird es für Christian Baumann auch als EM-Medaillengewinner eine Ehre sein, im nächsten Januar wie jedes Jahr seine Künste am Leutwiler Turnerabend zu präsentieren. Und er wird auch das nächste Mal schmunzeln, wenn der ehemalige Vereinsoberturner eine Laudatio auf ihn hält und bemerkt: «Chregi kletterte schon als kleiner Bub an allen möglichen Objekten herum. Heute würde man Ritalin verschreiben, damals schickte man ihn in den Turnverein.»

Ein letztes Mal überrascht Baumann sein Gegenüber: Als Lohn für die EM-Strapazen zieht er eine Woche Ferien ein. Doch was macht einer, der sagt, nach dem Training am liebsten in seinem Zimmer zu entspannen und ab und zu Gitarre zu spielen, in den nächsten Tagen? «Eigentlich hatte ich vor, mit einem Turnkollegen einen Fallschirmsprung auszuprobieren», sagt Christian Baumann und lächelt verlegen.

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